Review

Staffel 1

Ein modernes Familiendrama aus den USA in Serienform klingt ja schon mal für frischen Wind im ewigen Crime- und Mystery-Einerlei, das einem das Fernsehen so vorsetzt, auch wenn der schlichte Titel Brothers & Sisters nun nicht unbedingt Lust auf mehr macht.

Nora Walker (Sally Field) und ihre fünf längst erwachsenen Kinder müssen sich neu arrangieren, als der Familienvater und Ehemann William stirbt. Er hinterlässt ein Familienunternehmen, in dem er, wie nach und nach aufgedeckt wird, schmutzige Geschäfte getrieben hat. Auch dass William offensichtlich jahrelang eine Geliebte hatte, die dann auch noch unverhofft in das Leben der Walkers platzt, um ihren Teil vom Erbe abzubekommen, macht es für seine Hinterbliebenen nicht unbedingt einfacher. Da gibt es Kitty (Calista Flockhart), die als überzeugte Republikanerin dank ihrer Polittalkshow sehr in der Öffentlichkeit steht; den schwulen Anwalt Kevin (Matthew Rhys), der hingegen eine deutliche Abneigung gegenüber Republikanern hat; Sarah (Rachel Griffiths) und Tommy (Balthazar Getty), die den Familienbetrieb retten wollen und auch zu Hause in ihren eigenen Familien noch so ihre Probleme haben und der Jüngste, Justin (Dave Annable), der seit seiner Rückkehr aus Afghanistan in einer Welt aus Drogen herumgammelt. Zu guter Letzt wäre da auch noch Noras Bruder Saul (Ron Rifkin), der ebenfalls im Familienbetrieb arbeitet und so manches Geheimnis von William nicht preisgeben will—obwohl er offensichtlich in alles eingeweiht war.

Die Personenkonstellationen und die einzelnen Charaktere mit ihren Problemen und Situationen versprechen so einiges an Potential. Leider wirkt das alles zu konstruiert. Teilweise fühlen sich die Twists und Figuren in Brothers & Sisters an, als hätten die Macher gewissenhaft auf einer Checkliste abgehakt. Traumatisierte drogensüchtige Kriegsveteranen, erfolgreiche Geschäftsleute, Homosexuelle, Ehen ohne Zärtlichkeit, kranke Kinder und Impotenz. Check – alles da. Als Sahnehäubchen sozusagen gibt es dann auch noch die Geliebte, die für eine amerikanische Familienserie dann doch eher ungewöhnlich scheint, die Mischung aber interessant nachwürzt.

Jedoch sind bei Brothers & Sisters nicht nur die einzelnen Figuren berechnend konstruiert. Auch die Geschichten, die sie so zu durchleiden haben, all die Schicksalsschläge, die Streitereien, der dann doch siegende familiäre Zusammenhalt, das alles kommt nicht von ungefähr, bleibt jedoch trotz allem erträglich und ist relativ nah an der Realität.

Was dann aber wirklich stört, ist die Umsetzung der Figuren. Mit Ally McBeal-Darstellerin Calista Flockhart konnte man sicher ein prominentes Gesicht für die Rolle der Kitty gewinnen, doch scheint sie kaum zu wissen, was sie mit ihrer mehr als blassen, wenn nicht gar langweiligen Rolle, die sich allein durch ihre politischen Ansichten zu profilieren scheint, anfangen soll. Ebenso blass und unnahbar bleibt die Rolle des Tommy, die man im Grunde ohne Verluste aus dem Skript hätte streichen können. Kevin als zynischer Schwuler ist da schon interessanter, wenn er auch nicht gerade der Sympathischste geworden ist. Die älteste Tochter Sarah dagegen ist sicherlich eine der stärksten Persönlichkeiten der fünf Geschwister, da sie eine Frau ist, die mit beiden Beinen im Leben steht, sie ist eine Kämpferin, deren eigenes Familienleben zwar interessant aber leider zu grauverschleiert beleuchtet wird. Mit Justin als jungem Kriegsveteran greift man ein aktuelles Thema auf. Auch die Anschläge vom 11. September spielen hier eine große Rolle und werden gelegentlich sehr emotional aufgearbeitet. Sally Field passt perfekt in die Rolle der Nora Walker, auch wenn ihre Rolle trotz aller Sympathien so blass bleibt wie der Rest der Walker-Familie. Onkel Saul bleibt ein widerlicher Unsympath und sämtliche Nebenfiguren, seien es Freunde, Kollegen oder Angeheiratete aus dem Umfeld der Walkers, bleiben grau und austauschbar. Gerade bei den Männern macht das schon rein optisch ein Problem. Man braucht einige Folgen, um all die Männer (was auch für die meisten Hauptfiguren gilt) auseinanderhalten zu können, da sie sich im Aussehen (genauso wie im Handeln) kaum voneinander unterscheiden.

Skizzenhafte Figuren sind also das eine Dilemma von Brothers & Sisters. Die Ausführung der Handlung ist das andere. Denn selten hat man das Gefühl, bei einem Ereignis wirklich dabei zu sein. Eine interessante Szene wird nicht gezeigt, sondern in einer Szene später beredet. Wer also einen Heiratsantrag bekommt, wird in diesem Moment nicht reagieren. Die nächste Szene aber wird dem Zuschauer erklären, dass es wohl nicht zu einer Hochzeit kommen wird, obwohl eigentlich viel interessanter gewesen wäre, wie die betroffene Person emotional reagiert hätte. Das ist schließlich der große Stolperstein für Brothers & Sisters. Der Zuschauer bleibt ständig außen vor, kommt nicht an die Personen und auch nicht an das Geschehen selbst heran. Er bleibt Zuschauer und verliert deshalb recht schnell das Interesse.

Brothers & Sisters ist nicht grottenschlecht. Es hat seine guten, starken, emotionalen Momente, doch für ein Drama ist das viel zu wenig. Ein Problem wird in einer Folge durchlaufen und abgehakt. Das macht die Atmosphäre der Serie unglaublich steril. Alles bleibt an der Oberfläche, wird nicht vertieft und alles scheint durch einen Eitel-Sonnenschein-Filter gefilmt. Denn sämtliche Reibereien bleiben harmlos, es wird vergeben und vergessen und die Fetzen fliegen sowieso nie richtig.

Die Regisseure um Ken Olin hatten zwar sicher gute Vorsätze, aber haben sich bei dem ganzen Unterfangen ziemlich übernommen. Zu viele Figuren, die allesamt zu schemenhaft bleiben, in zu vielen verzwickten Situationen, die nur umrissen werden, können auf Dauer nicht an die Serie fesseln. Brothers & Sisters hält weitaus weniger als es verspricht, zumal das Ganze dann meist auch noch recht dröge inszeniert ist. Selbst die humorvollen Szenen werden so gleichgültig heruntergeleiert, dass man es kaum mehr als Witz wahrnimmt. Wirklich schade, zumal die Serie etliche Preise oder wenigstens Nominierungen vorweisen kann. Nicht verwunderlich, dass dabei ausgerechnet die Darsteller für Nora, Sarah und Justin am besten wegkamen.

Brothers & Sisters ist nicht schlecht, aber leider auch nicht gut. Tonnenweise Potential wurde verschenkt und nur wenig genutzt. Wer sich auch für etwas behäbiger inszenierte Dramen begeistern kann, der wird sich für Brothers & Sisters sicherlich einigermaßen erwärmen können. Der Rest sollte vielleicht doch lieber bei Crime- und Mystery-Serien bleiben. Und so scheint auch der Trend in Deutschland zu laufen. Kein Wunder, dass Pro Sieben Brothers & Sisters sehr schnell wieder aus dem Nachtprogramm entfernt hat. Wenn das vielleicht auch eine sehr radikale Entscheidung gewesen ist.


Noch ein Wort zur DVD-Auswertung:
Eine Staffel in zwei DVD-Boxen zu teilen und diese dann auch noch für horrende Preise anzupreisen, ist mehr als unverschämt. Zumal beim eher geringen Interesse an der Serie und diesen Preisen fraglich ist, ob die zweite Hälfte (und folgende Staffeln) in Deutschland jemals auf DVD erscheinen wird. Als hätte es Brothers & Sisters nicht schon schwer genug...

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