Review

Die Echos der Vergangenheit waren bereits im allerersten „Puppetmaster“ so laut, dass man beschloss, ihren Spuren im dritten Teil zu folgen und dem Deutschland der Nazizeit einen Besuch abzustatten. Schon damals war Charles Bands Hunger auf episches Storytelling größer als das Dollarbündel im Portemonnaie. Jetzt, da wir im Jahr 1999 angelangt sind und den siebten Teil vor der Nase haben, ist die Kluft nur noch größer geworden: Noch mehr Hunger auf Geschichte, noch weniger Budget.

„Retro Puppetmaster“ bringt die Kupplung der Zeitmaschine jedenfalls trotz Benzinmangels gehörig zum Qualmen. Dass gerade erst im Vorjahr mit „Curse of the Puppetmaster“ die Zeitlinie der Gegenwart neu ausgerichtet wurde, dafür scheint sich hier niemand mehr wirklich zu interessieren. Nein, bloß weg von dem verunglückten Neustart. Rückwärtsgang rein und ab zurück zur ersten Station, einem kleinen Ort an der Schweizer Grenze im Jahr 1944. Dort gibt es ein Wiedersehen mit André Toulon, der mit seinen Puppen kurz nach dem Ende von Teil 3 immer noch auf der Flucht vor den Nazis ist. In einem Unterschlupf darf er nun verschnaufen und in Erinnerungen schwelgen. Erfreulicherweise wird Toulon dabei wieder von Guy Rolfe verkörpert. Nachdem er in Teil 4 und 5 als sprechender Kopf auf einem Mini-Transformer seiner Würde beraubt wurde, hätte man darauf ja nicht mehr unbedingt Wetten abgeschlossen. Für seinen finalen Akkord bleibt die Würde wenigstens halbwegs gewahrt. Mehr aber auch nicht. Er findet sich nämlich als gebrechlicher Erzählonkel in der Märchen-Vorhölle wieder, dem allseits gefürchteten Gutenachtgeschichte-Rahmen, der die Haupthandlung wie ein kitschiges Rosengeflecht verziert. Und das, wo wir doch eigentlich schon in der Vergangenheit sind…

Innerhalb des „Es war einmal“ bildet sich nun also ein weiteres „Es war einmal“, und auf einmal war es einmal im Jahr 1902 in Kairo. Dass die Essenz des Lebens dort ihren Ursprung hat, wissen wir seit der Rückblende aus „Puppetmaster 2“, obwohl die dortigen Geschehnisse nun einfach frech umgeschrieben werden, ergo nicht mehr gültig sind. Oberschurke Sutekh wurde wiederum in „Puppetmaster 4“ als Antagonist eingeführt, diesmal ist er die unsichtbare Entität, die an den Marionettenfäden des Bösen zupft. Und dass er gerne seine Henchmen aussendet, bevor er sich selbst die Hände schmutzig macht, wissen wir auch schon, nur dass er diesmal keine Gremlins losschickt, sondern drei Mumien, die ihre muffeligen Bandagen abwerfen, damit sie im Jahr der Matrix ganz modebewusst im Hugo-Weaving-Gedächtnislook unterwegs sein können. „Retro Puppetmaster“ macht es sich offenbar zum Ziel, sämtliche Schlüsselelemente der Franchise aufzugreifen und miteinander zu einer monumentalen Vorgeschichte zu verknüpfen, nicht ohne in dem kruden History-Horror-Heuhaufen nebenbei auch noch einen Liebesfilm erblühen zu lassen. Denn dies ist hauptsächlich die Geschichte des jungen Puppenspielers André Toulon (Greg Sestero), der seine geliebte Elsa (Brigitta Dau) kennenlernt.

Da hat sich gelinde gesagt wohl jemand ein bisschen zu viel zugemutet. Nazis in der Schweiz, Mumien in Kairo, Dantes Göttliche Komödie in Paris, David DeCoteau auf dem Regiestuhl, da kommt zusammen, was wohl irgendwie vom Schicksal füreinander bestimmt gewesen ist; warum auch immer. Im Ergebnis sieht aber zum Beispiel das Paris zur Jahrhundertwende manchmal wie ein imaginäres Wien des 18. Jahrhunderts aus, der Schweizer Verschlag könnte auch Draculas Weinkeller sein und DeCoteau wird im Vorspann (zumindest im ursprünglichen Vorspann) als Joseph Tennent geführt. Die Eulen sind zumeist nicht, was sie scheinen, zumal fast alles in Kulissen gedreht wurde, die so provisorisch anmuten, dass man in mancher Einstellung meint, gerade noch den letzten Handwerker aus dem Bild sprinten zu sehen.

Kontinuität und Logik gehen ohnehin als erstes über Bord, wenn so viele Eindrücke in unter 80 Minuten in die kollektive Wahrnehmung des Publikums gehämmert werden müssen. Auch die Schwerpunktsetzung gerät dadurch außer Kontrolle. Um den Rahmen zu etablieren, müssen eben in fortlaufender Reihe notwendige Dialogsequenzen eingestreut werden – mit Elsa und ihrer Freundin zum Beispiel, um Elsas jugendliche Abenteuerlust als Vogel im goldenen Käfig zu veranschaulichen, mit André und einem Bettler, um sein gutes Herz zu zeigen und natürlich gleich mehrfach mit Elsa und André, um sukzessiv ihre aufkeimende Liebe zu porträtieren. In der gebotenen Eile artet das aber bald zu einer soapigen Veranstaltung aus, die beim Zielpublikum wohl kaum auf viel Gegenliebe gestoßen sein dürfte.

Was im Zuge dessen zu kurz kommt, sind die eigentlichen Puppen und ihr blutiges Handwerk, das normalerweise im Zentrum stehen sollte. Was das angeht, sorgt „Retro Puppetmaster“ innerhalb der ohnehin mit Brüchen nicht geizenden Reihe für den größten Bruch. Nachdem die Originalpuppen mit ihren unbeweglichen Visagen schon sechs Filme lang ohne jede Variation mitgeschleift wurden, hätte man Onkel Charlie am liebsten mit dem Neonleuchtschild klargemacht, dass man nun wirklich bereit ist für neues Spielzeug. Und Charlie muss die gleiche Eingebung gehabt haben, denn tatsächlich tauscht er erstmals das gesamte Puppenarsenal aus und bietet die erhoffte Abwechslung. Blade, Pinhead, Tunneler und Six Shooter allerdings gegen ihre eigenen Holz-Prototypen zu ersetzen, das ist ein wenig so, als würde man dem Playstation-Kiddie, das sich eine PS5 unterm Weihnachtsbaum wünscht, einen Lederball vermachen, mit dem man selbst in der eigenen Kindheit auf dem Bolzplatz gekickt hat. Die äußerst gewöhnungsbedürftige Optik der Schnitzereien rührt daher, dass sie weder bemalt noch anderweitig mit Besonderheiten ausgestattet sind.

Thematisch ist das mit Bezug auf das „Retro“ im Titel sogar eine nette Idee, nur müssen die kleinen Kerle eben auch als charismatische Killer durchgehen, was leider eine Wunschvorstellung bleibt. Die niedlichen kleinen Attacken, die sie bei ein, zwei Gelegenheiten ausführen, sind der Rede nicht wert, zumeist sitzen sie teilnahmslos auf dem Tisch oder flattern hilflos mit den Ärmchen, nach denen sie von ihren Gegnern weggekickt wurden. Dass hier ein PG13-Rating angepeilt wurde, wird leider nur allzu deutlich. Beim Zyklopen (womöglich eine Verbeugung vor Ray Harryhausens Kreatur aus „Sindbads 7. Reise“) und insbesondere bei Dr. Death handelt es sich immerhin um halbwegs prägnante Neukreationen. Die anderen Figuren werden als Erstentwürfe ihrer bekannten Nachfolger präsentiert. Die wiederum kommen in diesem Film lediglich im Erzählrahmen als passive Zuhörer vor, erweisen sich dort aber im Gegensatz zu ihren Urgroßvätern als regelrechte Charmebolzen, sogar ohne etwas dafür zu tun. Da freut man sich ja glatt auf ein Wiedersehen mit den unveränderten Originalen im nächsten Film…

Besser als der Puppenaustausch funktioniert immerhin der neue Soundtrack. Bei aller Liebe zu Richard Bands Originalscore, aber nachdem der volle zehn Jahre lang mit aufreizend trägem Tempo durch die Gehörgänge kroch, ist man doch froh, dass diesem Ohrwurm endlich mal der Tunnel zugeschüttet wurde. Ob John Massaris fast schon ritterlich wirkende Kompositionen wirklich besser passen, sei dahingestellt, aber es reicht einem ja fast schon, dass überhaupt mal eine neue Platte aufgelegt wird.

Guy Rolfe, der den Filmrahmen mit seiner allerletzten Rolle überhaupt als alter Toulon immerhin ein wenig aufwertet, wird in jungen Jahren von Greg Sestero vertreten, den man inzwischen wohl vor allem durch „The Room“ kennt, oder auch durch seine Memoiren „The Disaster Artist“, die 2017 für den gleichnamigen Film mit James und Dave Franco adaptiert wurden. Mit Muttersöhnchen-Charisma und schlaftrunkenem Blick torkelt er durch seine Szenen und lässt die Anbetungen der Dame seines Herzens mit einer leicht snobistischen Nuance auf der Augenbraue über sich ergehen, was zu interessanten Kontrasten in der Charakterzeichnung führt, die ihn auf dem Papier ja eigentlich als gutherzigen Menschen auszeichnet. Brigitta Dau ist als Elsa da schon stilsicherer und bewegt sich souverän in Tradition jener Prinzessinnen-Art, die es auf der Erbse eigentlich ganz gemütlich findet. Bei Jack Donner als ägyptischer Zauberer Afzel hat man das Gefühl, er tut das, wozu sich Toulon als Filmheld nicht ganz so gut eignet, er sorgt nämlich für die wenigen Akzente von Fantasy-Action, die mit wabernden Energiestößen an James Camerons CGI-Pionierleistungen der frühen 90er anknüpfen (alles natürlich drei Nummern billiger) und damit für das ausklingende 20. Jahrhundert des Films ebenso charakteristisch sind. Ein adäquater Ersatz für David Allens verloren gegangene Stop-Motion-Künste ist das natürlich nicht einmal ansatzweise.

Festzuhalten bleibt: Retro? Prinzipiell immer gerne. In „Puppetmaster 3“ hat die Reise in die Vergangenheit ja auch gemessen an den Möglichkeiten gut funktioniert. Man sollte aber doch bitte vorher in der Geldbörse nachschauen, ob der Pegel nicht doch zu niedrig ist für einen Ausflug in die Schweiz von 1944 und das Frankreich und Ägypten von 1904. Und wenn man schon dabei ist, kann auch ein prüfender zweiter Blick auf das Drehbuch nicht schaden. Und auf das Puppendesign. Und die Kulissen und Kostüme. „Retro Puppetmaster“ denkt nach dem enttäuschenden Comeback der populären Full-Moon-Reihe mit „Curse of the Puppetmaster“ durchaus in die richtige Richtung, entpuppt sich dann aber als übereilter Schnellschuss, der an falschen Design-Entscheidungen und fragwürdigen Drehbuch-Schwerpunkten ebenso sehr leidet wie an seinem unübersehbar geringen Budget. Dann doch lieber kleinere Brötchen backen und in Lagerhallen drehen, wenn dafür wenigstens im Kern die bescheidenen B-Movie-Freuden angemessen gestillt werden.

Details
Ähnliche Filme