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Carrie ist ein süßes Mädchen. Etwas hohe Stirn, eine längliche, schmale Nase. Unsicherheit der Augen und rundherum Sommersprossen. In der Dusche nach dem Sportunterricht bekommt sie ihre erste Periode, das Blut ängstigt sie zu Tode und die anderen Schulmädchen stürzen sich auf sie wie eine Horde Bären, die das Blut gerochen haben. Zu Hause bei ihrer Geisteskranken Mutter wird das Phänomen religiös aufgeladen, wie alles Sexuelle, denn die Mutter, die des Abends mit ihrer Tochter bei Kerzenschein wie auf einem Schloss in Transsilvanien diniert und sie ungeachtet aller Schmerzensschreie in einer kleinen Kammer einsperrt, scheint ihre Tochter vor den Erfahrungen schützen zu wollen, die sie selbst in ein psychotisches Ungeheuer verwandelt haben. Aber Carrie kann sich wehren. Ihr Schrei lässt eine Glühbirne platzen, ihr Blick schleudert den Jungen vom Fahrrad, der gerade noch einen fiesen Kommentar zum besten gab. Wie ihr entfernter Verwandter Dr. Mabuse, der Meisterverbrecher, kann sie mit einer Fähigkeit, die unzureichend als Telekinese umschrieben werden kann, zwar keine Menschen aber Dinge ihrem Willen unterordnen. Sie selbst ist schockiert von dieser neuentdeckten Begabung, die wie ein akkumulierter, aber nicht anders auszudrückender Hass gegen all jene gerichtet werden kann, die sie nicht in Person angreifen könnte. Insofern ist Carries Fähigkeits ein Schutzmechanismus wie die Weltflucht in den Aberglauben ihrer Mutter, und als sie am Abend des Abschlussballs von ihrem Date abgeholt wird, liefern sich Mutter und Tochter ein Duell, bei dem letztere den Sieg davonträgt. Die telepathischen Aktionen werden durch Hitchcocksche Geigenschreie begleitet, und da Brian De Palma seines Zeichens Jünger des Thrillerdoyens ist, gibt es auch noch andere Anspielungen, wie etwa den Namen der Highschool, die nach dem verwirrten Mörder in Psycho benannt ist.
Im ganzen beschreibt die Handlung einen weiten Spannungsbogen, der sich schon in den ersten Minuten, da der Zuschauer in Carries Geheimnis eingeweiht wird, entfaltet. Der Film geht recht sparsam mit der Gabe um, lässt vor allem die Kontrahenten der Hauptfigur in ihrer Boshaftigkeit erstrahlen, ohne ihre tiefe Amoralität jemals in Zweifel zu ziehen. Trotzdem befeuert diese recht simplistische Gut/Böse Figurenkonstellation nicht eine Wut, die das blutige Finale irgend rechtfertigen könnte. Beim Abschlussball fällt Carrie einem von langer Hand geplanten Streich zum Opfer; sie wird Ballkönigin und betritt die Bühne, während ein großer Eimer gefüllt mit Schweineblut ein paar Meter höher ihren Auftritt ruinieren soll. In diesen Sekunden verdichtet sich der Konflikt und dehnt sich gleichzeitig endlos aus: das strahlende Lächeln der Hauptfigur, die bösartige Grimasse der Antagonistin unter der Bühne, die Ahnungslosigkeit ihres Tanzpartners, die applaudierenden Mitschüler; alles Zeitlupenaufnahmen, mit einer langsamen Verschiebung des Soundtracks von seichter Tanzmusik zum nervösen, gespannten Streichquartett. Brian De Palma zelebriert das Warten auf den einen Moment, da die Situation ins Negative kippt. Er erzeugt eine Spannung, die auf ihre eigene Erlösung wartet und als der Eimer fällt und kurz darauf die Tanzgäste von Wasserschleuchen besprüht, von kaputten Stromleitungen geröstet und vom sich schnell entfachenden Feuer verbrannt werden, kommt das einem Ausatmen gleich. Zu diesem Zeitpunkt, da Sissy Spacek mit weit aufgerissenen Augen voller Konzentration die Todesinstrumente dirigiert, scheint sie nicht mehr empfänglich für die Sympathien und Antipathien des Zuschauers, ist sie nur noch ein vom Teufel besessener Racheengel. Christlich geht die Welt zugrunde, als Carrie nach Haus zurückkehrt, sich das Blut abwäscht und ihre Mutter wie sich selbst mit den gleichen Mitteln unter der krachenden Fassade des Hauses in die Hölle zurückkehren lässt, die sie mit den Kräften ausstattete.
Der Film ist so vielleicht weniger ein Coming of Age-Drama mit Horrorelementen, sondern vielmehr ein mit christlich begründeter Moral ausgestattetes Lehrstück. Die Lehre allerdings wird von einer Inszenierung zunichte gemacht, das sich viel lieber mit der zerreißenden Naht, dem gezogenen Seil und dem wutentbrannten Blick der Vergeltung beschäftigt, ihn beobachtet und jeden kleinen Moment der außer Kontrolle geratenen Situation einfängt und meisterhaft zu ästhetisieren weiß.

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