„Carrie“ war sowohl für Regisseur Brian de Palma als auch für Vorlagenautor Stephen King ein wichtiger Film: Denen einen ließ er in den Olymp der Mainstream-Horror- und -Thriller-Regisseure aufsteigen, den anderen macht er noch populärer, gerade was das Verfilmen angeht.
Man durfte durchaus skeptisch sein, ob ein teilweise schon recht voyeuristischer und leicht sleaziger Regisseur wie de Palma einem Stoff über weibliche Pein und erwachende Sexualität gewachsen ist, denn so ganz kann der Regisseur nicht aus seiner Haut, gerade wenn die Kamera zu Beginn des Films eine Umkleide von halbnackter Teenagerinnen in Weichzeichneroptik durchfährt. Vielleicht ist es aber auch diese leicht schmierige Idylle, die den Bruch am Ende der Szene umso effektiver macht: Carrie White (Sissy Spacek), Außenseiterin, unerfahren und Tochter einer fanatisch religiösen Mutter, hat in der Dusche ihre erste Periode, versteht das plötzliche Bluten nicht und wird von den Mitschülerinnen böse gehänselt.
Während ihre Mutter Maragret (Piper Laurie) nur Unverständnis und Empörung angesichts dieser körperlichen Entwicklungen parat hat, die Pubertät gar für eine teuflische Versuchung hält, ist Sportlehrerin Miss Collins (Betty Buckley) die wahrhaft mütterliche Figur: Sie beschützt Carrie vor den Angriffen ihrer Mitschülerinnen, die von dem weiblichen Chef-Bully Chris Hargensen (Nancy Allen), erklärt ihr die Veränderungen, die ihr Körper durchmacht, und spricht ihr ermunternd zu. Auch Klassenkameradin Sue Snell (Amy Irving) fühlt sich ob der Behandlung Carries schlecht und will ihr helfen. Denn in diesem Film sind eigentliche alle aktiven Figuren weiblich, selbst ein prolliger, seine Freundin ohrfeigender Macho wie Chris‘ Stecher Billy Nolan (John Travolta) ist bloß das Werkzeug weiblicher Rache.
Denn jene will Chris an Carrie nehmen, nachdem ihr Bullying zu einer Ausladung zur Prom Night führt. Mit Billy, ihrer Freundin Norma (P.J. Soles) und anderen schmiedet sie einen Racheplan, der beim Abschlussball zur Katastrophe führt – denn mit ihrer Sexualität erwachen noch ganz andere Kräfte in Carrie…
„Carrie“ allein auf sein furioses Finale zu reduzieren, ist sicher falsch, aber dennoch ist der Film klar auf diesen Höhepunkt ausgelegt. Jede Handlung der Figuren, von der Beschaffung feiner Zwirne bis hin zum ausgeklügelten Racheplan, arbeitet auf jenes Event hin, jene große Katastrophe, die „Carrie“ seinen Platz in der Filmgeschichte sicherte. Nicht, dass all dieses Davor bedeutungslos wäre, denn schon die Vorbereitungen sagen auch etwas über die Figuren aus. Carries telekinetische Kräfte müssen natürlich fürs Finale eingeführt werden, verbreiten ein wenig Gruselstimmung, sind aber gleichzeitig auch eine Metapher für das sexuelle Erwachen, mit dem sie nicht umgehen kann, da ihre fanatisch religiöse Mutter jede Form von Sexualität gleich zur teuflischen Versuchung (v)erklärt. Hin und wieder beweist De Palma auch Humor, etwa wenn die Jungs Anzüge anprobieren; vor allem zeichnet er aber auch ein böses Bild des Klassensystems an der Highschool: Als populäre Schüler bilden Chris und Billy zwar ein Paar, sie scheinen aber eher aufgrund der Erwartungen zusammen zu sein, denn sie giften sich an, schlagen sich gegenseitig und benutzen einander.
Dem gegenüber steht Carrie als Underdog. Durch ihre Erziehung ist sie wahrlich unschuldig, ein Opfer der Umstände, das daheim genauso leiden muss wie in der Schule – diese ist eh nur ein Spiegel der Erwachsenenwelt, wie kurze Blicke zeigen. Denn die Nachbarn wissen alle, was Margaret los ist, ahnen wie es Carrie ergeht, wollen aber in erster Linie Ruhe vor der Hobbypredigerin haben (zur Not mit Geld erkauft) und lassen sie gewähren. Dieser teilweise nihilistische Sicht, gebrochen durch optimistische Momente, wenn sich Miss Collins und Sue für Carrie einsetzen, ist ein Pluspunkt des Films, der manchmal etwas an der Oberfläche bleibt, was die Charakterisierungen angeht. Es mag am knappen Zeitrahmen liegen, aber kaum eine Figur macht eine Entwicklung durch, selbst Carrie ist das Unschuldslamm, das von Normalität und dem Abschlussball mit einem netten Jungen träumt, dem aber eine mächtige Waffe gegeben ist, die sie noch nicht einzusetzen weiß.
Und wenn sie diese dann richtig einsetzt, dann läuft De Palma zur formaler Hochform auf. Unglaublich spannend zögert den Moment des Ausbruchs, genauer gesagt den Fall eines Eimers mit Schweineblut, hinaus, lässt kurz Hoffnung auf Abwenden der Katastrophe aufkommen, nur um diese durch ein böses Missverständnis wieder zu zerstören. Wenn Carrie wütet, dann ist das gar nicht so lang, intensiv und aufwändig wie man angesichts des Rufs des Films glauben mag, aber immer noch ein furioser Ausbruch von Wut der Hauptfigur, die sich den Film über aufgestaut hat, von De Palma wie gewohnt mit Kameramätzchen von Splitscreen bis Plansequenz grandios bebildert. Auch eine folgenreiche Begegnung auf der Straße und Carries Heimkehr zeigen die Katastrophe mit Wucht, während die Schlusssequenz ein starker Schock ist, wenn auch einer der oberflächlichen Sorte. Doch man versteht, warum der Film auf dieses Finish hinarbeitet, warum dies zur Legendenbildung führte, auch wenn die Turnhallenszene tatsächlich noch etwas ausführlicher hätte sein können.
Dass man dem Film durchweg folgt, liegt auch an Sissy Spacek, die Carrie verständlich macht, als eigentlich hübsches, nettes Mädchen, das mit hässlicher Kleidung und unvorteilhafter Frisur bereits in die Außenseiterrolle in der Highschool gedrängt wird, das mit Panik und Furcht auf die erste Periode oder ein Date reagiert, das nichts falsch macht, aber durch ihr Umfeld doch stets ins Abseits gedrängt wird. Nancy Allen treibt ihre eindimensional-biestige Chris zur wahrhaft hassenswerten Furie, während Piper Laurie als religiöse Fanatikerin, welcher der Glaube wichtiger als das Wohlergehen der eigenen Tochter ist, den Zuschauer schaudern lässt. Betty Buckley, Sue Snell und P.J. Soles bringen starken Support, während die Herren der Schöpfung, auch John Travolta und William Katt als netter Tommy Ross, eher Randfiguren bleiben. Aber dieser Film ist ja auch der Weiblichkeit gewidmet.
Manchmal könnte „Carrie“ seine Figuren etwas tiefer erforschen, manchmal scheint der Film dann doch sehr auf den Showdown ausgerichtet, der dann kürzer ist als man erwartet bzw. nach der Erstsichtung in Erinnerung hat. Aber dennoch ist De Palma – trotz seiner voyeuristischen Ader – und King ein überraschend feinfühliges Horrordrama gelungen, das mit formaler Stärke die Mikrokosmen von Kleinstadt und Highschool aufspießt und auf ein furioses Finale hinarbeitet. 7,5 Punkte meinerseits.