Review

Die Verfilmung von Stephen Kings erstem Erfolgsroman gehört zu den besten Horrorfilmen der 70er Jahre. Es ist elegant, wie Hitchcock-Fan Brian de Palma den Spannungsbogen aufbaut, den Zuschauer mit der Protagonistin mitleiden lässt und dann all ihre aufgestaute Wut in einem blutigen Finale entweichen lässt.

Besonders lobenswert ist hierbei allerdings die angenehme Zurückhaltung des Films betreffs üblicher Horror-Elemente. Denn hier steht die Geschichte im Mittelpunkt: Carrie White (grandios verkörpert von Sissy Spacek) leidet nicht nur unter ihrer religiös fanatischen Mutter, sondern ist auch in der Schule die absolute Außenseiterin. Während kurz vor dem Abschlussball ihre Mitschülerin Susan allerdings aus schlechtem Gewissen versucht, ihr zu einem wunderbaren Abend zu verhelfen, und sie mit ihrem Freund auf den Ball schickt, plant eine andere Schülerin, die wegen Carrie vom Abschlussball ausgeschlossen wurde, ihr eben diesen Abend zur Hölle zu machen. Niemand weiß jedoch, dass Carrie über telepathische Fähigkeiten verfügt - bis zum Ballabend, als der böse Streich gelingt und Carrie in ihrer rasenden Wut ein furchtbares Massaker anrichtet, das letztlich auch sie und ihre Mutter nicht überleben.

Im Grunde wird mit "Carrie" nur die bekannte Geschichte des geborenen Außenseiters erzählt - im brutalen übersinnlichen Finale visualisiert Brian de Palma nur, was wohl all jene gehänselten und gequälten Schüler und Schülerinnen tief in ihrem Inneren fühlen mögen. Dank der vielschichtigen Vorlage und den feinfühligen Darstellern gelingt es dem Film so, das traurige Porträt einer vom Schicksal Gebeutelten zu zeichnen. Und das packende Horror-Finale ist in kultverdächtigen Bildern mit Albtraum-Feeling entworfen.

Zugegebenermaßen sind einige Charakterisierungen ein wenig flach und grenzen an das altbekannte Schwarz-Weiß-Muster. Bei allen Rachegefühlen muss man schon ein sehr abgebrühter Mensch sein, um nur für einen Streich einem Schwein den Schädel einzuschlagen. Und auch die 180°-Kehrtwende von Susan, die anfangs noch über Carrie lacht und plötzlich nur für sie auf den Abend ihres jungen Lebens verzichten will, ist kaum mit Schuldgefühlen zu erklären. Aber dazu muss man in Betracht ziehen, dass "Carrie" letztendlich doch ein Horrorfilm bleibt und somit durchaus einige Kompromisse in Sachen Figurenzeichnung und Logik eingehen darf.

Und nicht zuletzt kann man hier in einer Nebenrolle den blutjungen John Travolta sehen, der ausnahmsweise einmal keine Gelegenheit zum Tanzen bekommt, was wohl auch ganz gut ist. Andererseits wäre dann der Film vielleicht noch gruseliger geworden.

Details
Ähnliche Filme