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„Carrie“ war nicht nur Stephen Kings erster Roman, sondern auch der erste, der verfilmt wurde. Als Lektüre eine ungewöhnliche Mischung aus Nacherzählung der Beteiligten und Ausschnitten aus einem Buch über die Vorgänge, bietet der Film Brian de Palmas eine stringent erzählte Handlung.

Mit viel Weichzeichner und gedämpftem Licht wird hier das Schicksal der jungen Carrie beschrieben, die zwischen dem religiösen Wahn ihrer Mutter (Piper Laurie als Haßobjekt erster Güte) und ihren eigenen rudimentären Wünschen erwachender Teenagersexualität hin- und hergerissen ist.
Jedoch gelingt die eigene Wegfindung nicht, denn als Metapher für die Teenage Angst, entwickelt Carrie in Streßsituationen telekinetische Kräfte, die sie nicht kontrollieren kann. Mentale oder physische Gewaltausübung gegen sie, Agressivität und schlechte Behandlung provoziert ihren Zorn und führt später zur Katastrophe.

Diese ist unausweichlich, daß Carrie keinerlei Hilfe an die Hand gegeben wird. Ihre Mitschüler betrachten sie mehr als eine Art debil-verklemmtes Landei, werden anzüglich bis grausam in ihrer agressiv gelebten eigenen Sexualität, spätestens als Carrie beim späten Einsetzen ihrer Periode den Blutung vollkommen hilflos gegenüber steht.
Die Schulleitung stiehlt sich dabei aus der Verantwortung, überantwortet sie ihrer Mutter (meldet sie krank), die die Schuld an dieser biblischen Sünde wieder an Carrie zurückgibt, um den Teufel Sexualität (oder was sie dafür hält) mit Beelzebub auszutreiben und ihre Tochter durch Quälereien zu läutern.
Die Sportlehrerin, wohl die einzige mit einem echten Sinn für Gerechtigkeit, ist dann auch mit der Situation überfordert, ihr fehlt die Bindung an die Schüler, Kennzeichen für eine Ermüdung ihres Sinns für diese Profession.

Ohne die sexuelle Ebene wäre „Carrie“ ein simples Horror-High-School-Drama, das letztendlich in einer Katastrophe kulminiert. Auf dem Schulball erfolgt die Rache der geschaßten Mitschülerinnen, der einzige interessierte Mitschüler und Carries Begleiter fällt einem geworfenen Eimer zum Opfer, das Mädchen selbst wird in Schweineblut getauft und kann ihren geistigen Zorn danach nicht mehr kontrollieren, um einen tödlichen Rachefeldzug zu beginnen.
Da sie jedoch keinerlei Halt von beiden Seiten bekommt, weder von der Schule noch daheim von ihrer Mutter, führt die Haltlosigkeit am Ende zu ihrem eigenen Tod. Es gab keinen Platz auf dieser Welt für eine Carrie White.

De Palma arbeitet sehr effektiv mit seinen Kameraeffekten, gibt durch den Weichzeichner den Bildern fast einen nostalgischen Anstrich und setzt schließlich beim finalen Schulball die Splitscreen ein, um Ursache und Wirkung in aller Deutlichkeit gleichzeitig zu zeigen, das alles überwältigende Grauen fällt aus drei Kameraperspektiven zugleich auf die Zuschauer hinab.

Dabei bleibt der Film aber immer auch Charakterdram, präsentiert mit Sissy Spacek eine Idealbesetzung für das versponnene und verschüchterte Kind, wenn sie auch schon etwas zu alt erscheint. „Carrie“ ist ein hochemotionaler und erschütternder Trip, an dem der Zuschauer in praktisch jeder Szene gefühlsmäßig Anteil nimmt.
Nicht der typische Horror – aber gerade deshalb der effektivere. (8/10)

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