Frustration führt zu Aggression - dieses platte Schlussfolgerung bewahrheitet sich immer wieder. Ob sich nun Frust durch Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit oder Streitigkeiten aufbaut: Irgendwie entlädt er sich immer. „Erdanziehung", eine kleine, aber feine Charakterstudie einer verwirrten Kinderseele beweist, dass dieses Phänomen nicht nur bei jugendlichen Teenagern, sondern auch bei jüngeren Kindern durchaus zum Ausbruch kommen kann.
Der junge Rémi (Emmanuel Ponty) hat seinen Vater verloren. Da die Mutter (Mireille Roussel) mit der Situation überfordert ist, soll Rémi für die Zeit der Trauer bei Verwandten unterkommen. Doch das emotionale Vakuum und die Drangsalierung des Jungen durch die Mitschüler sollen eine bittere Konsequenz nach sich ziehen...
Regisseur Frédéric Carpentier gelingt es außerordentlich gut, in der knapp bemessenen Zeit von 15 Minuten, das seelische Dilemma des Kindes zu zeichnen. Mutter und Sohn entfremden sich zusehends; beide sind schockiert, vermögen aber nicht auf den jeweils verschlossenen Anderen zuzugehen. Beide ringen um Halt; doch während die Mutter diesen mit all ihrer Lebenserfahrung finden kann, ist Rémi überfordert, findet sich in der schulischen Umwelt der Mitschüler, die ihm mit Verachtung begegnen, nicht zurecht. So wird zwar ein Apfel von der titelgebenden Erdanziehung erfasst, die Seele eines Toten jedoch nicht. Und auch der verstörte kleine Junge kann scheinbar keine Bodenhaftung behalten, wenn sich niemand, der ihn erziehen könnte, um ihn kümmert. Die dunklen und kontrastarmen Bilder sowie der Verzicht auf Filmmusik verstärken dabei den Eindruck einer unwirtlichen Welt als elende, verquere Seelenlandschaft, die einzig durch eine Gewalttat - so scheint es - wieder gerade gerückt werden kann. Doch wenn Rémi dann schlussendlich „Alles in Ordnung" stammelt, ist nichts mehr so, wie es war - sondern nur noch schlimmer.
Fazit: Angesichts der kurzen Laufzeit lässt sich nicht ganz abschätzen, was aus „Erdanziehung" hätte werden können, würde er auf eine Laufzeit von 90 Minuten gestreckt. So reicht es aus, ein intensives Porträt eines entfremdeten Kindes zu zeichnen, welches Ausweglosigkeit mit Gewalt begegnet. Das wirkt durch seine Plausibilität verstörend und ist aufgrund des formidabel agierenden Ensembles sehr gelungen.