Es kommt nicht immer auf die Größe an. Wenn sich unzählige kleine Lebewesen zusammenrotten, um geschlossen gegen einen - aus ihrer Sicht - riesigen Feind vorzugehen, dann können sie durchaus eine ernsthafte Bedrohung darstellen. Oder, wie es ein Mitarbeiter des Gesundheitsamtes ausdrückt: "One bite is harmless, fifty can knock you down, a hundred is certain death!" Daß man Bienen, Spinnentiere, Käfer, Fledermäuse und Gewürm keinesfalls unterschätzen sollte (schon gar nicht in den wilden Siebzigern), haben Filme wie The Bees (Operation Todesstachel, 1978), Kingdom of the Spiders (Mörderspinnen, 1977), Bug (Feuerkäfer, 1975), Nightwing (Schwingen der Angst, 1979) und Squirm (Squirm - Invasion der Bestien, 1976) sehr schön veranschaulicht. Die von den Menschen jahrelang vergewaltigte Natur hat halt irgendwann endgültig die Schnauze voll und schlägt erbarmungslos zurück, in welcher Form auch immer.
So auch in Robert Scheerers Fernsehfilm It Happened at Lakewood Manor, wo bei umfangreichen Grabungsarbeiten für eine neue Hotelanlage eine Ameisenkolonie aufgescheucht wird. Der von Robert Foxworth (Damien: Omen II, Prophecy) gespielte Vorarbeiter Mike Carr trifft des Pudels Kern genau ("Whatever it is, it's mad, because we disturbed it!"), auch wenn er zunächst keine Verbindung zu den allgegenwärtigen kleinen Insekten herstellt. Die giftigen und nicht unintelligenten Tiere fackeln aber nicht lange und blasen zur großen Attacke auf Lakewood Manor und jeden, der sich darin befindet, wie z. B. die Inhaberin Ethel (Hollywood-Legende Myrna Loy), deren Tochter Valerie (Lynda Day George, Pieces, Day of the Animals) sowie der potentielle Investor Tony Fleming (Gerald Gordon) mit seiner heißen Assistentin Gloria (TV-Serien-Star Suzanne Somers, bekannt aus Herzbube mit zwei Damen und Eine starke Familie).
Autor Guerdon Trueblood, Regisseur des kleinen aber atemberaubend fiesen Exploitation-Krachers The Candy Snatchers (1973), hat sich mit seinem Drehbuch für diesen Film nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Die wenig originelle und etwas langatmige Geschichte wird von zahlreichen altbekannten Stereotypen bevölkert, wie man sie schon viel zu oft gesehen hat. Da wäre z. B. die im Rollstuhl sitzende, auf Hilfe angewiesene Hotelbesitzerin, der großkotzige Geschäftsmann, der sture und sich aufspielende Beamte, der entgegen der Aussagen eines Beteiligten denkt, ein Virus wäre für die Todesfälle verantwortlich, sowie der entschlossene Arbeiter, der auf eigene Faust etwas unternehmen muß, da ihm niemand Glauben schenkt. Die Charakterisierung der Figuren ist eher dürftig und beläuft sich auf mittleres Seifenopernniveau, sodaß es schwer fällt, große Sympathien für die Damen und Herren aufzubringen.
Was It Happened at Lakewood Manor letztendlich vor der belanglosen Durchschnittlichkeit rettet, ist die routinierte Regie des vorwiegend für das Fernsehen tätigen Scheerer, dem nicht nur einige schöne Suspense-Szenen gelingen, sondern der auch geschickt mit den Ängsten des Menschen vor kleinem Krabbelzeugs spielt. Wer Angst davor hat, daß jede Menge kleiner Dinger auf seinem Körper umherwuseln, der wird bei diesem Film bestimmt einige Male vor Unbehagen erschauern. Doch obwohl sich einige der Schauspieler(innen) nicht davor scheuen, dutzende Ameisen über ihre Luxuskörper marschieren zu lassen, fällt es dem Zuschauer doch recht schwer, die tödliche Gefahr, in der alle schweben (sollen), zu akzeptieren. Man will einfach nicht glauben, daß die winzigen und nicht übermäßig schnellen Kreaturen für eine dermaßen brenzlige, annähernd ausweglose Situation sorgen können. Gedreht wurde überwiegend mit echten Ameisen, obwohl die Massenansammlungen der kleinen Krabbler natürlich, mehr schlecht als recht, getrickst wurden. Gegen Ende läuft dann eine dramatische Rettungsaktion an - geleitet vom Kommandanten der Feuerwehr, welcher von Brian Dennehy (First Blood) gegeben wird - in deren Verlauf ein tief fliegender Hubschrauber Unmengen an Ameisen aufwirbelt und in die gaffende Menschenmenge schleudert. Das freute mich, denn mit sensationslüsternen Zuschauern habe ich überhaupt kein Mitleid. Und außerdem bewahrheitet es sich einmal mehr, daß es nicht sehr ratsam ist, vom Hotelfenster aus direkt in den Pool zu springen. Man könnte die Entfernung zum Pool unter- und seine Sprungkraft überschätzen.
It Happened at Lakewood Manor ist einer jener Filme, die ich gerne als Kind gesehen hätte. Vielleicht wäre er mir dann ebenso sehr ans Herz gewachsen wie die artverwandten Tierschocker Frogs (Frösche) und Kingdom of the Spiders, die mich als Stöpsel so begeisterten, daß die Begeisterung auch heute noch anhält. In der Ameisenhorror-Rangliste tummelt sich der recht gut gemachte und überraschend stark besetzte Streifen somit im gehobenen Mittelfeld. Er kann sowohl Them! (Formicula) als auch Phase IV nicht das Wasser reichen, aber er ist deutlich besser als etwa der knuffig-trashige Empire of the Ants (In der Gewalt der Riesenameisen), der reichlich bescheuerte The Hive (Killerameisen) oder der furchtbar öde Legion of Fire: Killer Ants! (Marabunta - Killerameisen greifen an). Fazit: Für Tierhorrorsympathisanten allemal einen Blick wert. Myrmecophobiker hingegen sollten um den Film einen großen Bogen machen.