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Als Renato Savino 1976 "I ragazzi della Roma violenta" (wörtlich "Die Jugend eines gewalttätigen Rom") drehte, befand er sich auf der Höhe der Zeit, was er in den ersten Minuten mit einem dokumentarischen Anstrich noch betonen wollte. Die Befragung von Bürgern nach einer Reaktion auf die steigende Jugendkriminalität, brachte neben hilflosen Antworten nur die Forderung nach einer härteren Bestrafung. Mehrfach wurde von den Passanten die Wiedereinführung der Todesstrafe gefordert.

Repräsentativ sind solche Aussagen natürlich nicht, aber sie passen in eine Phase, Mitte der 70er Jahre, in der terroristische Attentate, Studentenproteste, Arbeiterunruhen, freie Sexualität und eine sich emanzipierende Jugend zu einer tiefen Verunsicherung in der Bevölkerung beigetragen hatten, die in den Köpfen die abenteuerlichsten Spekulationen hervor riefen. Dabei entstand ein Konglomerat aus realistischen Tendenzen, wie das Wiedererstarken faschistischen Gedankenguts, einer Nachkriegsjugend, die sorglos von den Früchten ihrer Eltern leben konnte und einer steigenden Kriminalitätsrate, die sich - vermischt mit wilden sexuellen Fantasien - zum Bild einer verrohten, dekadenten Jugend verdichteten. Besonders beliebt war der Typus des Sprösslings reicher Eltern, der aus purer Langeweile vergewaltigte und mordete.

Während intelligente Filme wie "Fango bollente" die Spuren dieser Entwicklung in einer zunehmend abgestumpften Bürgerschaft erkannten, oder Carlo Lizzani in "San Babila ore 20 un delitto inutile" einen sezierenden Blick auf die neofaschistische Jugend warf, nutzten andere Filme diese Tendenzen entweder zu Sex-Komödien, wie "L'insegnante", oder Kriminalfilmen wie "Roma l'altra faccia della violenza" (Die blutigen Spiele der Reichen), der nicht nur im Titel schon deutliche Ähnlichkeiten zu "I ragazzi della Roma violenta" aufweist. Auch dort wird das sinnlose Morden und Vergewaltigen einer dekadenten Jugend thematisiert, aber zusätzlich noch in eine klassische Polizeigeschichte eingebettet.

Mit solchen Nebensächlichkeiten hält sich Renato Savino gar nicht erst auf, der so ziemlich alles in seinen Film hinein packt, was gerade angesagt war - Faschismus, reiche und arme Jugend, Folterungen, körperliche Gewalt, und jede Menge Sexualität. Allein die Anzahl nackter Frauenkörper hätte jedem Sexfilm zur Ehre gereicht, nur das Savino diese nicht in ruhigen, längeren Einstellungen zelebriert, etwa beim einvernehmlichen Sex, sondern fast ausschließlich bei Gewalttaten.

Schon die ersten Szenen geben einen Vorgeschmack auf die kommenden Ereignisse. Während sich die Gruppe junger Neofaschisten unter der Leitung von Marco (Gino Milli) in ihren mit Hakenkreuzen und Bildern Adolf Hitlers versehenen Räumlichkeiten versammeln, führt Einer von ihnen vor, wie er beim Spiel am Flipper-Automaten einen Orgasmus bekommt. Die hübsche Gianna (Christina Businari), die sich in ihrer Ehre gekränkt fühlt, prüft persönlich nach, dass ihr Kamerad tatsächlich das Gerät einer richtigen Frau vorzieht. Nur wenig später befindet sie sich auf Beobachtungsposten gemeinsam mit dem Flipper-Liebhaber, um die Liebschaft eines Clubmitglieds mit der Tochter eines Kommunisten zu überprüfen - ein bestrafungswürdiges Delikt nach den strengen Regeln der neofaschistischen Gruppe.

Während sie der Anblick des sich liebenden Pärchens antörnt, wird sie Opfer eines Überfalls von Gorilla (Gino Barzacchi) und zwei Kumpanen, die sie vergewaltigen, was Gianna nicht ganz ungelegen kommt. Gorilla gehört zur Gang von Schizzo (Emilio Locurcio), der Marco aus dem Knast kennt und mit ihm befreundet ist. Während Gorilla noch mit seinen Taten angibt und nicht unerwähnt lässt, wie gut es Gianna gefallen hätte, taucht Marco bei Schizzo auf und schlägt Gorilla bei einem Zweikampf zusammen, was die übrigen Bandenmitglieder nicht weiter stört, darunter der masochistisch veranlagte Nerone (Marco Zuanelli), der sich gerne selbst verstümmelt. Nachdem Marco bei einem gemütlichen Beisammensein kurz seine rechtsradikalen politischen Ansichten erläutert hat (das einzige Mal im Film), geht es wieder zur Tagesordnung über. In einer internen Gerichtsverhandlung verurteilt er seinen abtrünnigen Kumpanen Enrico dazu, sich selbst zu geißeln, während sich seine Freundin entblößen muss und vor Enricos Augen mit einem anderen Mitglied der Faschisten schlafen muss.

Das klingt nicht nur krude, sondern wird in solch hohem Tempo hintereinander weg erzählt, dass man darin problemlos eine ironische Überhöhung erkennen könnte, wenn sich Savino zwischendurch nicht immer so verdammt ernst nehmen würde. So ist es völlig irre, dass Marco plötzlich nachts am Bett des Mädchens aus kommunistischer Familie auftaucht und mit der Begründung mit ihr schläft, dass sie jetzt allen Gruppenmitgliedern gehören würde. Man sieht noch wie sie die Arme um ihn legt und ihn küsst, aber warum schmeißt sie sich dann am nächsten Tag plötzlich vor den Zug ? - Angesichts der Plakativität, mit der hier die Ereignisse ablaufen, wirkt ein solches Drama komplett aufgesetzt, auch wenn es - die Dinge ernsthaft betrachtet - nachvollziehbar ist.

Nach diesen Ereignissen konzentriert sich der Film zunehmend auf die Protagonisten Marco und Schizzo, deren Leben nicht unterschiedlicher sein könnte. Während Marco im neuen Jaguar unterwegs ist, sich mit seinen Eltern rumärgert, die ihm Geld geben sollen, ohne ihn weiter zu nerven, weiß Schizzo kaum, wie er etwas zu essen bekommt. Diese Situation steigert der Film ins Abstruse, wenn sich Schizzo extra eine Harpune leiht, um damit ein gebratenes Hühnchen zu angeln, dabei erwischt wird und dem Händler seine Schwester, eine Prostituierte, für den Abend versprechen muss, um das Hühnchen essen zu dürfen. Deren Zuhälter willigt in diesen Deal wiederum nur ein, wenn Schizzo ein Negligé für sie besorgt, was ihm deshalb gelingt, weil sich sein Kumpel Nerone im Kleidungsgeschäft die Arme mit Rasierklingen aufschlitzt. Diese gesamte Sequenz ist so irre, dass sie Niemand ernst nehmen kann, und gipfelt dazu noch in der Verzahnung mit Marcos Drangsalierung eines anarchistischen Professors, der seine Studenten nicht mehr mit linken Parolen beeinflussen soll. Während dieser vor Schmerzen aufschreit, wechselt der Film ständig zur Sexszene mit Schizzos Schwester, wodurch das Stöhnen des Professors das Stöhnen des Freiers ersetzt.

Doch anstatt die Handlung weiter in dieser absurden Form voran zu treiben, verfällt der Film wieder in plumpe Ernsthaftigkeit. Zunehmend entwickelt Marco Tötungs - Fantasien beim Sex, die der Film auch ausführlich bildlich umsetzt. Parallel beginnen sowohl Schizzo als auch Marco einen Plan zu verfolgen, der in einer gezielten Vergewaltigung enden soll. Dieser Vorgehensweise fehlt jede Ironie oder Überhöhung, sondern ist nur noch unangenehm. Doch keineswegs in einer realistischen Konfrontation, sondern in der Offensichtlichkeit, mit der hier voyeuristische Bedürfnisse befriedigt werden sollen. Diese Verlogenheit toppt Savino zum Schluss noch damit, indem er wieder auf den Charakter der journalistischen Befragung des Beginns zurückkommt und den Betrachter mit einer Texttafel direkt darauf anspricht, was dieser gegen diese Art der Jugendkriminalität zu tun gedenkt - als ob es in diesem Film irgendeine seriöse Beschäftigung mit diesem Thema gegeben hätte.

Aus heutiger Sicht ist es verhältnismäßig leicht, "I ragazzi della Roma violenta" als absurde Sex-Gewalt-Fantasie mit einer verbrämten politischen Botschaft abzutun, die stark aus dem damaligen Zeitgeist heraus betrachtet werden kann, und eher unfreiwillig komisch ist. Das ändert aber nichts daran, dass Renato Savino sein Machwerk durchaus ernst meinte, keineswegs kritisch die Forderungen der Passanten nach der Todesstrafe mit dem Inhalt seines Films kommentierte und letztlich auf kein Vorurteil über eine angeblich völlig aus den Fugen geratene Jugend verzichtete, wobei das faschistische Element eher folkloristisch wirkt. Endgültig sich selbst entlarvend ist der Film aber in der Tatsache, dass er damit vor allem die Sensationsgier und den Voyeurismus seiner Betrachter befriedigen wollte (1/10).

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