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Was macht der durchschnittliche Bundesbürger, wenn er mittags auf der A1 Köln – Trier liegen bleibt und circa drei Stunden auf die Pannenhilfe warten muss? Ein Großteil wird sich sicherlich seines Schicksals ergeben und eine Zigarette nach der anderen quarzend, hin und wieder fluchend, der Dinge harren, die da wohl noch kommen mögen. Und ein verschwindend geringer Anteil der Bevölkerung packt kurzerhand zur Überbrückung der Wartezeit den Laptop aus und schreibt fleißig Filmrezensionen (natürlich fluchend und eine nach der anderen rauchend). Wie „schön“, dass gerade mich solch ein Schicksal des scheinbar ewigen Wartens auf die Gelben Engel ereilt und wie passend, dass ich mir erst am Abend zuvor Pixars neuesten Streich „Cars“ angesehen habe. Denn „Cars“ weist erstaunlicherweise einige Parallelen zu meiner misslichen Situation in Höhe der Autobahnabfahrt Euskirchen auf:

„Cars“ hat mehrere Ziele. Primärziel ist sicherlich, sein Publikum zu unterhalten. Dies gelingt dem Film auch, obwohl es dann eher auf Umwegen (und mit etwas Verzögerung) denn auf direktem, kürzestem Wege gelingt. Ein weiteres Ziel – sofern man vom ambitionierten Handeln des Pixar-Teams ausgehen kann – dürfte das Übertreffen bisheriger Leistungen (Findet Nemo, Die Unglaublichen) sein. Auf der Verfolgung dieses Ziels jedoch bleibt „Cars“ auf halber Strecke liegen. Motorschaden. Irgendwann werde ich heute auch mein Ziel erreichen, mit einiger Verzögerung, auf Umwegen, trotz Motorschadens. Doch vorher ist es mein Ziel, Pixars „Cars“ eine angemessene Besprechung zuteil werden zu lassen, denn es nur auf dem Vergleich mit einer Panne bewenden zu lassen, das hat dieser Film dann doch nicht verdient…

Der aufstrebende Star des landesweit bekannten Piston-Cups ist der junge Rennwagen Lightning McQueen, der bereits in seiner ersten Saison in dieser Rennserie die große Chance hat, den Titel zu erringen. Auf dem Weg zum Entscheidungsrennen in Los Angeles geht Lightning jedoch verloren und landet schließlich im verträumten Städtchen Radiator Springs, in dem die Zeit scheinbar bereits vor einigen Jahrzehnten stehen geblieben ist, denn niemand kennt den großen Star. Da McQueen bei seiner „Ankunft“ in Radiator Springs die Straße zerstört hat, ist er dazu gezwungen, so lange zu bleiben, bis er selbst die Straße wieder instandgesetzt hat…

Es dürfte sicherlich nicht schwer fallen, nun den Faden der Story weiterzuspinnen, ohne den Film jemals gesehen zu haben; schließlich steht neben „Pixar“ auch in diesem Fall wieder der omnipotente Schriftzug „Disney“, der quasi die Garantie für eine süßlich-kitschige Moral darstellt. „Cars“ erscheint jedoch bei der Darstellung dieser Moral wesentlich reifer, erwachsener als es noch in früheren Co-Produktionen zwischen dem Animations-Giganten Pixar und dem Familien-Unterhaltungs-Magnaten Disney wie beispielsweise „Findet Nemo“ der Fall war. Die Entwicklung hin zur Unterhaltung auch für die etwas reifere Zielgruppe, die „Die Unglaublichen“ eingeläutet hatten, scheint also kontinuierlich fortgesetzt. Dabei werden die kleinsten Zuschauer jedoch keineswegs vergessen. Hier besticht „Cars“ wie bereits seine namhaften Vorgänger dadurch, dass gerade die liebevollen Animationen und kindgerechten Slapstick-Einlagen einhergehen mit einigen geschickt eingebundenen, kindlich-naiv wirkenden Charakteren, die wohl schnell in die Herzen der Kleinsten rasen dürften. Denn merke: Wenn Disney, Pixar oder gar beides drauf steht, ist eigentlich immer was Ordentliches für die Kleinen drin!

Damit sollte ja normalerweise dafür gesorgt sein, dass man sich rundum im Universum der sprechenden und fühlenden Fahrzeuge wohlfühlt. Oder doch nicht? Nun ja, sagen wir mal: Es gelingt bedingt. Denn wie bereits erwähnt, gelingt es „Cars“, zu unterhalten, jedoch gelingt es dem Film erst nach einigen Anläufen; ja, mit etwas Verzögerung: Bis man sich endgültig an die Erscheinung sprechender Autos gewöhnt hat und bis auch die Gags endlich so zünden wie es der erwachsene Zuschauer gerne hätte, vergeht doch einige Zeit; schon fast soviel Zeit, dass der Film nahezu so schnell an einem vorbeigehuscht ist wie ein spritziger Turbodiesel auf der Autobahn während man selbst noch etwas perplex auf dem Standstreifen steht. Diesen eher negativen Umstand kann man „Cars“ aber auch zugleich als positive Eigenschaft anrechnen, denn es wird klar: dieser Film ist trotz einiger kleinerer Mängel extrem kurzweilig, was wohl in erster Linie an den genialen Animationen liegen dürfte, denen man tatsächlich eine zuvor nicht für möglich gehaltene Weiterentwicklung im Vergleich zu den letzten Werken des Pixar-Studios anmerken kann.

Wenn „Cars“ dann mit seinen liebenswürdigen Charakteren auch in Sachen Comedy und Story so richtig an Fahrt gewonnen hat, kann man den Verantwortlichen für den deutschen Verleih sogar halbwegs verzeihen, dass mit Koryphäen wie Christian Danner, Heiko Wasser, Niki Lauda und sogar Michael Schumacher in Nebenrollen „Synchronsprecher“ verpflichtet wurden, die zwar wie der Reifen auf die Felge zu diesem Thema passen, aber spätestens beim ersten Hinhören erkennen lassen, dass sie doch mal besser in ihrem angestammten Fach geblieben wären.

Pixar hat sich mit „Cars“ technisch in jedem Fall weiterentwickelt und kann damit gegenüber Mitbewerbern wie DreamWorks die Messlatte wieder ein Stück weit höher legen, doch allein die technische Weiterentwicklung reicht leider nicht aus, um an eigene Highlights wie „Findet Nemo“ heranzureichen. „Cars“ weiß generationenübergreifend zu unterhalten, das muß man dem Film zugute halten und daher ist dieser Animations-Spaß auch keineswegs als Kolbenfresser zu werten, sondern allenfalls als Reifenschaden in der letzten Kurve. 6,5/10

Dieses Review wurde Ihnen präsentiert mit freundlicher Unterstützung von
einem deutschen Pannenhilfe-Unternehmen,
der japanischen Automobil-Industrie,
US-amerikanischen Software-Entwicklern
und asiatischen Hardware-Herstellern.

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