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Ein Verbrechen, welches gleichermaßen so unvorstellbar als auch einzigartig ist, dass es selbst über die Landesgrenzen von Deutschland hinaus Aufmerksamkeit erregte: die Geschichte des Armin Meiwes, genannt „der Kannibale von Rothenburg", welcher sich in einem Chatroom nach einem Opfer umsah, welches er verspeisen konnte. Dieses zweifellos ebenso brisante wie abstoßende Thema hat bisher zwei Verfilmungen erfahren, wovon die populärere, der Film „Rohtenburg" mit Thomas Kretschmann, aufgrund von Verstößen gegen die Persönlichkeitsrechte bis auf Weiteres für jegliche Auswertung verboten ist. Dies verwundert insoweit, sieht man sich das weniger populäre Pendant dazu aus dem Amateurfilmbereich an: „Cannibal" bedient sich im Gegensatz zu „Rohtenburg" nicht dem Mittel der Verfremdung und ist um Authenzität bemüht. Es bleibt also abzuwarten, welche Rechtsmittel Herr Meiwes nach Kenntnisnahme dieses schockierenden Films einlegt.

„Cannibal" ist nämlich eine außerordentliche Grenzerfahrung: Der Film rekonstruiert die Kontaktaufnahme zwischen dem „Der Mann" genannten Figur des Kannibalen (dargestellt von Carsten Frank) mit dem „Das Fleisch" genannten Opfer (Victor Brandl), welches sich aufgrund seiner Todessehnsucht bereitwillig verspeisen lassen will. Es kommt zu einer Begegnung, einer Liebesnacht, welches den Täter an seinem Vorhaben zweifeln lässt und schließlich - auf Drängen des späteren Opfers - zur Kastration, Tötung und Schlachtung.

Den Punkt, welchen man „Cannibal" wohl am meisten ankreiden muss, ist seine realistische Amateurfilmoptik, welche jegliche Distanz zum Geschehen durch zahlreiche Detailaufnahmen vermissen lässt. Man sieht, wie sich die beiden männlichen Körper umschlingen, sich küssen, miteinander Sex haben. Immer draufgehalten, ohne künstlerisch-ästhetische Distanz. Die psychischen Qualen der Protagonisten offenbaren sich in Selbstzweifeln, Weinkrämpfen, schmerverzerrten Gesichtern, aggressivem Begehren und Fordern. Doch letztendlich lässt uns die Inszenierung bei den Blicken in die Köpfe der Protagonisten - was zweifelsohne sehr viel Potenzial gehabt hätte - allein. Das grausame Verbrechen selbst erfährt beinahe die vollständige, ekelerregende Aufmerksamkeit. Spätestens wenn wiederum in Nahaufnahme minutiös die äußerst real anmutende Entmannung „des Fleisches" unter dessen Schreien regelrecht zelebriert wird oder an ebendiesen sein eigenes, gegartes Genital verfüttert wird, dürfte diese augenscheinliche „Gaumenfreude" selbst dem hartgesottenen Zuschauer auf den Magen schlagen. Diese Zeigefreudigkeit setzt sich fort bis zur Schlachtung des Opfers, welche durch die - zugegebenermaßen - gelungenen Kompositionen aus dreckigen, beinahe schon schimmligen Bildern und einer atmosphärisch noch zusätzlich beklemmenden Musikuntermalung umso verstörender, abstoßender und widerlicher erscheint. Es ist schwer, dieses visuelle Grauen, welches den Zuschauer psychisch und beinahe schon physisch Schmerzen bereitet, in adäquate Worte zu fassen.

Doch dem im Ansatz hoch interessanten Amateurfilm, dem es besonders in den ersten 20 Minuten gelingt, kontinuierlich eine suggestive Spannung aufzubauen, wird genau diese Drastik zum Verhängnis. Die Gewalt, das grausame Verbrechen, verkommt durch seine - makaberer Weise im doppelten Wortsinne - Ausschlachtung zum reinen Selbstzweck. Durch die gezielte Provokation, Polarisierung und Sensationsgier, welche auszulösen dem Film durchaus gelungen ist, gerät die angestrebte, subtil-verstörende Charakterstudie um zwei gestörte Persönlichkeiten ins Hintertreffen. Und genau an dieser Stelle drängt sich spätestens der Vergleich zu den Filmen von Andreas Bethmann („Dämonenbrut", 2000) auf, der auf ähnlich plakative Weise in Fließbandarbeit billige Splatter- und Erotikfilme produziert. Dieser Eindruck des Exploitation-Movies verdichtet sich weiter, wenn man bedenkt, dass die an sich künstlerisch originelle Exposition um das Märchen „Hänsel und Gretel" zugunsten einer makabren, beinahe schon zynischen Rahmung verkommt, welche den Kannibalen und seine Motive in die Nähe der Pädophilie rückt oder - ebenso ärgerlich - äußerst verschachtelt auf die traumatische Kindheit verweist.

Fazit:
Ambitionierter, aber letztendlich durch seine Explizität äußerst missglückter Versuch, ein Verbrechen, dass Justizgeschichte schrieb, zu rekonstruieren. „Cannibal" schwankt lange Zeit - für den Zuschauer auch durch einige Längen sehr anstrengend - zwischen Charakterstudie und expliziten Splatterfilm, bevor er sich schließlich für die einfachere Variante des zwar atmosphärisch gelungenen und verstörenden, aber auch plakativen Horrorfilms entscheidet. So ist das Endprodukt leider nichts weiter als abstoßende, billige Exploitation-Ware.                   

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