Wow. Das ist mal wirklich "harter Stoff". Das sollte man zuerst festhalten. Cannibal wird so ziemlich 99% aller "normaler" Filmgucker brutal gegen den Kopf stoßen und schreiend oder wütend aus dem Raum schicken. Selbst hartgesottenere Fans und Freunde etwas "abseitigerer" Streifen werden wahrscheinlich kopfschüttelnd abwinken.
Was der Regisseur Marian Dora hier serviert ist schon eine ausgenommene Seltenheit im Filmdschungel und sollte allein deshalb schon die Aufmerksamkeit bekommen, die es ja leider nie erfahren wird.
Selten sah ein "No-Budget"-Beitrag so gut aus. Perfekt ausgeleuchtete, sehr atmosphärische Bilder mit einer Prise Unwirklichkeit werden hier präsentiert und liefern neben dem gelungenen Soundtrack auch die zwei großen Eckpfeiler, auf die sich die Inszenierung stützt. Zum Dritten komme ich später.
Manch einer wird sich auch hier daran stoßen, dass vieles zu stilisiert und für den Einen oder Anderen wird manches auch schlicht pathetisch wirken. Gerade die Überzeichnung ist hier aber so gut mit der treibenden, aber ruhigen Musik untermalt, so dass der Zuschauer mit sofort in den Sog der Handlung gezogen wird.
Was anfangs auch bitter nötig ist, denn auch hier: Im gesamten Film gibt es vielleicht eine DinA4 Seite an Text, dass wars. Die beiden Darsteller Carsten Frank und Victor Brandl, beide mir bis dato unbekannt, aber alles andere als untalentiert, kommunizieren zumeist mit Gesten, Blicken und ausdrucksstarkem Spiel, ohne dass da noch viele Worte folgen müssen. Tja, schon wieder ein Downer für das "Partysplatter" gewöhnte Volk.
Wenn die beiden Protagonisten sich dann näher kommen werden auch die meisten abschalten, denn das homo-erotische und teils sehr explizite (nein, KEIN HC!) Miteinander das nunmehr folgt ist zwar von den Darstellern und der Kamera perfekt eingefangen, dürften aber halt auch wieder Otto-Normalseher vor den Kopf stoßen. Hier offenbart sich dann auch eine Schwäche des Films: Würde die teils kitschige Kamera uns nur die Sicht der Welt der beiden dargestellten Menschen näherbringen, so wäre das eine Sache. Leider triefen dann auch pathetischem Nonsens oder wirken schlicht gestelzt.
Aber soviel Text gibt es ja auch wieder nicht und sind die Figuren dann wieder ruhig kann man sich wieder besser "in die Atmosphäre einfinden". Möglich das Cannibal als reiner Stummfilm nochmal eine ganz andere Ebene gehabt hätte.
Natürlich kommt dann, weshalb sich wohl auch 2/3 der Leute diesen Film ansehen: Das cannibalistische Treiben und leider geht es ab jetzt auch bergab. Die dargebrachten Effekte "hart" zu nennen ist lächerlich untertrieben und in ihrer grafischen Natur ein kompletter Schlag in die Magengrube des Zuschauers. Auch hier von irgend etwas "party-mäßigem" nicht mal das kleinste Fitzelchen. Und genau da ist der Moment, wo die Schwelle zum "kitschigen Arthouse-Kino" überschritten wird.
Minutenlanges rumheulen, zersägen, entweiden und anbraten, wobei man längst die Beziehung zwischen "dem Mann" und "dem Fleisch" kennt und auch mit ein paar Szenen die Intention klar wird, aber so wird die Message "Mord heißt nicht das es nicht auch zärtlich und wunderschön sein kann" oder wie immer man das auch nun formulieren will, was zwischen den Beiden vorgeht.
Aber das war es dann auch leider. Irgendwann hört der Film einfach auf und man bleibt mit einem seltsam leeren Gefühl im Kopf sitzen. Klar, die Beziehung der Beiden hat man verstanden, dass war es dann auch aber, wie gesagt, sehr schöne Bilder und gekonnte Musik, aber auch schon die erzählerische Klammer in Form von "Hänsel & Gretel" zeugt eher von dem krampfhaften Versuch dem Zuschauer klar zu machen, dass die Geschichte nun vorbei ist.
So viele interessante Aspekte die man teilweise aus den Nachrichten mitbekommen hat bei wirklichen Fall "des Kannibalen von Rothenburg" wurden einfach fallen gelassen und nicht einmal erwähnt, genauso wie es keinerlei Motiv-Klärung gibt.
Klar, letzteres hätte natürlich auch richtig in die Hose gehen können und ist daher mit Vorsicht zu genießen, dass hier aber halt bis auf die Beziehungs-Ebene nichts, aber auch wirklich gar nichts beleuchtet wird ist für einen 90 minütigen Streifen doch schon keine allzu gelungene Darbietung.
Was man am Ende von diesem Film halten soll? Wie viele Punkte? Ich glaube, Cannibal, noch vor vielen anderen Filmen entzieht sich solch einer Bewertung. Nicht nur das die Meisten dieses Werk niemals und wenn dann nicht ganz sehen werden, sondern auch da es so ein unglaublich zwiespältiges Vergnügen ist.
Auf der einen Seite intensiv und für seine Möglichkeiten perfekt inszeniert, auf der anderen Seite aber teils pathetisch und mit zu wenig "richtiger" Handlung gesegnet.
Das einzig Wahre wird es sein, sich selbst ein Bild zu machen.