Der Mann und das Fleisch oder Liebe geht durch den Magen
Vor einigen Jahren sorgten die abartigen und bizarren Enthüllungen aus dem Leben des sogenannten Kannibalen von Rohtenburg, Armin Meiwes, für Empörung und Entsetzen. Die ungeheuerlichen Details, die während der Ermittlungen und des Prozesses an die Öffentlichkeit kamen, schockierten nicht nur Deutschland, sondern auch weit über die Landesgrenzen hinaus.
Von diesem bis dato einzigartigen Verbrechen in der deutschen Kriminalgeschichte inspiriert, verarbeitete Regisseur Martin Weisz seine Eindrücke zu seinem Film "Rohtenburg" mit Thomas Kretschmann in der Rolle des Kannibalen.
Bereits ein Jahr zuvor wagte sich Marian Doran mit "Cannibal" an die Thematik und servierte seinem Publikum eine abartige, blutrünstige Schlachtplatte, die von den Zuschauern starke Mägen und strapazierfähige Nerven abverlangte. Angereichert mit Homo-Erotik, einer detailierten Kastration sowie Fäkal-, Kotz- und Gedärmexzessen gipfelte Dorans Werk in einer festlich gedeckten Festtafel bei Kerzenschein, klassischer Musik und einer Flasche Rotwein.
Sowohl Weisz´ "Rohtenburg" als auch Dorans "Cannibal" sind Filme, die man gesehen haben kann, aber nicht gesehen haben muss. Sie portraitieren vor dem Hintergrund einer spärlichen Spielfilm-Handlung nahezu dokumentarisch reale Begebenheiten, die weniger Unterhaltungswert vermitteln als vielmehr die Sensationslust und Neugier des Zuschauers angesichts der unappetitlichen Thematik befriedigen.
Beide Werke weisen ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen auf und wirken auf den einen nachhaltiger als bei dem anderen. Doch die gewonnenen Eindrücke verfliegen genauso schnell wie Kochschwaden in der Dunstabzugshaube.
"Cannibal" ist im Gegensatz zu "Rohtenburg" eine mit geringem Budget inszenierte Amateurfilm-Produktion und Regisseur Doran erweist sich wie einst Italiens "Meister"-Regisseur Joe d´ Amato als Mann mit vielen Talenten: nicht nur Drehbuch und Regie gehen auf sein Konto, sondern auch die Überwachung vom Schnitt und der Toneffekte. Die spielen in seinem Werk eine sehr große Rolle und sorgen vor allem in den Ausweidungsszenen im letzten Drittel des Films in Einklang mit einem düsteren Score für die notwendige Intensität.
Wo die ursprünglich für die großen Lichtspielhäuser konzipierte Verfilmung von Martin Weisz ausblendet und die letzte Konsequenz des blutigen Treibens der Phantasie des Zuschauers überlässt, geht Dorans "Cannibal" weiter und sprengt sämtliche Tabus und Grenzen: er verzichtet vollkommen auf die Aufarbeitung der Vergangenheit von dem Mann und seinem Fleisch, sondern konzentriert sich auf die gegenwärtigen Ereignisse und präsentiert schonungslos und offen seine Sichtweise der Dinge, die sich damals abspielten. Die bei Weisz noch angedeutete homoerotische Komponente zwischen Mann und Fleisch wird bei Doran bis hin zum Akt voll ausgespielt. Auch im vorherigen und weiteren Verlauf des Films sind beide Akteure dieses bizarren Kammerspiels mehr nackt als bekleidet. Die bei "Rohtenburg" im Vordergrund stehende Vertiefung und Ausarbeitung der Charaktere weicht hier expliziten sexuellen Handlungen, die den Mann eher als schwaches, unterwürfiges Glied dieser Verbindung darstellen und das Fleisch eher dominant und willensstark erscheinen lässt. Mehr Charakterisierung darf der Zuschauer hier nicht erwarten.
Genauso wie die beiden Hauptcharaktere während des Abspanns nur als Mann und Fleisch betitelt werden, fehlt es dem Film an Dialogen. Während der gesamten 90 Minuten Laufzeit werden ungefähr 20 Sätze gesprochen, die sich auch nur auf das nötigste beschränken. Hier darf ebenso wenig der obligatorische Satz "Ich bin Dein Fleisch" fehlen, der auch schon bei "Rohtenburg" für unfreiwilliges Schmunzeln sorgte.
Mit dem Mittel der Anonymität der Protagonisten vermittelt Regisseur Doran natürlich, dass die Realität - sprich: die Abartigkeit dieses Verbrechens - sich vor unserer Haustüre abgespielt hat und auch wieder abspielen könnte und der biedere Nachbar mit seiner Aktentasche ein Mensch wie Du und ich ist und kein intellektuelles, kultiviertes, gut aussehendes Individuum wie es uns Hollywood mit Filmen wie "Das Schweigen der Lämmer" oder "Hannibal" vorgaukeln möchte.
Sehr realistisch erweist sich dabei auch Dorans Wahl der Schauspieler, die - rein vom Äußeren her - durchschnittlich sind. Es entbehrt natürlich nicht einer gewissen Ironie, dass der von Carsten Frank dargestellte Kannibale eine gewisse Ähnlichkeit mit TV-Koch Zacherl hat...
Leider erweisen sich die Darsteller trotz ihrer Authenzität aber auch als komplett fehl besetzt, denn es mangelt beiden - vor allem aber Carsten Frank - an schauspielerischem Talent.
Dieses Manko versucht Regisseur Doran durch eine äußerst realistische, graphische Darstellung der Ereignisse wettzumachen und wenn ich empfehle, nicht unbedingt nach Genuß einer üppigen Portion Spaghetti Carbonara diesen Film anzuschauen, dann ist das ein Rat, den man beherzigen sollte, denn ab der Mitte des Films entwickelt sich das Kammerspiel zum Schlachtfest und der Biss in des Fleisches Genital erweist sich - vor allem für männliche Zuschauer - genauso realistisch und spürbar schmerzhaft wie die spätere Kastration mit einem Fleischermesser.
Vor allem weibliche Zuschauer sollten abgehärtet sein, denn im Anschluss fließt aus dem blutigen Stumpen nicht nur Blut, sondern das Fleisch erleichtert sich nach der Entmannung in Nahaufnahme die Blase. Um Realismus oder einfach nur Provokation bemüht ist dies der Auftakt für weitere Geschmacklosig- und Abartigkeiten, die - vollkommen zu Recht - zur bundesweiten Beschlagnahmung des Werkes geführt hatten. Nachdem sich die Akteure mehrmals aufeinander oder voneinander abgewendet erbrochen haben, das gebratene Genital bluttriefend mehr oder weniger zerkaut werden konnte und das Fleisch dem Zuschauer die Reste seines Darminhaltes offenbarte, geht es ab in die Badewanne um das Fleisch in den gewünschten Schockzustand zu versetzen, bevor es wie Schlachtvieh ausgeblutet und anschließend zerlegt wird.
Absoluter Höhepunkt des gewaltpornographischen Treibens ist die Andeutung von Nekrophelie, denn der Mann befriedigt oral des Fleisches Stumpen, womit "Cannibal" eindeutig die Grenzen übertreten hat. Von einer filmischen Aufarbeitung realer Begebenheiten kann hier keine Rede mehr sein, vielmehr hat Doran seine eigenen perversen Neigungen in Szene gesetzt.
Insgesamt ist "Cannibal" weder besser noch schlechter als "Rohtenburg" und für eine Amateurfilm-Produktion kann sich das Ergebnis - sieht man von seinen geschmacklichen Entgleisungen ab - durchaus sehen lassen. Mehr Tiefgang und Anspruch hat zweifelsfrei Martin Weisz´ Interpretation der Geschehnisse vorzuweisen, die blutrünstigen Schauwerte liefert allerdings Maran Doran und hat somit zumindest ein Ziel erreicht: die Sensationsgier des Zuschauers befriedigt.