Der Franzose Alexandre Beck (François Cluzet) ist Anfang vierzig und arbeitet als Kinderarzt in der Großstadt - seit er vor acht Jahren bei einer Entführung seine Frau verlor, ist die Arbeit seine größte Stütze. In einigen Rückblenden werden er und seine Jugendliebe Margot (Marie-Josée Croze), die schon als Kinder füreinander bestimmt schienen und gemeinsam ein Herz in einen Baum geschnitzt hatten, öfters beim gemeinsamen Baden in einem kleinen Weiher gezeigt - eine Tradition, die sie auch als erwachsenes, verheiratetes Paar fortsetzten. Eines Tages jedoch, nach einem kleinen Disput, verläßt sie vor ihm das Wasser. Als er ihr nacheilen will, wird er am Steg niedergeschlagen und stürzt zurück ins Wasser. Danach: totaler Blackout - er erwacht später außerhalb des Wassers. Kurz danach wird die Leiche seiner Frau entdeckt, vom Schwiegervater identifiziert und der Fall als "missglückte Entführung", nachdem Alexandre selbst kurz verdächtigt worden war, zu den Akten gelegt. Sich mit so einem Schicksalsschlag abzufinden ist schwer genug und so mag man sich vorstellen, wie überrascht Alexandre ist, als er nach dieser langen Zeit eine ominöse mail bekommt, die auf die vergangenen Geschehnisse Bezug nimmt.
Regisseur Guillaume Canet hat mit Kein Sterbenswort einen raffinierten Thriller gedreht, den er in zwei zeitlichen Ebenen ablaufen läßt, die immer weiter zueinander führen: Während der charakterfeste Alexandre kaum an die Möglichkeit glauben mag daß seine Verflossenen Margot doch noch zu den Lebenden zählt, wühlt er zunächst eher unwillig, dann jedoch mit immer mehr Eifer in der Vergangenheit. Gleichzeitig mit ihm werden weitere Parteien diesbezüglich aktiv - einerseits die Polizei, die in der Nähe des Weihers zwei Leichen ausgräbt, die eindeutige, neue Spuren zum längst abgeschlossenen "Entführungsfall" legen, andererseits eine Truppe von Killern, die einigen von Alexandres Bezugspersonen "zu nahe" kommen. Cluzet ist stets und immer der Hauptdarsteller - seine bescheidene, nie überzogene und stets nachvollziehbare Handlungsweise schafft hier schnell Identifikationsflächen - alle anderen Darsteller agieren ebenso glaubhaft, haben aber deutlich zu wenig Screentime, um sich auszuzeichnen, zumal Cluzet auch keinen wirklichen Gegenspieler hat sondern gegen im Dunklen agierende Hintermänner zu kämpfen und vor der Polizei zu flüchten hat.
Das Besondere an Kein Sterbenswort ist nicht nur das fein ausgedachte Drehbuch, das dem Zuschauer häppchenweise Fakten präsentiert, die sich im Lauf der Zeit zu einem immer klareren Gesamtbild verdichten, sondern auch diverse Umstände aus Alexandres plötzlich aus den Fugen geratenem Leben. Da wäre der humorvolle Einfall mit den Ghettoganstern (stylisch hergerichtet mit dicker Kette, schwarzem Zwei-Meter-Bodyguard etc.), die Alexandre eine zeitlang beschützen, da er sich einmal um den verletzten Sohn von deren Boss gekümmert hatte; da wäre seine lesbische Schwester die mit einer Frau zusammenlebt, die seiner Margot sehr ähnlich sieht (was anfangs für etwas Verwirrung sorgt) oder der zunächst nervtötend pedantische Kommissar (François Berléand), dessen Akribie sich im Lauf des Films als sehr hilfreich herausstellt. Im Gedächtnis bleibt auch die außergewöhnlich häßliche Killerin in der Jogginghose, deren sanftes Zupacken an den richtigen Stellen umso schmerzhafter für die Opfer ist. Diese und eine handvoll anderer Zu- und Einfälle machen Kein Sterbenswort trotz der über zwei Stunden Lauflänge zu einem kurzweiligen Sehvergnügen.
Daß sich der vorgebliche Entführungsfall dann als etwas ganz anderes entpuppt und die neuen Ermittlungen dazu seit Jahren wuchernde gesellschaftliche Misstände durchwühlen und schlußendlich auch beseitigen müssen nimmt man als Zuseher gerne zur Kenntnis - am Ende klärt sich auf wunderbare Weise alles auf, für meinen Geschmack fast schon zu glatt, besonders die Schlußszene am geschnitzten Liebesherz am Baum ist mir etwas zu pathetisch. Die tut der guten Wertung aber keinen Abbruch: 8 Punkte.