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Zum Zeitpunkt der Erscheinens von "Das Verrätertor" 1964 war die Edgar-Wallace-Reihe längst zum Selbstläufer geworden, was auch den von den Produzenten gewünschten Nebeneffekt mit sich brachte, dass das Publikum mit einer konkreten Erwartungshaltung an die Filme heran ging. Angesichts der immer eigenständigeren deutschen Interpretation der Wallace-Romane, bemerkte man kaum, dass sich diese immer mehr von der literarischen Vorlage lösten, was dazu führte, dass man ab 1966 ("Der Bucklige von Soho") zunehmend selber Drehbücher schrieb, die gar nicht mehr auf einem Originalroman basierten, sondern den "Wallace-Touch" imitieren sollten.

Dabei hatte Edgar Wallace genügend Romane für viele weitere Verfilmungen geschrieben, aber er blieb, trotz des erheblichen Erfolgsdrucks unter dem er stand, immer noch für kreative Abwechslungen gut. "Das Verrätertor" erschien als einer seiner letzten Werke und war anders angelegt als die sonstigen "Who done it?" - Krimis. Im Mittelpunkt stand ein klassischer Heist-Coup, bei dem eine Verbrecherbande versucht, die Kronjuwelen aus dem Tower von London zu stehlen - zur damaligen Zeit das wohl riskanteste Unternehmen, dass in London vorstellbar war. Konsequenterweise wurde der Film – wie schon „Das Geheimnis der gelben Narzissen“ – unter englischer Regie in London gedreht, denn einen Einbruch in eines der berühmtesten Gebäude Englands wäre ohne authentische Schauplätze nicht umsetzbar gewesen.

Dadurch unterschied sich „Das Verrätertor“ in zwei wesentlichen Dingen von den sonstigen Edgar-Wallace-Filmen – es fehlten die Kulissenbilder eines nebligen London und das Rätselraten, welcher Täter für die Serienmorde zuständig ist. Diese existieren hier gar nicht, denn die wenigen Toten gehen hauptsächlich auf das Konto von Klaus Kinski als Kane, und sind keiner wahnsinnigen Mordlust geschuldet, sondern der kühl kalkulierenden Vorgehensweise der Verbrecherbande. Das wurde dem Film beim Publikum zum Verhängnis, denn dieses war nicht bereit, von geliebten Gewohnheiten Abstand zu nehmen, was dem Film bis heute das Attribut der Langeweile einträgt.

So seltsam es aus heutiger Sicht klingen mag – der Film war einfach zu gut gemacht. Der gesamte Aufbau der Handlung ist von Beginn an klar strukturiert. Die wenigen Rätsel, wie der Ausbruch von Graham (Gary Raymond) aus Dartmoor zu Beginn, stellen sich schnell als Teil des Plans heraus, der konsequent umgesetzt wird. Übliche Schwächen des Drehbuchs, das angesichts turbulenter Ereignisse manchmal den Überblick verlor, stellen sich hier nicht ein. Gerade diese Entschlackung der Story, die im Gegensatz zum Originalroman sogar auf den großen Unbekannten im Hintergrund verzichtete, wurde dem Film vorgeworfen. Dabei entsteht durch die straighte Umsetzung eine hohe Nachvollziehbarkeit der Ziele der Verbrecherbande, die aus dem angemessenen Tempo der Umsetzung eine erhebliche Spannung erzeugt.

Allerdings verzichtet der Film, anders als in ähnlich gearteten Heist-Movies, auf Sympathien mit den Verbrechern, denen nur niedere Instinkte zugestanden wurden. Das entsprach den Vorgaben an die Moral der Wallace-Filme, aber das überzeugende Spiel von Albert Lieven als kühl agierendem Kopf der Bande und von Margot Trooger als seinem weiblichen Kompagnon Dinah, die eigene Ziele verfolgt, macht diesem Ansinnen einen Strich durch die Rechnung. Den „Guten“ des Films wie Dick (auch Gary Raymond), dem Wachoffizier, und seiner Verlobten Hope (Catherine Schell), ist das Team Trooger / Lieven in Sachen Charisma und Coolness klar überlegen.

Es fehlt der souveräne Inspektor oder Detektiv als Opponent und Sympathiefigur, denn die Londoner Polizei, die erst ganz zum Schluss auftaucht, erzeugt keine Identifikation beim Betrachter. Statt dieser agiert hier Eddie Arent, der als deutscher Tourist zufällig in einem Strip-Lokal Zeuge eines Mordes wird, als Ermittler, aber obwohl er eher verhalten spielt, bleibt er natürlich der leichte Trottel, der nur wenig gegen die Gangster ausrichten kann. Ganz kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass Arents Figur von den englischen Machern als kleiner Kompromiss an die Erwartungshaltung des deutschen Publikums eingefügt wurde, so unwesentlich bleibt letztlich seine Rolle.

„Das Verrätertor“ als untypisch für die Edgar-Wallace-Reihe anzusehen, ist sicherlich gerechtfertigt, aber ihn deshalb zu kritisieren, keineswegs. Tatsächlich wirkt der Film wie aus einem Guss mit seinem gemächlichen Tempo, der genial die Szenerie unterstreichenden Filmmusik, den authentischen Drehorten und mit Albert Lieven und Margot Trooger in den Hauptrollen, denen man gerne weiter bei ihrem Spiel zusehen möchte. Der Film hat nichts von den üblichen trashigen Überraschungen und es ist fast schade, dass das tragische Potential einer Dinah nicht genügend ausgespielt wird. Trotzdem hinterlässt der letzte Blick in Margot Troogers Gesicht zum Schluss den stärksten Eindruck.

Man spürt den Zwang, den Film doch irgendwie in die Wallace-Reihe einfügen zu müssen. Funktioniert hat das beim damaligen Publikum nicht, da gegen zu viele „Gesetze der Serie“ verstoßen wurde, aber gerade als Anhänger der Wallace-Reihe erfüllt dieser Film heute den Betrachter mit Freude, weil er in seiner Eigenständigkeit eine Atmosphäre aufbaut, die jenseits der Action faszinieren kann. Vorausgesetzt man verabschiedet sich einmal von den üblichen Erwartungshaltungen, für deren Erfüllung schließlich ausreichend Filme vorhanden sind (8/10).

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