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A kestrel for a knave.

Basierend auf diesem Buch inszenierte Ken Loach mal wieder einen Film über die sozialen Missstände Englands. Wie der Titel des Buches schon sagt, geht es, wie schon in "Sweet Sixteen" um einen kleinen Jungen. Knave kann auch mit Gauner übersetzt werden und genau das ist der kleine Billy Casper auch. Er verbringt die Zeit mit Pausenhofschlägereien, Diebstählen und ähnlichen Unsinnigkeiten. Tag täglich trägt er Zeitungen aus, bevor er in die Schule geht. Das heißt früh aufstehen, was nicht unbedingt förderlich für seine schulischen Erfolge ist. Seine Mutter treibt sich andauernd mit irgendwelchen Typen rum und sein Verhältnis zu Bruder Jude ist nicht unbedingt das, das als Geschwisterliebe bezeichnet werden kann.

Billy ist Einzelgänger, hat nicht viele Freunde. Und auch keine sonderlich hilfreichen und bildenden Hobbies. Bis er eines Tages ein Falkennest entdeckt, von dem er fortan sehr angetan ist. Er schnappt sich ein Falkenbaby und zieht es auf. Und das ist ihm behilflicher bei seiner Entwicklung als dass er wohl eigentlich dachte.

Der Filmtitel "Kes" ist gleichsam kurz wie vielsagend. Zum einen die Kurzform für Kestrel, übersetzt Turmfalke. Andererseits kann das aber auch als ein Kürzel für seinen Nachnamen, also für ihn selber. Und es können genauso Parallelen zwischen diesem Falken und ihm selbst geschlossen werden. Ein Falke ist ein Raubvogel. Als sich Billy mit seinem Lehrer im "Nest" seines neuen Freundes unterhält, wird klar, was Beide von solch einem Falken halten. Sie verspüren Respekt und sind der Meinung, der Falke sei ein höheres Wesen wie sie, sie könnten dankbar sein, diesen Falken gerade eben beachten zu dürfen. Der Falke ist eben ein Raubvogel. Ungestüm und rücksichtslos. Doch Billy zähmt ihn. Und wird selber gezähmt. Vom Schläger, vom Außenseiter entwickelt er sich zu einem tiefsinnigen, nachdenklichen jungen Kerl. Er ist zwar dennoch Außenseiter, aber positiv gesehen. Er ist seinen Mitschülern voraus und bekommt auch erstmal so etwas wie Respekt ab. Als er vor der ganzen Klasse seine Geschichte mit dem Falken erzählt. Dieser eine Lehrer da ist so etwas wie sein Förderer. Was Billy für Kes, also den Falken ist, ist der Lehrer für Billy. Ein Geben und Nehmen also.

"Kes" ist also wieder mal ein Film von Ken Loach über einen jungen Außenseiter, der unter chaotischen Umständen aufgewachsen ist und so etwas wie ein Familiengefühl nicht kennt. Sein Bruder ist ihm mehr Feind als Freund und die Mutter kümmert sich so gut wie gar nicht um ihn, ist viel mehr damit beschäftigt, irgendwelchen Männern zu gefallen. Billy verbringt daher Zeit mit sich selber, verschafft sich ein Hobby. Wo in "Sweet Sixteen" jedoch noch der junge Liam bemüht ist, eben den Zusammenhalt in seiner Familie wieder herzustellen und dabei mehr oder weniger über Leichen geht, ist bei "Kes" eher das Gegenteil der Fall. Billy setzt sich von seiner Familie, dem großen Stresspunkt seines Lebens, ab, er zieht sich zurück und widmet sich ganz dem Falken, den er Kes nennt.

Seine Entwicklung ist dabei sehr gut zu sehen. Ein richtig tiefsinniges Gespräch führt er mit seinem Förderer, dem Lehrer, nachdem er mal wieder von einem seiner früheren "Freunde" verprügelt worden ist. Er zweifelt das Schulsystem an. Berechtigterweise. Und die Oberflächlichkeit, die an den Schulen an den Tag gelegt wird. Nur auf die Noten wird geachtet. Von Menschlichkeit keine Spur. Dieser eine Lehrer versteht ihn dabei. Wo der Direktor und andere Vertreter des Kollegiums nur auf das Verhalten der Schüler schauen, aber diese so gut wie gar nicht fördern, ist dieser eine Lehrer anders. Er zwingt Billy geradezu, eine Geschichte über ihn zu erzählen. Zunächst zögert dieser noch, doch mit fortschreitender Dauer merkt er, wie begeistert seine Mitschüler sind und ihm bereitet es richtig Freude, sein Erlebtes zu teilen.

Leider merkt man "Kes" teilweise auch sein Entstehungsjahr an und er enthält für mich Szenen, die sich mir nicht ganz entschlüsseln. Die doch recht lang dauernde Fußballszene zum Beispiel. Der Sinn dieser mag sich mir nicht ganz klären. Dass Billy von den Meisten nicht ernst genommen wird und er der Außenseiter ist, das merkt man auch so. Da hätte es diese Sequenz sicherlich nicht gebraucht. Was ich damit meine, ist, dass durch solche Szenen irgendwie der Anspruch, den der Film sonst zweifelsfrei hat, etwas abgeebbt wird.

Alles in allem ist "Kes" aber dennoch anspruchsvolles und nett anzuschauendes Independent-Kino, mit einer fabelhaften Hauptperson und einer sympathischen Geschichte. Dass sowohl während des Films als auch das Ende nicht voller Sonnenschein ist, dürfte Kennern von Ken Loach bekannt und bewusst sein. Dennoch ein Film voller Symbolik. Und wirklich tollen und mir als Laie relativ aufwändig erscheindenden Tierszenen.

7,5/10 Punkte

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