„Wer Gewalt sät“, sät auch manchmal kleine Klassiker des Psycho-Dramas, wie es einst Sam Peckinpah mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle vollbrachte.
Der Spanier Koldo Serra lässt bereits mit dem Vorspann durchscheinen, dass sein Stoff durchaus als Hommage an Peckinpahs Streifen zu verstehen ist, auch wenn dadurch eine Eigenständigkeit der Story ausbleibt, - die Umsetzung, insbesondere durch Darsteller und ruhiger Erzählweise, lässt den Betrachter jedoch rund 90 Minuten mitfiebern.
Es ist beileibe kein Geheimnis, dass Bewohner einsam gelegener Provinznester ihren eigenen Gesetzen folgen, wenn diese von Außenstehenden durchkreuzt werden, kann es auch schon mal zu Waffenanwendung kommen.
So geschieht es auch anno 1978 in einer ländlichen Region in Nordspanien.
Das englische Paar Norman (Paddy Considine) und Lucy (Virginie Ledoyen) befindet sich zu Besuch bei Paul (Gary Oldman), einem Engländer mit spanischen Wurzeln, der gerade Großmutters Haus geerbt hat, und dessen Frau Isabel (Aitana Sánchez-Gijón).
Bei einem Jagdausflug stoßen Paul und Norman auf ein einsam gelegenes Haus im Wald und entdecken darin ein völlig verwahrlostes und verängstigtes Mädchen. Sie beschließen, es mit zu Pauls Haus zu nehmen, doch es dauert nicht lange, bis eine Gruppe einheimischer Brüder nach dem Kind sucht.
Unglaublich viele Parallelen finden sich zu Peckinpahs „Straw Dogs“. Da mag man über das Betreten der Fremden in der einheimischen Bar, wo sämtliche Gäste stumm in Richtung der Neuen starren, beinahe laut loslachen, so präzise bringt diese Szene das Klischee „Zivilisation trifft Hinterwäldler“ auf den Punkt.
Doch im Detail haben wir mit den Figuren Norman und Lucy die nahezu gleiche Konstellation zum Vorbild. Ihre Beziehung ist alles andere als intakt, sie ist hübsch, manchmal auch zickig, er zurückhaltend, beinahe schüchtern und zu Beginn der Pazifist, der auch während der Jagd das Gewehr nur als Last ansieht.
Zusätzliche Ähnlichkeit besteht in dem Element, dass eine bedürfte Person aus den Klauen Gewaltbereiter befreit wird. War es in „Straw Dogs“ der Zurückgebliebene, der des Mordes bezichtigt wurde, ist es hier ein kleines, geistig und körperlich beeinträchtigtes Mädchen, welches die Gewaltspirale auslöst.
Noch deutlicher bringt ein Vergewaltigungsvorgang die Sache auf den Punkt, wonach sich die Ereignisse überschlagen.
Allerdings wird der Stoff ruhig vorgetragen, man lässt den Figuren genügend Raum für eine charakterliche Entfaltung, später entsprechend für ihre Entwicklung.
Wie Gary Oldman während der Jagd auf ein Kaninchen bereits feststellt „Es gibt Jäger und Gejagte“, trifft das nicht nur äußerlich auf die Protagonisten zu. Im Verlauf kristallisiert sich heraus, wer sich den bewaffneten Brüdern entgegen stellen und das Mädchen unter allen Umständen zur Polizei bringen will oder wer der Gewalt eher aus dem Weg zu gehen versucht. Aber auch dem Anführer der Brüder, Paco (Lluis Homar), muss ein ambivalenter Charakter bescheinigt werden, denn er ist nicht der sture Berserker, der seine Brüder zu stumpfer Gewalt anspornt, sondern er handelt bedächtig, überlegt und offenbart zwischenzeitlich ganz andere, fast unerwartete Eigenschaften.
Was insgesamt ein wenig zu bemängeln ist, sind detailliert geschilderte Beziehungen unter den Figuren. Warum die Beziehung zwischen Norman und Lucy nahezu beendet scheint, deutet sich lediglich an, was nachfolgende Entwicklungen jedoch nicht deutlich genug untermauern kann.
Auch Hintergründe über das gefangen gehaltene Mädchen werden nur ganz am Rande angerissen, allerdings kann man in das Verhalten der Kleinen eine Menge hinein interpretieren, vor allem zu dem Zeitpunkt, als sie von den beiden Männern gefunden wird.
Obgleich über weite Strecken wenig Bewegung im Spiel ist, ergibt sich eine grundlegend spannende Ausgangsstellung, die in der Unsicherheit der Figuren beruht.
Denn nicht nur den Brüdern gegenüber gibt man sich ahnungslos und lügt, auch innerhalb der Freunde erzählt man nicht immer die Wahrheit und setzt die Gruppe somit weiteren Gefahren aus.
Erst im letzten Drittel erhöht sich ab und an das Tempo, es finden körperliche Konfrontationen ebenso statt, wie der mehrfache Einsatz eines Großkalibergewehres, was hier in Ansätzen an „Beim Streben ist jeder der erste“ erinnert.
Der Showdown mit nächtlichem Regenschauer erinnert wiederum fast an den eines Westerns, wenn sich zwei Endgegner wie zum letzten Duell gegenüber stehen, was nicht minder spannend ausfällt.
Die Aussage, die die Story dabei final hinterlässt, mag sicherlich nicht jeden Betrachter zufrieden stellen, bietet aber andererseits Stoff für anschließende Diskussionen.
Was Autor und Regisseur Serra trotz Mankos innerhalb der Story hinbekommt, ist eine routinierte Inszenierung, die eine dichte Atmosphäre generiert und einige Darsteller zu außergewöhnlich guten Leistungen anspornt.
Gary Oldman gefiel mir schon lange nicht mehr so gut wie hier. Er verleiht seinem Paul, trotz niederer Jagdinstinkte eine Glaubwürdigkeit, die seinen mutig entschlossenen Charakter sympathisch erscheinen lässt.
Auch Paddy Considine vermag seinem Norman eine glaubhafte Gratwanderung vom Weichei zum Unbarmherzigen bescheren, auch wenn ihm das Drehbuch an einigen Stellen ein wenig im Stich lässt. Weniger haben die beiden Damen zu tun, wobei Aitana Sánchez-Gijón als Frau an der Seite Oldmans eine ebenbürtig starke Ausstrahlung mitbringt.
Ein besonderes Lob gebührt letztlich Lluis Homar, der den Anführer der Brüder sehr überzeugend und vor allem nuanciert verkörpert, was besonders während der letzten Minuten positiv ins Auge sticht.
Von vornherein sollte man sich also nicht vom Titel in die Irre führen lassen und reißerisch brutales Treiben einige Rednecks erwarten.
Der Stoff bietet einen ruhig erzählten Psycho-Thriller auf der Basis von „Wer Gewalt sät“ und kommt dabei ohne größeres Blutvergießen aus.
Vom Sujet her ist das zwar alles andere als originell und man kann natürlich auch bei weitem nicht mit dem Vorbild mithalten, doch innerhalb der zahlreichen Hinterwäldler-Metzel-Streifen jüngerer Zeit bietet „The Backwoods“ eine angenehme Abwechslung und in gewisser Hinsicht auch eine leichte Vertrautheit.
7,5 von 10