"Machen sie es groß, machen sie es authentisch - es ist ein Prestigeprojekt!"
So könnte man wohl den Arbeitsauftrag verstehen, der hinter der Produktion von "Alatriste" stand, dem mit umgerecht gut 25 Millionen Euros damals teuersten Film, der je in Spanien gedreht wurde.
"Alatriste", keine historische, sondern eine fiktive Figur, basiert auf einer Romanreihe des spanischen Erfolgsautors Arturo Perez-Reverte, den man auch als Verfasser von anderen Romanen kennt, aus denen bekannte Filme wurden ("Der Fluch der Schwarzen Dame" wurde zu "Geheimnisse" mit Kate Beckinsale; auf "Der Club Dumas" basiert "Die neun Pforten" von Roman Polanski).
Perez-Reverte schrieb die Serie von Romanen, weil er die wahren historischen Verhältnisse der Vergangenheit endlich einmal detailliert und treffend gewürdigt wissen wollte. Und genauso fühlt sich jetzt auch die Filmversion an, wie der enorm detaillierte und aufwändige Versuch, das 17.Jahrhundert (der Film spielt zwischen 1622 und 1643) mit all seinen kleinen Details, seinem Dreck und seiner politischen und religiösen Verworrenheit einzufangen.
Wenn man auf einer rein optischen Ebene dieses kleine Monumentalprojekt angeht, so muß man schon ein paar goldene Sterne verleihen, denn im Vergleich zu typischen Mantel-und-Degen-Filmen oder Piraten-Swashbucklern hat man sich enorme Mühe gegeben und die Komplexität sowohl im Bild wie auch im Text mitgeliefert.
Allein: das macht die Sache bei einem fast zweieinhalbstündigen Film nicht einfacher, wenn man nicht vorher entweder ein Geschichtsbuch, die Wikipedia oder einige Geo-Dokumentationen durchstöbert hat, besonders wenn man nicht aus Spanien stammt. Zwar werden immer wieder zwischendurch Informationen zeitgeschichtlicher Natur geliefert, doch während man bemüht ist, diese zu verarbeiten, rücken andere nach oder die Handlung schreitet voran.
Im wesentlichen geht es eben um den Capitan Alatriste, der für den katholischen spanischen König Philp den Vierten im schier ewigen "achtzigjährigen Krieg" um die Unabhängigkeit der Niederlande. Der tritt um 1620 in seine entscheidende Phase, während gleichzeitig auf den Schlachtfeldern Europas "der dreißigjährige Krieg" entbrennt. Die Spanier arbeiten im Bündnis mit den Portugiesen, um die prostestantischen niederländischen Heiden in Flandern zu besiegen, die sich allerdings lange erfolgreich selbst gegen Belagerungen wehren. Gleichzeitig kriselt es desöfteren mit den Engländern und die Franzosen schüren die Kriegsgefahr gegen Spanien.
Diese komplizierte und wechselseitige Lage zu verinnerlichen, ist für den Durchschnittszuschauer schon eine große Aufgabe, die kaum leicht zu bewältigen ist, da innerhalb der Handlung Sprünge von bis zu 10 Jahren gemacht werden und bisweilen enorme politische Veränderungen (in die auch stets noch die heilige Inquisition spielt) mit einem beiläufig erwähnten Nebensatz abgetan werden.
Die jedoch vielleicht fatalste Entscheidung für diese Produktion war, Elemente aus fast allen Romanen der Serie zu übernehmen (also Plotanteile aus sechs Romanen innerhalb von zwei Jahrzehnten, inclusive erdachten Ergänzungen für noch folgende Romane). Das führt zu einer enorm komplexen, aber nie sättigenden Mosaikstruktur von Handlungssträngen und Figurenentwicklungen, die weder alle schlüssig zuende geführt werden, noch im Weiteren große Folgen zu haben scheinen.
Da ist die Figur Alatristes selbst, die als altes Kampfschwein praktisch stets Befehlsempfänger in wichtigen Konflikten war und sich gegen alle Widerstände der sich bekämpfenden Parteien durchsetzte und überlebte. Da ist seine Liebe zu einer schönen Schauspielerin. Da ist sein Konflikt mit dem ihm im Geiste verwandten Söldner Malatesta, die Probleme mit seinem Freund Saldana, die Arbeitsbeziehung zu seinen Vorgesetzten und anderen Interessengruppen und nicht zuletzt sein Mündel Inigo, der Sohn eines gefallenen Kameraden, der zu seinem Gefechtspartner wird, aber wiederum in Intrigen der Adelstochter Angelica verstrickt wird, deren Vater ein Mitarbeiter von Alatristes Vorgesetztem, dem Minister de Olivares ist.
Gleichzeitig dippt der Film neben all diesen Entwicklungen noch in zahlreiche historische Vorfälle, den Anschlag auf den Prinzen von Wales (den Alatriste ausführen soll), die Belagerung von Breda (1624), der Überfall auf eine niederländische Galeone samt Goldraub und die finale Schlacht von Rocroi, die historisch beeindruckend, dreckig und blutig dargestellt wird.
Das mag zwar dem Autor durchaus gefallen haben, daß sich gleich sechs Romane hier versammelt haben, doch viel kann daraus nicht werden, denn beständig springt der Film durch die Geschichte, läßt hier und da ein paar Bilder fallen und verwendet viel Zeit auf Konflikte, Intrigen und Ränkespiele, die dann nicht weitergeführt werden oder die niemals zusammenhängend werden.
So wird "Alatriste" ein wunderbar anzuschauendes, aber erzählerisch unbefriedigendes Flickwerk, das zudem noch eine eher zynische, stoische und wenig ansprechende Hauptfigur hat (von dem Tolkien-erfahrenen Viggo Mortensen allerdings mit viel Launigkeit und Verve verkörpert), die sich zumeist passiv gegenüber allen Widrigkeiten der Zeit verhält, um sich notgedrungen mit dem Leben durchzuwurschteln. Dabei scheint er ebenfalls eher streng katholisch zu sein, zeigt aber bisweilen selbstgerechte Anfälle (als er sein eigenes Attentat stoppt), kann sich aber, und damit ist der Film wohl sehr zeitgemäß und treffend gegen die typische Hollywoodspur inszeniert, niemals aus der Umklammerung von Hofintrigen, Inquisition und sinnlosen und erschöpfenden Kriegsgreueln befreien.
Das, in Kooperation mit der patchworkähnlichen Handlung, gibt es aber außer untypischen Authentizität und Entsagen des typischen rebellischen Heldentums, nichts, woran man als Zuschauer anknüpfen könnte; kaum eine Figur, die nicht gebrochen ist oder jemals zur Entfaltung kommt, kaum einmal Sympathie oder noch besser Empathie. Man schätzt sicher die Absicht, es so zu schildern, wie es wohl damals war oder gewesen sein könnte, aber das Ergebnis paßt nicht zu einem monumentalen Unterhaltungsfilm, sondern eher zu einer vier- bis sechsteiligen TV-Serie, die auch der Zeitlinie und den Figuren gerechter geworden wäre.
Gerade das Untypische könnte einigen Zuschauern gefallen, für den Rest könnte der Film zu dezentriert und spröde sein, zu unübersichtlich auf jeden Fall. Den Versuch muß man rein optisch honorieren, aber dem Autor samt Figur ist damit längst nicht genüge getan, was wohl auch erklärt, warum der Film seine Herstellungskosten allein in Spanien nicht amortisieren konnte und in den meisten Ländern nur als Kurzeinsatz im Kino zu sehen war, während der überwiegende Teil des Auslands ihn als DVD-Premiere sehen konnte.
Wenn man ihm aber einen praktischen Nutzen unterstellen möchte, dann den, daß er Lust macht, sich näher mit dieser Epoche zu beschäftigen, die so kritisch und komplex war und sich nicht nur auf das Wüten der Kriegsparteien auf deutschem Boden (Wallenstein und andere Hausnummern) beschränkte. Ein weites Feld und historisch wichtig - und genau deswegen hätte man es besser machen müssen. (4/10)