Review

“Gonna fly now”
 
“Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist!“Dieses lapidare Motto ist nicht nur die Quintessenz der Rocky-Filme sondern beschreibt auch treffend Lebenslauf und Karriere ihres Schöpfers und Hauptdarstellers. Sowohl beruflich als auch privat hat Sylvester Stallone seit seinem fulminanten Durchbruch mit dem Boxerdrama Rocky (1976) sämtliche Höhen und Tiefen durchlebt. Vom gefeierten Drehbuchautor und “neuem Brando” (Rocky 1976), über die vom Feuilleton verrissene aber vom Publikum geliebte Actionikone der 1980er Jahre (Rambo 2, Rocky IV , beide 1985, Cobra 1986) bis zum Kassengift (Judge Dredd 1995, Get Carter 2000) und letztendlichem Absturz in die “Direkt-to-video/DVD-Ecke” abgehalfterter Exstars (D-Tox 2001, Avenging Angelo 2002). Vom sympathischen Nobody (späte 70er und frühe 80er Jahre), über den arroganten und narzistischen Neureichen (Mitte der 80er bis Mitte der 90er Jahre) bis zur belächelten Karikatur seiner selbst (ab den späten 90er Jahren). Kurz: Sylvester Stallone steht für alle Facetten des American Dream, auch die hässlichen.
Als Stallone den sechsten Rocky-Film ankündigte, war das Urteil einhellig: Hier würde man Zeuge einer überaus peinlichen (Stallone-Kritiker und Hasser), zutiefst traurigen (Fans) und vor allem völlig überflüssigen (alle) Demontage einer Kinolegende werden. Sie sollten sich alle täuschen.
Die Situation erinnert stark an 1976. Der völlig unbekannte und in ärmlichen Verhältnissen hausende Stallone schrieb sich mit dem Drehbuch zu “Rocky” seinen Frust von der Seele und träumte vom großen Durchbruch. Nach zähen Verhandlungen gelang es ihm nicht nur ein Studio zu gewinnen, sondern auch noch sich selbst als Hauptdarsteller durchzusetzen. Keiner traute dem Werk auch nur einen Achtungserfolg zu und dementsprechend niedrig war das Budget. Der Rest ist - wie man so schön sagt - (Film-)Geschichte. Der Film gewann drei Oscars (darunter auch den “Königsoscar” für den besten Film des Jahres) und machte Stallone zum Star.
2006 - genau 30 Jahre später - gibt es wieder diese Symbiose zwischen Darsteller und Filmfigur, zwischen Schöpfer und Kreatur. Stallone ist Rocky und Rocky ist Stallone. Das Drehbuch liest sich wie eine Blaupause der Stallonschen Karrieresituation (der private Stallone ist finanziell und familiär seit Jahren gefestigt und zufrieden). Ein ehemaliger Superstar, längst von Freund und Feind abgeschrieben und verlassen, will es noch einmal wissen, will es in erster Linie sich selbst noch einmal beweisen um dann in Würde und mit Stolz abzutreten.

Schon die ersten euphorischen Reviews waren eine faustdicke Überraschung. Als dann auch die seriösen, keineswegs Stallonefreundlichen Blätter nachzogen (die Süddeutsche Zeitung beispielsweise widmete Film und Hauptdarsteller gar eine Wochenendbeilage) und Rocky Balboa als reifes, einfühlsames Alterswerk feierten, war zumindest der Sieg nach Punkten eingefahren. Indem die Zuschauer an der Kinokasse (über 70 Millionen $ in den USA) diese Urteile bestätigten, war die Sensation schließlich perfekt: Sylvester Stallone gelang ein von Kritik und Publikum gleichermaßen bejubeltes Comeback. Und das völlig zu Recht!
Aber der Reihe nach. Der Film ist zugleich Milieustudie und Psychogramm der Hauptfigur. Stallone zeigt die schmutzigen Hinterhöfe Philadelphias und deren Mikrokosmos: Gescheitere Existenzen, perspektivlose Jugendliche, einsame, von der Gesellschaft aussortierte und abgeschobene Individuen. Ihr trübsinniger Alltag ist geprägt von Arbeitslosigkeit, Langeweile, mangelndem Selbstwertgefühl und rückwärts gerichteter Nostalgie. In der Figur des Rocky verdichtet sich die beschriebene Szenerie. Treffend bemerkt er in der Mitte des Films: “Wenn du lange genug an einem Ort lebst, wirst du zu diesem Ort.” Der Regisseur und Autor Stallone erreicht hier in punkto Emotionalität und Gesellschaftskritik die Qualitäten des ersten Teils und beschreibt schonungslos, aber mit Wärme das “andere”, von vielen vergessene und verdrängte Amerika.

Rocky ist nur noch eine müde Kopie alter Glanztage. Von seinem Reichtum als Boxweltmeister ist nicht viel übrig geblieben. Inzwischen führt er ein kleines italienisches Restaurant in Philadelphias Arbeiterviertel. Abend für Abend geht er von Tisch zu Tisch, erzählt die immer gleichen Boxeranekdoten und posiert für Erinnerungsphotos. Sein Sohn - der unter dem Schatten des berühmten Vaters leidet - hat sich von ihm abgewandt, seine über alles geliebte Frau Adrian ist vor Jahren an Krebs gestorben. Diesen Schicksalsschlag hat Rocky nie verwunden. Tagtäglich besucht er ihr Grab und an ihrem Todestag fährt er mit seinem Schwager Paulie sämtliche Erinnerungsorte ab. Paulie erkennt, dass dies für beide nur noch eine Qual ist. Er selbst hat sich seiner Schwester gegenüber häufig schlecht verhalten und möchte nicht ständig daran erinnert werden und Rocky kann sich nicht von der Vergangenheit lösen und versinkt in Trübsinn und Trauer. Stallone und Burt Young spielen diese intimen Szenen famos und verleihen ihren vertrauten Charakteren (beide sind in allen Rockyfilmen dabei) eine lang vermisste Tiefe. Stallone spielt Rocky als tapsigen, müden Trauerklos, der durch seine Erinnerungen schlurft. Young gibt einen von seiner sarkastischen und nörgelnden Art befreiten Paulie, vom Leben gezeichnet aber auch weiser geworden. In Rocky Balboa ist es häufig Paulie, der in den richtigen Augenblicken die entscheidenden Wahrheiten erkennt und auch ausspricht.
Ein computergenerierter Fernsehkampf zwischen Rocky und dem aktuellen Schwergewichts-weltmeister Mason “The Line” Dixon reißt schließlich beide aus ihrer Lethargie. Nachdem der virtuelle Vergleich Rocky zum Sieger erklärt, sieht das Management Dixons die Chance, das Image des zwar ungeschlagenen aber äußerst unpopulären Champions aufzubessern. Sie bieten Rocky einen Schaukampf in Las Vegas an. Rocky - “Ich spüre, da ist noch etwas Benzin im Tank!” - will es sich noch einmal beweisen und stimmt nach anfänglichem Zögern zu. Auch Paulie - gerade aus seinem langjährigen Job in der Fleischfabrik entlassen - hat eine neue Aufgabe: die Vermarktung und Motivation seines berühmten Schwagers. Und so sehen wir nicht ohne Wehmut zum letzten Mal - untermalt von Bill Contis berühmten Rocky-Score - Training und Ringkampf unseres Helden. Nostalgie pur.
Die Trainingssequenzen sind dann auch gespickt mit zahlreichen Reminiszenzen an die alten Filme. So schlürft er wieder rohe Eier, joggt im abgewetzten Trainingsanzug durch Philadelphia und versammelt Freunde und Familie als Motivationshelfer bei seinen kraftraubenden Einheiten. Spätestens als er kurz vor dem Kampf die Treppen des Kunstmuseums zu dem hymnischen “Gonna fly now” hinaufläuft, wird es dem Fan warm ums Herz. Stallone gelingt das Kunststück, den Film mit zahlreichen solcher “Gänsehautszenen” zu würzen, ohne dabei in sentimentalen Kitsch abzugleiten. Auch den finalen Faustkampf inszeniert Stallone gewohnt dramatisch. Gekonnt umschifft er dabei die Lächerlichkeitsfalle indem er die Figur des Dixon zunächst durch Halbherzigkeit und später durch eine Handverletzung handicapt. Das Ende ist glaubwürdig und stimmig.

Fazit:
Mit Rocky Balboa macht Sylvester Stallone die Scharte des misslungenen Rocky V mehr als wett und verschafft seinem Alter Ego - und damit sich selbst - einen würdigen und kraftvollen Abgang. Nach dem zunächst künstlerischen (mit den selbstverliebten und zum Teil dümmlichen Fortsetzungen Rocky III und Rocky IV) und später auch noch finanziellem (Rocky V) Niedergang der Reihe läuft Stallone - im Gleichschritt mit seiner Filmfigur - noch einmal zu alter Höchstform auf und erreicht die Qualität des oscarprämierten Originals von 1976. Jeder, der den einfältigen aber sympathischen Boxer ins Herz geschlossen hat, wird diesen Film lieben. Mit viel Wärme und zahlreichen anrührenden aber nie kitschigen Szenen erzählt Stallone das letzte Kapitel der berühmten Boxersaga. Die eingestreuten Anspielungen auf die alten Filme, das Wiedersehen mit vielen lieb gewonnen Charakteren und nicht zuletzt die Gänsehaut erzeugende Filmmusik von Bill Conti machen den Film zu einer emotionalen Zeitreise für alle Fans der Franchise. Darüber hinaus gelingt ihm ein gesellschaftskritischer Blick auf die “schmutzige” Seite der heutigen USA sowie ein tiefgründiger Film über das Älter werden mit all seinen Begleiterscheinungen. Ein wuchtiges Alterswerk, das in dieser Form und Qualität nicht mehr zu erwarten war. Dafür allerhöchsten Respekt!

(9/ 10 Punkten)

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