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„Blackmail“ aka „Erpressung“ markiert den Übergang Hitchcocks vom Stumm- zum Tonfilm und es ist sein zweiter bemerkenswerter Suspensefilm überhaupt, der im Thrillerbereich eingeordnet werden kann.
Ursprünglich als kompletter Stummfilm gedreht, war der Regisseur weitsichtig genug, ihn so anzulegen, daß er auch als Tonfilm nachgedreht werden könnte, was dann auch tatsächlich angefordert wurde.

Diese Zwitterhaftigkeit sieht man dem Endprodukt dann auch zu einem gewissen Grad an.
Die erste Sequenz, die den Polizeialltag zweier Beamter zeigt, die einen Verdächtigen aufsuchen, verhaften, verhören, gegenüberstellen, schließlich einsperren, bis sie sich zum Feierabend trennen, ist bis auf einige Straßengeräusche noch komplett als Stummfilm konzipiert und wird auch nicht durch Nachsynchronisation aufgewertet, allein das Make-Up und die Kamerapositionen scheinen nur auf Texttafeln zu warten.

Hitchcock hatte sich diese Sequenz als Teil einer narrativen Klammer gedacht, doch das Skript wirkte dadurch zu deprimierend, was allerdings trotzdem ein besseres Ende gegeben hätte.
Denn ohne Makel ist diese Geschichte nicht geblieben.

In der Folge kann der Zuschauer dann dem Feierabendalltag beiwohnen: der Polizist trifft seine Freundin, die ist verstimmt, sie streiten und trennen sich, dann trifft sie einen anderen Mann, was er bemerkt. Später folgt sie dem Fremden, einem charmanten Maler in sein Atelier und bringt ihn per Messer um, als er versucht, sie zu vergewaltigen, hinterläßt aber dennoch eine Spur, die einen Erpresser auf den Plan ruft, der sowohl sie, als auch den Beamten in die Enge treibt, weil dieser offenbar den Beweis zurückgehalten hat.

Die erste Hälfte zeigt Hitchcock noch in absoluter Bestform, denn die ganze Sequenz mit dem Maler und der Freundin ist absolut meisterhaft. Hitchcock folgt dem Paar per Kamera von außen durch das ganze Treppenhaus und bereitet die tragische Szene dann geschickt vor. Sie beobachtet besorgt einen Polizisten auf der Straße, der ihr Sicherheit zu geben scheint, doch später ist der Ordnungshüter weit weg. Im Atelier amüsiert sie sich über ein Harlekinbild, das lustig zu sein scheint, sie dann aber nach dem Mord praktisch von der Leinwand her auslacht.
Die Zudringlichkeiten steigern sich ebenfalls ganz leichthin, Hitch spielt mit der leisen Erotik Anny Ondras, die sich hinter einer spanischen Wand auszieht und in ein Ballett-Tütü wirft, während durch das Klavierspiel samt Gesang seinerseits der Tonfilm dem Ganzen ein neues Gewicht gibt. Schließlich malt der Meister seinem Darsteller mittels eines Eisengitters in der Wohnung noch einen schattenhaften schwarzen Schnurrbart des klassischen Schurken aufs Gesicht, eine inszenatorische Glanzleistung.

Der Mord selbst geschieht im Off, hinter einem Vorhang, doch Ondras traumatisierte Reaktion ist wieder Meisterschaft pur, wie sie schließlich abwesend durch die Straßen voller geisterhafter Passanten stolpert bis zum herandämmernden Morgen.

Danach kriegt der Film leider einen gewissen Knacks. John Longden als Polizist Webber ist leider noch viel zu sehr eine stark verschminkte Kunstfigur des Stummfilms, um dem gerade visualisierten Naturalismus Paroli bieten zu können und wirkt auch nicht sonderlich sympathisch. Im Umkehrschluß ist der Erpresser, wiewohl durchaus ein Bösling oder zumindest Berufskrimineller, doch alles in allem eher eine sich aufspielende, bejammernswerte Gestalt, die einem sofort leid tut, sobald sie in die Ecke gedrängt wird und deren Flucht beim Eintreffen anderer Beamter mehr der Dramaturgie als der Logik geschuldet ist.

Das bietet Hitchcock jedoch die Gelegenheit zu einem seiner meisterhaften, denkwürdigen Schlüsse, denn der Showdown findet im British Museum statt, einem Monument an Architektur, durch das Erpresser wie Verfolger wie Ameisen durch einen Riesen laufen, geschickt per Trickaufnahme eingefangen (Hitchcock verwendete auschließlich Fotos und arbeitete die Darsteller über das Schüfftan-Verfahren in die Szenerie ein). Und das Finale auf der Kuppel nimmt bereits das Finale von „Saboteur“ knapp 15 Jahre später vorweg.

Alles in allem mag der Film erzählerisch nicht sonderlich ausgegoren zu sein, visuell jedoch beweist Hitchcock hier nach „The Lodger“ wieder einmal Meisterschaft, bringt so viele denkwürdige kleine Ideen und optische Spielereien in den Plot, daß man ihn nicht so schnell wieder vergißt. Allein deswegen unbedingt empfehlenswert. (7,5/10)

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