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„Böse Jungs mit gutem Gespür"

Gut 20 Jahre ist es her, dass einer der zugleich erfolgreichsten und meist gehassten Filmemacher gleich mit seinem Debüt voll durchstartete. Sein Name: Michael Bay. Der Film: "Bad Boys". Alles, was Bay heute ausmacht - und zwar sowohl aus Fan- wie auch aus Kritikersicht - war hier bereits in voller Pracht zu bewundern. Eine unverkennbar von seiner Werbebefilmer- und Musikvideoclip-Vergangenheit geprägte Bildsprache, die mit extremen Farbfiltern, stilisierten Posen und rasenden Kamerafahrten protzte. Vergleichsweise eindimensionale Figuren, die sich beinahe ausschließlich durch ihre zupackenden Taten definieren und an deren Gefühls- bzw. Gedankenwelt wenig Interesse gezeigt wird. Dazu kommt eine Handlung, die sich zuvorderst aus der spektakulär und krachend dargebotenen Action speist, also in erster Linie visuell erzählt wird. All dies wird schlussendlich von einem omnipräsenten, wummernden, dröhnenden Score zusammen gehalten, dessen treibender Rhythmus Charaktere wie Narration gleichermaßen repräsentiert und akustisch definiert.

Überraschend war und ist dieses Konzept, wenn überhaupt, höchstens auf den ersten Blick. Denn Bays Entdecker bzw. Auftraggeber waren keine Geringeren als Don Simpson und Jerry Bruckheimer. Das Produzentenduo hatte bereits Mitte der 80er Jahre genau nach dieser Rezeptur Blockbuster am Fließband produziert und ganz nebenbei den Superstarruhm u.a. von Tom Cruise („Top Gun") und Eddie Murphy („Beverly Hills Cop") begründet. Schon damals hieß der laute Vorwurf, man habe es hier lediglich mit überlangen Videoclips im auf Oberflächenreize reduzierten MTV-Stil zu tun, die jegliche inhaltliche und emotionale Substanz schmerzlich vermissen ließen.

Das vornehmlich jugendliche Publikum störte sich an solcher Unkerei selbstredend wenig, zumal man hier lieb gewonnene Sehgewohnheiten und relevante Ausprägungen der eigenen Jugendkultur auf der großen Leinwand nach Herzenslust ausleben konnte. Das funktionierte Mitte der 90er Jahre genauso prächtig wie eine Dekade früher, schließlich hatte man mit dem seinerzeit 30-jährigen Bay einen exponierten und versierten Vertreter der neuen Clipkultur an der Hand.
„Bad Boys" ist damit auch ein Paradebeispiel für popkulturelle Präferenzen und Gewohnheiten der Generation „90s". Er ist aber darüber hinaus - und das rechtfertigt seinen nach wie vor hohen Bekanntheits- wie Beliebtheitsgrad - schlicht eine nach wie vor frisch und schwungvoll wirkende Action-Sause mit hohem Unterhaltungswert.

Die Simplizität der Handlung ist ohnehin und gerade im Genre des Cop-Thrillers nicht zwingend ein Nachteil. Auch unbestrittene Klassiker des Polizeifilms wie „Bullit", „Dirty Harry" oder „French Connection" warten bei genauerem Hinsehen keineswegs mit einer sonderlich komplexen Geschichte auf und ziehen den Großteil ihrer Wirkung aus der Kombination von charismatischen Helden und knalligen Actionmomenten.
Die Attraktion in „Bad Buys" ist dann auch nicht die Frage, ob es dem Drogenfahnder-Duo Mike Lowrey (Will Smith) und Marcus Burnett (Martin Lawrence) gelingt einer brutalen Diebesbande -angeführt von dem öligen Fiesling Fouchet (der Franzose Tschéky Karyo in etwas gelangweilter Autopilot-Performance) - das Handwerk zu legen, die aus der Asservatenkammer des Miami PD Drogen im Wert von 100 Millionen Dollar gestohlen hat. Die Attraktion liegt in dem „wie" und da machen Bay und seine beiden Titelhelden sehr vieles richtig.

Gerade der Einfall, die beiden Comedy-Größen Smith und Lawrence als toughe Drogenbullen zu besetzten, erweist sich als entscheidender Volltreffer. Als zänkisches Polizistenpaar können sie ihre komische Ader voll ausleben, zumal das Skript ihnen zwei völlig gegensätzliche Charaktere beschert (verbaler Improvisationsfreibrief inbegriffen). Smith mimt den draufgängerischen Playboy, Penthouse-Bewohner und Autonarren Mike, während Lawrence mitsamt Ehefrau und Kindern ein spießbürgerliches Familienleben im gemütlichen Eigenheim bevorzugt. Also zieht Mike seinen gestressten Partner mit Vorliebe deswegen auf und zelebriert dabei bewusst und genüsslich sein Machoimage. Ein Großteil des komödiantischen Potentials entsteht dann aber erst und vor allem aus der Notwendigkeit vor einer wichtigen Zeugin (Téa Leoni als etwas dösiger Love Interest) die Rollen zu vertauschen. Und wieder ist der arme Marcus der Gelackmeierte, da Mike die neue Rolle als Familienvater zu genießen scheint, während er selbst verzweifelt versucht den coolen Womanizer zu mimen. Das perfekte komödiantische Timing der beiden, aber auch die derb-frotzelnden Sprüche erheben das bewährte Buddy-Komödienelement zur Hauptstärke des Films und sorgen gleichzeitig für Kurzweil und Abwechslung zwischen den ebenfalls auf den Punkt inszenierten Actionszenen, so dass man kaum merkt, dass der Film im Prinzip nichts weiter mehr zu bieten hat.

Der böse „Style-ober-Substance"-Vorwurf stimmt damit aber trotzdem nur bedingt, denn sowohl Humor als auch Action sind eigenständige Eckpfeiler der gut geölten Unterhaltungsmaschinerie und werden jeder auf seine Weise gekonnt dargeboten. So lässt Bay die diversen Schießereien, Verfolgungsjagden und Explosionen nicht einfach nur schick aussehen, sondern verpasst ihnen auch einen druckvollen Anstrich, der über bloße 08/15-Genrestandards hinaus geht und klar eine eigene Handschrift erkennen lässt. Obwohl alles und jeder ständig in Bewegung scheint, verliert man als Betrachter nie den Überblick und bleibt damit stets Teil des Geschehens. Zudem versteht es Bay nicht nur im Gesamtkontext des Films, sondern auch innerhalb der einzelnen Szenen ein steigerndes Element einzubauen, das immer wieder für Spannung sorgt. Das ist umso wichtiger, da die eigentliche Filmhandlung kaum Thrillerstimmung kreiert und so formel- wie schablonenhaft abläuft.

Insgesamt wiederum taugt „Bad Boys" aber nur eingeschränkt als Blaupause für spätere Bay-Werke, denen häufig die Ausgewogenheit zwischen den verschiedenen Stilmitteln seiner Filmsprache fehlt, so dass das großspurige und chauvinistische Moment deutlicher erkennbar wird und der Primat des Visuellen leichter als störend empfunden werden kann. In „Bad Boys" wird all dies durch die sympathische, lockere Flapsigkeit der beiden „Bösen Buben" abgefedert, zumal Bay es hier noch gelingt, seinen Hang zur hyperbolischen Actioninszenierung zu zügeln.

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