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Wir sehen eine Totale auf die Waldkante eines Palmen bestandenen Urwaldareals. Innerhalb von Sekundenbruchteilen fängt der Wald Feuer und verglüht rauchverhüllt im Napalm. Musikalisch kommentiert wird dieses apokalyptische Szenario von den Doors und ihrem "The End". Ein passenderer Einstieg für die folgenden 200 Minuten Film der Redux Version von Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" hätte sich wohl kaum finden lassen, denn diese ersten Einstellungen sind ein Vorgeschmack auf die Hölle, die da filmisch heraufzieht.

Im Jahre 1950 nannte Paul Nitzsche in seinen von ihm maßgeblich verfassten berühmten Dokumenten NSC-64 und NSC-68 ("National Security Council Documents") den Kommunismus, insbesondere den der Sowjetunion, eine Staatsform, die sich ausbreite, solange ihr kein Widerstand entgegengebracht würde. Sie wolle die "absolute Herrschaft über die Welt" und die "Zerstörung der Kultur insgesamt", nicht nur der Republiken und Demokratien dieser Erde. Von vielen zuvor nur belächelt, schienen Nietzsches Analysen zum international agierenden Kommunismus traurige Realität zu werden: Im Juni 1950 griffen die von Stalin und Mao-Tse-Tung unterstützten kommunistischen Truppen Nordkoreas den eigenständigen, nichtkommunistischen Süden des Landes völkerrechtswidrig an. Die UNO reagierte, und die USA fanden sich in einem drei Jahre währenden blutigen Krieg ein zweites Mal innerhalb kurzer Zeit in der Rolle des - weltweit agierenden - Befreiers von Terror und Unterdrückung wieder. Diese Erfahrungen waren maßgeblich für die Beurteilung des zeitgleich eskalierenden Bürgerkriegs im kolonialfranzösischen Vietnam. Während die Franzosen nach und nach unter anderem von den vietnamesischen Kommunisten aus dem Land gejagt wurden, engagierten sich die Amerikaner mehr und mehr auch in Südostasien und übernahmen schließlich dort die militärische Rolle der Franzosen, die sich nach dem Desaster von Dien Bien Phu, 1954, ihre Niederlage endgültig eingestehen mussten. Nur sollte dieser Krieg kein Krieg wie in Korea werden, denn die Bevölkerung hieß - im Gegensatz zum koreanischen Kriegsschauplatz - die Amerikaner nicht uneingeschränkt willkommen. Bald sollte der Widerstand gegen die westliche Supermacht erstarken und die USA in einen jahrelangen, die westliche Welt und ihre Mentalität von Grund auf erschütternden Krieg ziehen, der noch heute ein Politikum darstellt.

Das Trauma, das Amerika durch den verlorenen Vietnamkrieg erlitt, wurde in einer Vielzahl hoch- und niederqualitativer US-amerikanischer Kriegsfilme versucht zu verdauen. Zwei der nennenswertesten und anspruchsvollsten filmischen Arbeiten zum Thema "Vietnam" sind Oliver Stones "Platoon" (1986) und Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" (1979). Während Stone in den 80ern ein möglichst realistisches Bild der militärischen Misere nachzeichnete, verlieh Coppola dem amerikanischen Alptraum Vietnam auf eine andere Weise Gestalt. Er tunkte die Erfahrungen, Erinnerungen, Geschehnisse und Tatsachen in einen Farbtopf an Skurrilitäten. Was zunächst in Saigon im Hotelzimmer Captain Benjamin Willards (Martin Sheen) als routinierter Problemfilm beginnt, entwickelt sich nach dem ersten - zunächst nur akustischen - Kontakt mit Colonel Walter Kurtz (Marlon Brando), bei der Befehlsausgabe in der südvietnamesischen Hauptstadt, zunehmend zu einem Kaleidoskop des Wahnsinns. Willards Auftrag, per Patrouillenboot dem hoch dekorierten, einst gefeierten Colonel in sein kambodschanisches Dschungelrefugium zu folgen und den quer schießenden, eine Hundertschaft von Eingeborenen um sich scharenden, offenbar durchgedrehten Oberst zu eliminieren, erweist sich nicht nur als Gang in die Hölle, sondern in der Folge als erzwungene Dechiffrierung der tatsächlichen militärischen Lage. Der Einsatz wird mit jeder dahin rinnenden Minute Film eine Offenlegung der hier im Jahre 1969 längst nicht mehr heilbaren, chronisch gewordenen Malaise des US-Engagements in Vietnam. So stellt der Liquidierungsbefehl zunächst zwar einen nüchternen, militärischen Geheimauftrag dar, doch entpuppt sich dieser bald als Reise in das eigentliche Wesen des Konflikts. Während die Besatzung des kleinen Bootes Coppola dazu dient, mit ihren Marotten und ihrem unkommissen Wesen die Kriegsmüdigkeit und Unpässlichkeit der Truppe jener Tage zu schildern, dringt ihr Auftraggeber, Captain Willard, immer tiefer in das bei genauerer Betrachtung gar nicht so wirre Universum Kurtz' vor. Denn der Apostat Kurtz fungiert im Film in der Folge als Sprachrohr der Kritik an der militärischen Führung der USA, die sich zwar nicht geplant oder gewollt, aber fahrlässig und kurzsichtig in einen Konflikt einmischte, den sie letztendlich nicht verstand. Der hoch gebildete und geistig äußerst flexible Oberst hat das eigentliche Wesen der Auseinandersetzung in Südostasien hingegen geistig klar durchdrungen - und wurde schließlich, nach Jahren, ob der Unlösbarkeit der Probleme und der Unauswegbarkeit der Situation wahnsinnig. Sein Dschungelversteck dient ihm als Flucht vor der Realität. In sein altes Leben kann und will der am Wahnwitz des Konflikts psychisch gescheiterte Kurtz nicht mehr zurück. Und doch ist er es, der Mann, der tief im kambodschanischen Dschungel pseudoreligiöse Blutbäder anrichtet und sich als Gott anbeten lässt, der die klarsten Gedanken aller im Film Agierenden zu fassen und zu formulieren imstande ist. Allein seine nüchterne Analyse des Wirrwars der Interessen, Verantwortlichkeiten und Befehlsketten nebst seinem Sezieren der von Karrierestreben geschwängerten Inkompetenz der Generalität und des unverantwortlichen Zauderns der Politik Johnsons weist ihn als seinen Jägern überlegen aus. Wenn er etwa den Überfluss der den US-Soldaten zur Verfügung gestellten Annehmlichkeiten (allein 1967 investierten die USA 21 Milliarden Dollar in Luxusgüter für die Truppe) mit denen des sich sozusagen vom kargen Boden ernährenden kommunistischen Gegners vergleicht, erkennt er messerscharf, dass dieser zähe, zu allem entschlossene Feind von den verweichlichten US-GIs trotz deren enormer materieller Unterstützung kaum je besiegt werden kann. (Schon der Römer Scipio Aemilianus warf um 135 v. Chr. - im Krieg gegen die sich hartnäckig wehrenden spanischen Stämme - die der Truppe nachfolgenden Marketender und Prostituierten aus den Lagern der Legionäre. Mit Erfolg!) Coppola spricht mittels seines Sprachrohrs Oberst Kurtz militärhistorisch versiert Mißstände an und reflektiert hier sogar Lösungsansätze. Ein außergewöhnliches Unterfangen eines außergewöhnlichen Regisseurs!

Francis Ford Coppola kreierte 1979 mit "Apocalypse Now" einen Film, der in vielerlei Hinsicht Maßstäbe setzte und der hinsichtlich seiner Vielschichtigkeit und seines Facettenreichtums ohne zu zögern als brillant bezeichnet werden darf. Welcher an (Anti-)Kriegsfilmen interessierte Cineast kennt nicht den inzwischen legendären, musikalisch von Wagners Walkürenritt getragenen Angriff der 1. Luftkavallerie unter dem Befehl des völlig skurrilen Oberstleutnants Kilgore (Robert Duvall) auf ein vom Vietcong gehaltenes Dorf? Der etwa zehnminütige Helikopterangriff entfesselt zu den Klängen Wagners eine Bildgewalt, die Filmgeschichte schrieb. Interessant ist hierbei, dass bereits schon die deutsche Wochenschau den im Mai 1941 in den Lichtspielhäusern präsentierten Bericht über die Eroberung der Insel Kreta durch ein militärisch beispielloses, aber äußerst verlustreiches, deutsches Fallschirmjägerunternehmen mit den fesselnden Klängen Wagners untermalte. Der sich mit zunehmender Laufzeit des Films quasi als omnipotenter Filmemacher ausweisende Coppola kannte diesen Beitrag der NS-Propaganda mit Sicherheit und bediente sich der in ihrer Wirkung auf den Zuschauer elektrisierenden Kombination von Bild und Ton. Die beim Angriff aus das Dorf von Coppola entfaltete filmische Ästhetik mutet in ihrer konstruierten Erhabenheit den Durchschnittszuschauer beinahe befremdlich an. So ging der passionierte Militärkritiker Sam Mendes lieber auf Nummer Sicher und versuchte, sich in seinem Antikriegsbeitrag "Jarhead" (2005) über, von der Ästhetik der Coppolaschen Bilder mitgerissene Filmfans lustig zu machen, indem er Jake Gyllenhaal und seine Kameraden, im Kino Party feiernd, den Angriff der Helikopter anfeuernd, bemüht stupide jubeln ließ. Man kann nur vermuten, dass Mendes die Bildsprache Coppolas an jenem Punkt gewaltig zuwider ist und er hier plakativ einen Kommentar setzen wollte. Wie dem auch sei, der surfbegierige Kilgore und seine Flieger sind bei Weitem nicht der einzige Höhepunkt eines sich wie ein Chamäleon der jeweils kommentierten Problematik anpassenden Films, der im Laufe der Stunden ein völlig neues, nicht minder intellektuelles Flair entfaltet.

Coppola nutzte sein Werk aber bemerkenswerterweise nicht als Vehikel für einseitige Schuldzuweisungen oder voreingenommene Kritik. Die Mentalität der 68er in ihrem esoterischen Schwelgen wird ebenso kritisch beäugt wie der US-Militäreinsatz in einem fremden Land. So dienen die Playboy-Bunnies, die für die Truppe zur Unterhaltung nach Indochina geschickt werden, Coppola dazu, die wirren Fantastereien und Tagträume vieler damaliger Zeitgenossen zu illustrieren. Die Mädels sprechen zwar emanzipatorische Prinzipien an, erweisen sich aber als völlig unfähig, diese für sich selbst zu nutzen. So schlafen sie, wie Prostituierte, mit den Soldaten vom Boot, die sie einige Tage zuvor in einer für die Männer an der Front aufgezogenen Show mitten im Busch bereits aus der Ferne kennenlernen durften. Wenn "Miss Mai" dem sich um ihre Brüste bemühenden GI mit völlig geistlosem Gesichtsausdruck von ihrem Talent als Schauspielerin erzählt, dann erhält die die damalige Zeit durchaus mitprägende Naivität im Film ein (schönes) Gesicht. Doch wird im Gegenzug der Film seinem Wesen als "Anti"-Kriegsfilm durchaus gerecht. Als sich der Bootsführer über Willards Empfehlung hinwegsetzt, ein entgegenkommendes Boot Einheimischer passieren zu lassen, kommt es zur Katastrophe. Die von Tag zu Tag gereiztere Stimmung auf dem kleinen Patrouillenboot entlädt sich bei der Begegnung auf dem Wasser. Die plötzliche Bewegung einer der vietnamesischen Frauen auf dem zu kontrollierenden Boot löst mehrere Schüsse auf dessen Besatzung aus, was zum Tod aller Einheimischen führt. Als dann noch Captain Willard einer tödlich verletzten, doch noch lebenden Frau den Rest gibt, wird dem Zuschauer deutlich: Hier herrscht Krieg, mit all seiner Grausamkeit und in all seiner Konsequenz. Dass Coppola mit diesem geschilderten Vorfall auch das sich fatal auswirkende militärische Laientum eines Großteils der in Vietnam dienenden US-Soldaten karikiert, ist zwar interessant, bleibt in dieser dramatischen Szene aber Beiwerk. Um das Grauen dieses Konflikts dem Zuschauer noch deutlicher werden zu lassen, lässt Coppola wieder einmal Colonel Kurtz zu Wort kommen, der von der Bestialität des kommunistischen Gegners berichtet. Im Zuge der Maßnahmen zur Gewinnung der Herzen der Zivilbevölkerung wurden - wie anderorts - von Kurtz' Männern noch während seiner Zeit im aktiven Dienst Hilfsmittel verteilt und Impfungen durchgeführt. Die Reaktion der Vietcong war daraufhin, den von den Amerikanern versorgten Frauen und Kindern die geimpften Arme abzuhacken. Auf diese Weise würde sich niemand mehr von den westlichen Invasoren helfen lassen. Francis Ford Coppola unterlässt es nicht, sowohl die jeder Menschlichkeit spottende Kriegsführung des vietnamesichen Gegners, als auch die fatalen Patzer und Irrungen des US-Militärs in all seiner Inkompetenz zu schildern. Insofern trägt sein Werk sein eher pazifistisches Etikett trotz des epischen Luftangriffs zu Beginn des Films zu Recht.

Wenn schließlich Willard sein Ziel erreicht und in der kambodschanischen Hölle seinen Auftrag auszuführen gedenkt, kulminiert der Film in galoppierendem Wahnsinn. Der von Leichen übersähte Wald wird mit seinen, ihrem Guru Kurtz bis zum Tode huldigenden Bewohnern, einem LSD-Trip gleich, auch für Willard zu einem Ort der Erkenntnis. Dieser Krieg ist nicht mehr zu gewinnen. Er ist Irrsinn.

Colonel Kurtz zu dem ihn konfrontierenden Captain: "Sind meine Methoden krankhaft?"
Captain Willard: "Ich vermag keine Methoden zu entdecken!"

Francis Ford Coppolas Meisterwerk glänzt inszenatorisch an allen Ecken und Enden. Ob man sich mit der Makroebene zufrieden gibt, die einen hervorragend unterhaltenden, die Misere in Vietnam in den Fokus rückenden Film präsentiert, oder ob man an der Mikroebene interessiert ist, die ein Regisseur wie Coppola spielend mit allerlei Historischem und Analytischem auszufüllen versteht: Es gibt viel zu entdecken. Hier sei beispielsweise die im Film wiederholt portraitierte militärische Inkompetenz der US-Soldaten erwähnt, die bei Coppola bereits groteske Züge annimmt (Willard: "Wo ist hier der befehlshabende Offizier?" Ein unbekannter, mit dem Maschinengewehr in die Nacht feuernder G.I.: "Sind Sie das nicht?") Oder es sei etwa der Name des Colonels, "Walter Kurtz" genannt, der, unschwer zu erkennen, deutschstämmig ist (Auch die Filmfigur "John Rambo" ist zur Hälfte deutscher Abstammung!). Im amerikanischen Film des Jahres 1979 ist "deutsch" noch - vor den Zeiten von "U-571" (2000) oder "Saving Private Ryan" (1998) - eine Allegorie auf Kriegertum und militärische Potenz. Und hier werden die Parallelen zum Schaffen Stones deutlich, der zwar wesentlich bodenständiger zu Werke geht, aber nicht minder akribisch zuvor den für Amerika so desaströs verlaufenen Konflikt studierte. Eine weitere Gemeinsamkeit ist natürlich der Name "Sheen", denn der Senior der Familie war es, der flussaufwärts nach Kambodscha aufbrach und der Junior war es, der freiwillig als blutjunger Rekrut unter der Regie Stones in Vietnam eintraf. Alles zusammengenommen ist Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" schlicht ein Stück Filmgeschichte, und zwar eines der besten.

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