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1994 „The Specialist" oder „Im Ring mit Catherine Tramell" (Sly Nr. 22)

Rocky Balboa und Catherine Tramell im horizontalen Zweikampf. Für die Produzenten muss das nach einer güldenen Geldruckmaschine geklungen haben und tatsächlich hatte das Aufeinandertreffen von Action-Ikone Sylvester Stallone und Sex-Ikone Sharon Stone nicht nur erhebliches Gossip-Potential, sondern durchaus auch den ganz besonderen Reiz einer ebenso gewagten wie spannenden Konstellation. „The Specialist" legte nicht umsonst ein spektakuläres erstes Box-Office-Wochenende hin, bevor sich dann auf Seiten des Publikums Ernüchterung breit machte. Wieder einmal war eine auf dem Papier so fabelhaft aussehende Rechnung Sly Stallones nicht so recht aufgegangen, ein unguter Trend, der sich langsam aber sicher dauerhaft zu etablieren schien.

Der Dekadenwechsel war nicht gerade optimal verlaufen für den angezählten Superstar. Seit dem Doppelschlag mit „Rambo 2" und „Rocky IV" hatte Stallone keinen vergleichbaren Box Office-Hit mehr gelandet, die  Zeit der muskelbepackten Ein-Mann-Armeen schien langsam aber sicher abgelaufen. Kollege und Dauer-Rivale Schwarzenegger hatte die Zeichen der Zeit bereits erkannt und sich mit familientauglichen Komödien und aufwändigen Science-Fiction-Spektakeln völlig neu aufgestellt. Das schien einfacher kopiert, als erfolgreich adaptiert. Die bereits Ende der 80er versuchte Image-Korrektur ging mit den beiden Komödienflops „Stop, oder meine Mami schießt" (1992) und „Oscar", (1990) gehörig daneben. Auch der humorvolle Science-Fiction-Kracher „Demolition Man" (1993) war unter den hohen Erwartungen geblieben. Da nicht einmal die alten Erfolgsgaranten Balboa und Rambo das Ruder noch hatten herumreißen können, standen die Zeichen endgültig auf Sturm. Da kam das Angebot eines erotischen Action-Thrillers mit Sharon Stone gerade recht.

Stone war mit „Basic Instinct" zum Sexsymbol und Superstar aufgestiegen. Allein ihr Name zog Millionen ins Kino und brachte auch laue Aufgüsse wie „Sliver" mühelos in die Gewinnzone. Sie stand außerdem für das in den 1990ern so beliebte Hochglanz-Thriller-Kino, das gerne und häufig über illustre Star-Duos vermarket wurde. Da musste der eigentliche Plot gar nicht mehr so aufregend sein, die Regie nicht sonderlich einfallsreich, so lange man die entsprechenden Zugpferde in der Koppel hatte.(1) „The Specialist" war exakt ein solch offenkundig kalkuliertes Genre-Vehikel, bei dem schon allein das Hauptdarsteller-Duo die ordentlichen Budgetkosten wieder reinholte. Die garantierten zudem schicke Locations (in diesem Fall Miami), die selbstredend kompetent ins Bild gesetzt wurden (hier Tony Scott-Spezie und Action-Profi Jeffrey L. Kimball). Wer braucht da noch ein intelligentes und gewitztes Skript?   
 
Und tatsächlich ist die Geschichte um einen Ex-CIA-Agenten, der sich zur Rentenaufbesserung als frei schaffender Sprengstoffexperte verdingt, nur mäßig originell. Zu austauschbar die Grundkonstellation, zu konstruiert die Wendungen und zu vorhersehbar das Finale. Alles ist der Prämisse untergeordnet, die zwei Stars Stallone und Stone auf möglichst knisternde Weise in die Laken zu bringen. Darunter leiden schließlich Logik und Thrill, die beide immer wieder aus dem Fokus geraten. Der überraschende Twist im Schlussdrittel funktioniert daher auch nur bedingt und wirkt im Gesamtkontext zu beliebig.

Das ist schade, denn Stallone liefert sich ein launiges Fernduell mit Co-Star James Woods, der als sein ehemaliger CIA-Partner zu großer Form aufläuft. Ray Quick (Stallone) hatte einst für die unehrenhafte Entlassung Ned Trents (Woods) gesorgt, da dieser bei ihren Sprengstofffallen auch vor Kindern nicht halt machte. In Miami treffen die beiden Jahre später wieder aufeinander, als Quick im Auftrag der geheimnisvollen May Munro (Stone) einen Mafiaclan dezimiert, der für den Tod ihrer Eltern verantwortlich war. Trent arbeitet als Sicherheitsberater für eben diese Leon-Familie und erkennt schnell die Handschrift seines früheren Junior-Partners.
In dem explosiven Katz-und-Maus-Spiel der beiden Sprengstoffasse hat „The Specialist" seine besten Momente, insbesondere Neds Reaktionen auf Rays Erfolge sind teilweise köstlich. Insgeheim freut er sich nämlich diebisch über die gezielten Volltreffer, denn erstens ist Ray bei ihm in die Schule gegangen und zweitens hat Trent nur Verachtung für die Mafiosi übrig, ganz besonders für den selbstverliebten Juniorboss Thomas (Eric Roberts). Vor Familienoberhaupt Joe (Rod Steiger) mimt er zwar den Schockierten und Entrüsteten, aber nur um in dessen Rücken dann feixend zu grinsen. James Woods spielt Trent geradezu lustvoll als exaltiert-arrogantes Arschloch, das alles und jeden von oben herab behandelt. Unbestreitbarer Höhepunkt dieser Darbietung ist die Szene, in der Trent das örtliche Bombenkommando der Polizei - Joe hatte ihn dort eingeschleust um Ray schneller zu fassen zu kriegen - regelrecht vorführt, als dieses meint den lästigen Aufpasser nicht ernst nehmen zu müssen.    

Sly Stallone hat als „guter Attentäter" den weitaus braveren Part erwischt und kann Woods Glanzpunkten nur wenig entgegen setzen. Dennoch hält er den etwas unsteten Film mit seiner Präsenz mal wieder mühelos zusammen und bildet absolut überzeugend den schroffen Fels, an dem sich Woods die messerscharfen Zähne ausbeißt. Die ebenfalls intensive Beziehung zwischen Auftraggeberin und Klient ist dagegen weit weniger gelungen umgesetzt. Wohl in Anlehnung an ihre so erfolgreiche „Basic Instinct"-Rolle muss Stone erneut die ruchlose Femme Fatale geben, was weder so recht zur Figur der traumatisierten Rächerin passen will, noch deren gesteigertes Interesse am stoischen Sprengstoffprofi Ray Quick sonderlich glaubwürdig erscheinen lässt. Dieses Missverständnis gipfelt schließlich in den wohl zur Chefsache des Films erhobenen Sexszenen der beiden Stars, die im Fremdschämkosmos zwischen Softporno-Ästhetik und griechisch-römischer Sauna-Atmosphäre herum mäandern. Von knisternder Erotik, oder gar wilder Leidenschaft ist hier weit und breit nichts zu spüren.

Ganz offenbar wollte man beide Fangruppen mit jeweils typischen Rollen ihrer Helden zufrieden stellen, was aber dann zu Lasten des gemeinsamen Films geht. Der ganzen Stänkerei zum Trotz ist „The Specialist" als Gesamtpaket aber dann doch noch eine recht unterhaltsame Angelegenheit geworden. In erster Linie ist das dem versammelten Cast zu verdanken. Stallone und Stone bestechen durch ihre Leinwandpräsenz, Woods spielt sich in ihrem Windschatten die Seele aus dem Leib und Rod Steiger sowie Eric Roberts geben ein köstliches mafiöses Vater-Sohn-Gespann. Tomas Leon ist wie Trent ein durch und durch arroganter und überaus brutaler Killer, muss aber vor dem verhassten Trent regel,mäßig kuschen, da sein Vater Joe den Ton angibt und ihn teilweise wie einen Schuljungen abkanzelt. Diesen Minderwertigkeitskomplex kompensiert er in der Regel mit einem großspurigen Womanizer-Auftreten, bis er schließlich auf die dafür gänzlich unempfängliche May Munro trifft. Joe wiederum sonnt sich in der Unangreifbarkeit des langjährigen Mafiapaten der Stadt, der bis zum Schluss davon überzeugt ist, alles mit Gewalt und Geld lösen zu können.  

Auch audiovisuell macht der Film vieles richtig. Der von Stallone vorgeschlagene Peruaner Louis Llosa hatte es zwar mit seiner ersten Hollywood-Großproduktion zu tun, hatte sich aber in zahllosen TV-Produktionen seines Heimatlandes bewährt gehabt und fing die Atmosphäre der stark lateinamerikanisch geprägten Metropole Miami sehr stimmungsvoll ein. Die treffende Songauswahl - angeführt von der Miami Sound Machine - sowie der gewohnt gefühlvolle Score von Bond-Hauskomponist John Barry fügen sich dabei perfekt ein. Zwar fällt der reine Actionanteil vergleichsweise gering aus, aber Genre-Profi Kimball gibt sich bei seinen wenigen Gelegenheiten keine Blöße und punktet vor allem mit den groß angelegten Explosionsszenen.  

Der Dank war das bereits erwähnte, sehr starke erste Box-Office-Wochenende in den USA und ein internationales Einspiel von $120 Millionen. Das beutete immerhin Rang 2 hinter Stallones bisher einzigem wirklichen Hit seit 1985 („Cliffhanger", 1993), aber von dem erhofften Box-Offixe-Smash war man zum wiederholten Mal einigermaßen weit entfernt. Die bereits eingeleitete Neuorientierung geriet schon wieder ins Stocken. Eine Rückbesinnung auf alte Stärken und ein verstohlener und bestimmt etwas neidischer Blick auf Schwarzeneggers jüngste SciFi-Erfolge („Total Recall", „Terminator 2") tauchten die grimmige Comic-Verfilmung „Judge Dredd" in gleißendes Hoffnungslicht. Das Experiment Action-Thriller war jedenfalls erstmal ad acta gelegt.

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(1) „Bodyguard" (mit Kevin Costner und Whitney Houston), „Die Wiege der Sonne" (Sean Connery / Wesley Snipes), „Vertrauter Feind" (Harrison Ford / Brad Pitt) oder „Der Schakal" (Bruce Willis / Richard Gere) waren allesamt stromlinienförmige, nicht sonderlich originelle Genrefilme, die dank ihrer zugkräftigen Starduos große Erfolge einfuhren.
 

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