Review

Staffel 1

Eine Verfolgungsjagd in einem Abbruchhaus: ein Mann flieht vor einem Ermittler, der ihn jedoch einholt - doch dieser Ermittler, DCI John Luther (Idris Elba), möchte noch ein paar Informationen aus dem Verdächtigen herauskitzeln, weswegen er  den geständigen Kinderschänder, der sich verzweifelt mit beiden Händen an einen Treppenabsatz klammert, noch ein wenig über dem Treppenschacht zappeln läßt. Als die per Handy weitergegebenen Informationen zur Befreiung eines Kindes führen, zieht der Inspektor den verängstigten Mann jedoch nicht etwa hoch, sondern läßt ihn bewußt abstürzen.
Der nächste Fall wartet bereits: ein älteres Ehepaar und deren Hund werden ermordet aufgefunden, daneben sitzt heulend ihre Tochter Alice Morgan (Ruth Wilson), die sich die Tat nicht erklären kann. Kurz darauf auf der Wache befragt, wird keiner der Polizisten aus Morgan schlau, doch Luther folgert anhand eines einziges Satzes, daß die Tochter selbst ihre Eltern umgebracht hat. Mangels Beweisen (die Tatwaffe fehlt) darf diese aber gleich wieder gehen, doch Luther schnüffelt ihr privat nach und sein Instinkt trügt ihn nicht: in der Urne entdeckt er Teile der Pistole, die er der zierlichen Täterin auch gleich triumphierend unter die Nase hält - um sie kurz darauf in der Themse zu versenken.

Mit diesen beiden Szenen zu Beginn der ersten Folge ist der titelgebende Hauptdarsteller der britischen Serie Luther auch schon klar umrissen: ein unangepasster Ermittler mit messerscharfem Verstand, der intuitiv stets den richtigen Riecher hat, ansonsten jedoch auf die übliche Polizeiarbeit pfeift. Ob man mit dem charismatischen dunkelhäutigen Ermittler deswegen mitfiebern kann, sei dahingestellt - immerhin baut die Serie um ihn herum jede Menge klischeehafter Nebencharaktäre auf, die die Figur des rotzigen Ermittlers umso heller scheinen lassen: gewalttätige Schwerkriminelle und unfähige bis korrupte Kollegen, lediglich seine Ex-Frau Zoe (Indira Varma) und eben jene Elternmörderin (zu der er ein merkwürdiges Vertrauensverhältnis entwickelt) dürfen ihm dann und wann die Stirn bieten.

Eigentlich hatte Luther wegen eines Nervenzusammenbruchs schon hingeschmissen, doch dann durfte er trotzdem wieder in den Dienst zurückkehren trotz seines Rufs als Enfant terrible, und seine Erfolge scheinen die Entscheidung seiner Vorgesetzten, der spitznasigen DSU Rose Teller (Saskia Reeves), recht zu geben. Idris Elba (The wire) verleiht seiner Figur des innerlich stets mit seinen Gefühlen kämpfenden Ermittlers die gerade notwendige Tiefe, um ihn halbwegs glaubwürdig erscheinen zu lassen - die für ihn maßgeschneiderten Fälle mit ihren vielen Logiklöchern dagegen scheinen wie am Reißbrett entworfen und stellen keine besonders ausgeklügelten Verbrechen dar, gleichwohl an Brutalität nicht gespart wird: da werden Zeugen im Spital ermordet, Polizisten wie Hasen abgeknallt und im Off Zungen, Finger und Ohren abgeschnitten.
 
Den Verbrechern gegenüber tritt der oftmals wie ein Vulkan unter der ruhigen Oberfläche brodelnde Ermittler relativ unbeeindruckt auf, lediglich beim Werben um eine Rückkehr seiner Ex-Frau leistet er sich emotionale Momente, doch trotz aller nach wie vor bestehender Verbundenheit hat diese inzwischen einen neuen, wesentlich geerdeteren Freund, den sie nicht aufgeben will. Und so geht Luther nebenbei eine rein platonische Beziehung mit der Elternmörderin ein, die sich geradezu darauf freut, den bärbeißigen Ermittler beraten zu dürfen, was in den Gehirnen der Gewaltverbrecher vor sich geht. Ganz abgesehen davon, daß Luther natürlich von alleine darauf kommt, wie die Verbrecher ticken, bleibt diese Liaison, die stark an das Schweigen der Lämmer erinnert, völlig unerklärlich und unmotiviert, begleitet die chronologisch aufeinander aufbauenden Episoden aber bis zum Schluß.

Am Ende dieser 6, jeweils etwa 52 Minuten langen Folgen fühlt man sich ganz leidlich unterhalten, wobei das teilweise hohe Erzähltempo in Kombination mit dem verblüffenderweise stets richtig kombinierenden Luther über etliche Ungereimtheiten und Logiklöcher hinwegtäuscht. Das aus ähnlich gelagerten Kriminalserien bekannte und vielleicht erwartete britische Flair gibt es übrigens nur in einer einzigen Episode (jener mit dem Taxifahrer-Serienmörder, die gleichzeitig auch die beste dieser ersten Staffel ist), während alle anderen recht beliebig auch irgendwo in Europa oder den USA spielen könnten.
Wer nach diesen 6 Folgen der ersten Staffel mit dem charismatischen Luther aber noch nicht recht warm geworden ist (seine Rolle kristallisiert sich bis dahin allerdings tatsächlich als das mit Abstand Beste heraus, das diese Produktion zu bieten hat) sollte die Finger von den weiteren, noch folgenden Staffeln lassen. 6 Punkte.

Details
Ähnliche Filme