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2004 war ein mit einem markanten Namen ausgestatteter Horrorschocker in aller Munde, der im Kino angeblich nicht nur voll aufs Gewaltpedal trat, sondern auch storytechnisch durchaus etwas zu bieten hatte: SAW. Die Mundpropaganda zahlte sich jedenfalls aus und machte aus einem low-budget Horrorfilm einen - zumindest gemessen an Genremaßstäben - lawinenartigen Überraschungshit, der nicht nur das Studio Lionsgate in bis dato unbekannte Höhen katapultierte, sondern nicht zuletzt aufgrund des enorm lukrativen Input-Output Verhältnisses bis heute sechs Fortsetzungen nach sich zog. Dass diese nicht immer das hohe Niveau des ersten Teils halten konnten, war schlicht eine mathematische Wahrscheinlichkeit. Doch auch bei den Sequels waren meist komplexe, dabei aber sauber durchdachte, bisweilen verblüffend innovative Drehbücher mit interessanten Storytwists Standard. Unter Hinzugabe einer für viele Filmfreunde schwer verdaulichen Mischung aus extremer Gewalt- und Folterdarstellung entstand daraus eine Reihe, die bei Genreliebhabern inzwischen Kultstatus genießt und auch sonst ganz gern von Hartgesottenen alles andere beiseite schiebend konsumiert wird. Dass die Gewaltdarstellung dabei nicht selten zum reinen Selbstzweck mutierte, stößt Kritikern der Serie besonders böse auf. Die meisten Konsumenten schwanken so auch etwas lavierend zwischen "eigentlich sehr unterhaltsam" und "nicht intellektuell genug, um damit prahlen zu können". Wieder andere genießen hingegen geradezu die vielfach anbrandende Kritik, getreu dem Motto: "Alles, was Spaß macht, ist entweder verboten, unmoralisch oder macht dick." Nun, die Reihe ist zwar nur zum Teil in voller Länge "verboten" und macht auch nicht dick, aber die Moral der SAW Filme ist tatsächlich eine in Trümmern liegende, schwarz versengte Hauptkampflinie.

Auch in Teil 7, werbewirksam verpackt im derzeit trendigen, überaus nervigen 3D Gewand, wird wieder blutigst gestorben. Da werden nicht nur Löcher in Augen, Mund und Hals gebort, Haken durch Muskeln getrieben, unzählige Kehlen aufgeschlitzt und durchlöchert, Frauen zersägt, Brustkörbe gewaltsam geöffnet, Unterkiefer ausgerissen, Gesichter mit dem Autoreifen zermantscht und Haut mit Klebstoff abgezogen - es werden auch völlig Unschuldige bei lebendigem Leibe in einem Metallcontainer über dem offenen Feuer zu Tode geräuchert. Ethisch-moralisch ist der neue SAW also wieder einmal ein Tiefschlag in den Genitalbereich eines jeden halbwegs normalen Menschen. Und dennoch lockt das Extrem. Und einmal mehr im nicht immer ganz fairen Alltag formt ein vor größerem Forum lauthals wider solch "gewaltpornographischen Schund" wetternder Kinogänger mit seiner Thematisierung des Skandals zwei neue, der Meinung der Masse spottende SAW-Fans. Wer also an sehr explizit gezeigter Gewalt Anstoß nimmt oder eher Freund des politisch motivierten alternativen Kinos ist, der sollte freilich auch weiterhin einen großen Bogen um die SAW-Reihe machen, auch wenn diesmal unter anderem ein paar Neonazis zerfleddert werden. Jede Spur von politischer Stellungnahme ist hier natürlich nur Makulatur, um das allzu offensichtliche Laben am meterhohen Blutzoll und Leid anderer etwas zu überpinseln. Es dreht sich allerdings alles auch um die, und das muss deutlich gesagt werden, ein weiteres Mal nett weitergesponnene Story.

Bei aller berechtigten Kritik am Gewaltgehalt der SAW-Reihe kann eines nicht in Abrede gestellt werden: So irreal und abgedreht die Geschichte um Jigsaw und seine Epigonen ist, wohl durchdacht ist sie. Schmerzverzerrte Vorwürfe, die Drehbücher seien undurchdacht, simpel gehalten oder anspruchslos zeugen eher von mangelnder filmkritischer Objektivität als von einem ehrlichen feuilletonistischen Kommentar. SAW ist, und das ist ja gerade angesichts der inflationären Gewalt im Film das Paradoxe, sehr intelligent was die ausgefuchste Story angeht, die sich von Teil zu Teil selbst wiederaufzuladen scheint und der selbst beim doch sehr strapaziösen fünften Teil nicht die Luft ausgegangen ist. Einige der in der Folge entwickelten Handlungsstränge sind in ihrem Einfallsreichtum und ihrer Parallelität schlichtweg bahnbrechend. Wie oft wird von wirklich intelligenten Filmen oder Drehbüchern geschwärmt und wie oft ist da nur ein laues Lüftchen aus besagter Richtung zu erahnen oder eben wieder einmal nur die eigene politische Meinung bedient oder der Film in seiner Wirkungsabsicht und seinem Wirkungspotential schlicht nicht verstanden worden? Leider viel zu oft. Bei allen Vorwürfen: SAW mag unsympathisch, gewaltverliebt, moralisch zweifelhaft und eine ethische Katastrophe sein, dumm ist er zum Leidwesen vieler Kritiker nicht.

Nach sieben Teilen und einer immer größer werdenden Fanschar nähert sich SAW den Gefilden einer anderen Kult-Horrorreihe, die in den 80ern und beginnenden 90ern die Videotheken unsicher machte und ebenfalls stets zu bemüht intellektueller Auseinandersetzung einlud. Die Rede ist von Jason Voorhees, dem Killer vom Crystal Lake, der nicht nur an jedem dreizehnten Freitag unbedarften Jugendlichen und ihren Pädagogen auf recht unsanfte Weise klar machte, dass er sie an seinem See nicht haben möchte. Die Jason Reihe hat inzwischen zwar schon ganze elf Teile und ein Remake auf dem Buckel, aber SAW nähert sich mit Sieben-Meilen-Stiefeln, auch wenn nun nach dem siebten Part angeblich Schluss sein soll. Wer's glaubt! Die Kultreihe "Freitag, der 13" war in der Tat, was den Anspruch anging, unter Omas Teppich, jede neue Story simpler und ideenloser als die vorherige und die Charaktere ungefähr so ausgefeilt wie Dieter Bohlens Höflichkeit. Doch die Streifen machten in froher Runde dennoch irgendwie Laune. Welche echte Filmparty langjähriger Routiniers wurde noch nicht aufgepeppt vom Unsinn, den uns Jason da wieder einmal auftischte. Wen erheiterte ernsthaft noch nie die Dusseligkeit der Kiddies am Crystal Lake, die Freizügigkeit der durchs Bild hüpfenden Mädels, die völlig hirnamputierte Story und der hinter seiner Maske dauergenervte Jason? Jason war eben dämlich, aber kurzweilig. Wenn nun aber eine Horrorreihe auftaucht, die ebenfalls für viele aufgrund ihres Gorefaktors unterhaltsam ist, doch obendrein wohldurchdachte Drehbücher und ausgefeilte Geschichten vorzuweisen hat - wen wundert dann der Erfolg? SAW ist Party. SAW ist widerlich und ganz nebenbei ist SAW die furztrockene Antwort auf jeden Vorwurf ans Genre, es sei stupide.

Trotz der sich in Deutschland häufenden Amokläufe und des darauf ins Werk gesetzten, hierzulande typischen Zensurwahns, der alles mit Haurucklösungen und Milchmädchenrechnungen zutapeziert und vor sich jede Vernunft plattwalzt, ist die SAW-Reihe bisher angesichts ihres Sujets eher glimpflich davongekommen - von der ein oder anderen Unrated-Fassung einmal abgesehen. Warum das so ist, erschließt sich selbst den Insidern nicht. Vermutlich ist hier, wie so oft, das liebe Geld das Zünglein an der Waage und ausschlaggebend dafür, dass die deutschen Behörden und Politiker in ihrem gern gefrönten Aktionismus noch nicht aktiver geworden sind. So traurig das als Tatsache eigentlich wäre, so angenehm ist das doch für den Horrorfan, der, sofern er nicht bereit war, seinen Geschmack zu ändern, in den letzten Jahren aufgrund der schlimmen Vorfälle an den deutschen Schulen mehr als einmal hobbytechnisch zur Kasse gebeten wurde. Angesichts dieser Umstände verwundert es umso mehr, dass der neue SAW ungekürzt in deutschen Kinos läuft. Denn blutiger als derzeit war die Reihe nie.

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