Keine Frage, Sherlock Holmes ist wieder hip. Die zweite Staffel der gefeierten BBC-Miniserie „Sherlock" - eine kongeniale Transformation des weltweit wohl berühmtesten Privatdetektivs in die Gegenwart - , ist ebenso unterwegs wie ein neuer Holmes-Roman. Und das gut 80 Jahre nach dem Tod Sir Arthur Conan Doyles.
Losgetreten wurde diese popkulturelle Wiederbelebungswelle ausgerechnet von Guy Ritchie. Dem Guy Ritchie der zunächst als Brit-Tarantino gefeiert wurde, inzwischen aber eigentlich schon in Vergessenheit geraten war und lediglich noch als Gatte bzw. Ex-Gatte von Popstar Madonna Schlagzeilen machte. Da ist es kaum verwunderlich, dass seine geplante Neuinterpretation der filmisch ebenfalls reichlich angestaubten Holmes-Figur auf eher gedämpftes Interesse stieß und wenig Aufregendes erwarten ließ.
Aber wie so oft kam alles ganz anders und der Meisterdetektiv ist auch dem juvenilen Massenpublikum wieder ein Begriff. Ob es nun am zweiten schauspielerischen Frühling von Hauptdarsteller Robert Downey jr. lag, oder an Ritchies cleverer Mixtur aus Conan Doyle-Referenzen, Actioneinlagen und trockenem englischen Wortwitz, ist letztlich nebensächlich. Sherlock Holmes war jedenfalls einer der Überraschungshits 2009 und schrie förmlich nach einem Sequel. Nicht nur dass am Ende bereits Holmes Nemesis Professor Moriarty mit einem offensichtlichen Cliffhanger eingeführt wurde, eine Fortsetzung geboten allein schon die Gesetze des Marktes.
So bekommen wir also gut zwei Jahre später bereits das zweite Leinwandabenteuer des englischen Meisterdetektivs serviert. Das Rezept ist im wesentlichen gleichgeblieben, lediglich das Mischverhältnis der bewährten Zutaten erfuhr eine moderate Überarbeitung. Der Focus liegt diesmal noch stärker auf der zänkischen Zweierbeziehung zwischen Holmes und seinem Partner Dr. Watson. Eine durchaus sinnige Entscheidung, harmonierten doch Robert Downey jr. und Jude Law schon im ersten Film prächtig und lockerten die eigentlich düstere Grundhandlung immer wieder durch Screwball-artige Wort- und Situationskomik auf.
Angeblich auf Wunsch Downey jrs. wurde auch die unterschwellig homoerotische Note der Männerfreundschaft deutlicher herausgearbeitet. So wirkt Holmes offensiv eifersüchtig auf Watsons bevorstehende Eheschließung und lässt auch im Anschluss keine Gelegenheit aus, um dem Partner das bevorstehende Eheleben so schauerlich wie möglich zu schildern. Zahlreiche Wortgefechte haben mindestens im Unterton einen anzüglichen Charakter und gehören vor allem in der Originalfassung zu den unbestreitbaren Highlights.
Der eigentliche Plot ist da schon deutlich konventioneller geraten. Diesmal kreuzt das unorthodoxe Detektivgespann mit dem geheimnisvollen Professor Moriarty die Klingen. Dieser, von Holmes mit dem Titel „Napoleon des Verbrechens" geadelt, versteht es meisterhaft in allerlei dunkle Machenschaften verwickelt zu sein, ohne dass auch nur die geringste Spur zu ihm führen würde. Er ist dabei europaweit tätig und hat ein regelrechtes Netzwerk verschiedenster Handlanger aufgebaut, das immer und überall einsatzbereit scheint. Sein Plan: nichts weniger als die Großmächte Frankreich und das Deutsche Reich in einen Krieg zu treiben und als Folge einen europäischen Flächenbrand auszulösen, an dem er kräftig zu verdienen gedenkt.
Einzig Holmes und Watson scheinen in der Lage das perfide, bis ins kleinste Detail perfekt ausgearbeitete Komplott zu vereiteln. Moriarty ist sich der von Holmes drohenden Gefahr durchaus bewusst, betrachtet die Auseinandersetzung aber als reizvolle intellektuelle Herausforderung, die bei Erfolg dem Vorhabens erst die richtige Würze verleiht. Auch Holmes bewundert seinen Gegner ob dessen Genie und Kombinationsgabe, was seinerseits den Fall - abgesehen von dessen kontinentaleuropäischer Tragweite - in den detektivischen Adelsstand erhebt. Die weltpolitische Komponente ist dabei für ihn nur von sekundärer Bedeutung, was vorrangig zählt, ist das Spiel ...
Wie schon beim Vorgänger ist die Handlung kein reines Phantasieprodukt der Drehbuchautoren. Bei genauerem Hinsehen finden sich deutliche Parallelen zur Kurzgeschichte „Das letzte Problem", selbst der damals die Leserschaft schockierende Schlussakt an den schweizerischen Reichenbachfällen wurde beibehalten (allerdings dann durch einen Prolog wieder abgeschwächt). Vor allem die Beziehung zwischen Holmes und Moriarty sowie deren gegenseitige Wertschätzung wurden eins zu eins aus der literarischen Vorlage übernommen.
Bei Moriartys ausgeklügelten Versuchen Holmes und Watson ins Jenseits zu befördern, nahm man sich schon mehr Freiheiten, was zwar ganz offensichtlich der actionbetonten Ausrichtung des Films geschuldet ist, aber in diesem Rahmen durchaus funktioniert. Ähnliches gilt für die Auftritte von Holmes spleenigen Bruder Mycroft, der durch Stephen Fry eine im wahrsten Wortsinn freizügige Interpretation erfährt und viel zum gesteigerten Humoranteil beiträgt. Völlig frei erfunden ist lediglich Moriartys Plan einen europäischen Großkrieg zu entfesseln. Ein sicherlich etwas übertriebener Einfall, der zudem in der historischen Wirklichkeit der dargestellten Zeit (knapp 20 Jahre vor Ausbruch des 1. Weltkriegs) kaum plausibel verankerbar ist. Aber auch diese Plotidee schadet dem Film keineswegs und sorgt sowohl für Spannung wie auch einen roten Handlungsfaden in all dem verbalen Dauerfeuer der drei Protagonisten.
Wirklich störend ist nur die narrativ völlig unmotivierte Figur der Zigeunerin Sim. Hier drängt sich der Verdacht auf, dass man irgendwie und unbedingt das geheimnisvolle Potential der aus der Millenium-Trilogie bekannten Schwedin Noomi Rapace für den Film nutzen wollte, was gründlich misslang. Nicht nur dass der Charakter keinerlei Relevanz für den Fortgang der Handlung besitzt und damit schlicht überflüssig ist, die offenbar geplante Viktorianisierung Lisbet Salanders trägt eher unfreiwillig komische Züge.
Abgesehen von diesem Besetzungsfehlgriff verfügt Sherlock Holmes - Spiel im Schatten aber über dieselben Qualitäten wie der erfolgreiche Vorgänger und bietet durchweg vergnügliche Kinounterhaltung. Wer sich allerdings bereits beim ersten Film an den Ritchie-typischen Zeitlupensequenzen sowie einem Martial-Arts-ähnlichen Kampfstil des Titelhelden störte, sollte auch diesmal besser zu Hause bleiben und sich lieber lesend mit Conan Doyle beschäftigen. Der Rest kann bedenkenlos einen Blick riskieren.
Das größte Plus ist erneut das glänzend aufgelegte Hauptdarstellerduo, das vor allem in den gemeinsamen Szenen verbal wie mimisch perfekt harmoniert. Insgesamt schlägt das Sequel einen entspannteren und humorvolleren Ton an. Für den aktuellen Holmes-Boom kommt der Film jedenfalls goldrichtig und dürfte für einen zusätzlichen Popularitätsschub sorgen. Wenn daraufhin auch wieder mehr zur Buch-Vorlage gegriffen wird, wären bestimmt auch die konservativeren Holmes-Fans glücklich.