„Auf der Suche nach Stringenz - die Enterprise auf Orientierungsflug"
Spock ist tot, es lebe Spock! So, oder ähnlich dürfte das Gefühl der allermeisten Star Trek-Fans am Ende des zweiten Kinoabenteuers der „Spacetrotters" um Kirk, Scotty, „Pille" etc. gewesen sein. Regisseur Nicholas Meyer und Neu-Produzent Harve Bennett hatten schon beim Durchsickern der Plot-Sensation auf die teils wutentbrannten Reaktionen vieler Trekkies (heute würde man so etwas wohl Shitstorm nennen) reagiert und flugs das Ende dahingehend ummodelliert, dass eine Rückkehr des kultigen Vulkaniers zumindest irgendwie möglich schien.
Der Titel des dritten Leinwandabenteuers der Originalserien-Crew ist dann auch irgendwie logisch und damit im doppelten Sinne Spock-like: „The Search for Spock". Da passte es bestens ins Bild, dass Paramount - wenn auch nicht ganz freiwillig - Leonard Nimoy die Regie anvertraute. (1) Auch dies in zweifacher Hinsicht ein großes Plus. Denn wer würde die Wiederkehr Spocks dramaturgisch und erzählerisch besser hinbekommen als sein langjähriger Darsteller? Und wer würde das vor diesem Hintergrund immens wichtige Miteinander der übrigen Mannschaft besser inszenieren als ein jahrzehntelanger, noch dazu aktiver Kenner aus dem inneren Kreis der Trek-Familie?
„Star Trek III" hatte also durchaus beste Aussichten, in die so erfolgreichen Fußstapfen des von Fans und Kritikern gleichermaßen geschätzten, unmittelbaren Vorgängers („The Wrath of Khan") zu treten. Dass dies dann nicht gelang, ist wie so häufig verschiedensten Ursachen geschuldet und nicht an einem konkreten Manko fest zu machen.
Zunächst einmal machen Bennett (Drehbuch) und Nimoy alles richtig. Der Film beginnt mit den finalen Szenen aus „Star Trek II" (Spocks Tod und Bestattung auf dem neu geschaffenen Planeten Genesis) und bringt damit den Zuschauer wieder auf den dort erzeugten, emotionalen Ausnahmezustand. Durch diesen direkten Übergang fühlen sich die beiden Filme von Beginn an wie eine Einheit an, zusätzlich verstärkt durch die in der ersten haben Stunde klare Fokussierung auf Freundschaft und Zusammenhalt der Führungs-Crew der Enterprise (Kirk, Dr. McCoy, „Scotty", Sulu, Chekov und Uhura). Hier macht sich Nimoys intime Kenntnis der Darsteller, ihrer Figuren, ja der gesamten Franchise besonders bezahlt, indem er eine fast schon heimelig-vertraute Star Trek-Atmosphäre kreiert, die nahtlos an die vergleichbaren Qualitäten von „Khan" anknüpft.
Wir sehen einen desillusionierten Kirk, der mit den Umständen von Spocks Tod hadert und sich parallel mit der geplanten Demontage der ausgedienten Enterprise auseinander setzen muss. Sein verbliebener enger Freund „Pille" McCoy scheint noch schwerer getroffen und einen Nervenzusammenbruch erlitten zu haben. Maschinist „Scotty" soll auf das neue Flaggschiff „Excelsior" versetzt werden, die berufliche Zukunft von Sulu, Chekov und Uhura ist mehr als ungewiss. In dieser schwierigen Situation raufen sich die Freunde zusammen - geklammert an den Strohhalm der vagen Chance Spock ins Leben zurück zu holen - und kapern in einer Husaren-Aktion die ausrangierte Enterprise. Das hat charmanten Schwung und verbreitet ansteckende Abenteuerlust. Die gewitzte Cleverness und das blinde Verständnis erinnern an eingespielte Gauner-Banden und schaffen einen spielerischen Übergang vom ernsten in einen lockereren Tonfall, der wiederum die sich abzeichnende Tempoverschärfung ankündigt.
Die beginnt mit dem Anflug auf Genesis und einer unerwarteten Konfrontation mit den Erzfeinden der Föderation. Und spätestens hier - das sicherlich eine unbeabsichtigte Übereinstimmung - fangen die Probleme an, sichtbar zu werden. Die bereits in sieben Folgen der Originalserie auftauchenden Klingonen können es zu keinem Zeitpunkt mit der Perfidität und dem Bedrohungspotential Khans aufnehmen und bleiben trotz ihrer Brutalität und bösen Absichten mehr tumbe Schläger als gleichwertige Gegner. Schon der von Christopher Lloyd (ja, Doc Brown aus „Back to the Future") dargestellte klingonische Anführer Kruge funktioniert so gar nicht als ebenbürtiger Gegner für Kirk, geschweige denn als Khan-Nachfolger. Seine Versuche an die Daten des Genesis-Projekts zu kommen sind nicht gerade von Genialität durchdrungen, sondern ein ebenso schlicht durchdachter wie ausgeführter Raubzug samt Erpressungsversuch. Obwohl es dabei sogar zur direkten, körperlichen Konfrontation mit Kirk kommt, bleibt Kruge ein blasser und dementsprechend schnell vergessener Antagonist.
Wenig gelungen ist auch der Umgang mit der Figur des David Marcus (Merritt Butrick kehrt in der Rolle zurück). Kirks Sohn war in „Star Trek II" ein nicht unwesentlicher Faktor für die Offenlegung seines Innenlebens und hatte auch als Vertreter der wissenschaftlichen Sicht eine dramaturgische Daseinsberechtigung. Hier wissen Bennett und Nimoy kaum etwas mit ihm anzufangen, weder das sich als Desaster abzeichnende Genesis-Projekt noch die angedeutete Liebesaffäre mit Lieutenant Saavik (Robin Curtis) (2) verleihen David Profil, oder provozieren handlunsgrelevante Reaktionen. Sein unerwarteter Tod - wohl als Äquivalent zur Spock-Szene - verpufft erzählerisch wie emotional beinahe völlig und trägt somit praktisch nichts zur offenbar geplanten Charakter-Vertiefung Kirks bei.
Generell fehlt der gesamten Genesis-Sequenz Stringenz und vor allem der effektive Spannungsaufbau des zweiten Kinoabenteuers. Der Einfall, das noch vorhandene Genmaterial Spocks eine ähnlich rasante (Re-)Generation wie den gesamten Planeten durchlaufen zu lassen, mag auf dem Papier wie ein narrativer Geniestreich gewirkt haben. Im fertigen Film sind die verschiedenen Wachstumsschübe des noch stummen Spock allerdings wenig aufregend und haben - wenn überhaupt - einen eher befremdlichen Charakter. Dazu kommt noch ein spärliches - und wie erwähnt ein von Bennett die meiste Zeit im Stich gelassenes Restpersonal - aus David, Saavik und einer Handvoll Klingonen. Da hilft es natürlich nicht, dass die Kulissen des Terraforming-Experiments genau wie solche Aussehen und die Distanz zum leidlich spannenden Geschehen noch verstärken. Die finale Spock-Werdung-Sequenz auf seinem Heimatplaneten Vulkan weicht dann auch nicht mehr - weder inszenatorisch noch narrativ - vom eingeschlagenen Weg ab und kann das dramaturgisch mäandernde Ruder nicht mehr herumreißen.
Das ist schade, da der Auftakt so vielversprechend verlaufen war. Schade auch für die Trickexperten von ILM, die ebenfalls in der stärkeren ersten Hälfte ihre Hauptarbeit zu erledigen hatten und damit kaum Chancen zur zumindest optischen Gegensteuerung bekamen. Die Modelle der USS Grissom, Excelsior, der klingonischen Bird of Prey und natürlich der Enterprise wirken verblüffend echt - ebenso wie die damit verbundenen Weltraum-Shots und besonders die Aufnahmen im Space-Dock - und tragen viel zur anfangs gelungenen Science-Fiction-Atmosphäre bei. Mit der Übersiedelung der Handlung auf Genesis (und später Vulkan) gerät diese durch den weniger gelungenen Mix aus Matte-Paintings und Paramount-Studiokulissen aber wieder weitgehend in Vergessenheit.
Thematisch ging es diesmal ebenfalls überschaubarer zu, im Zentrum steht aber mit dem Topos Freundschaft immerhin ein klassisches Trek-Motiv. Auch hier liegen die Stärken klar zu Beginn. Bis zum Aufbruch der Spock-Wiedererweckungs-Mission gelingen Regisseur uns Darstellern einige schöne zwischenmenschliche Momente, die nostalgisches Trek-Feeling verströmen. Wiederum ist die Ankunft auf Genesis eine Zäsur und ein unverkennbar christlich motivierter Motivkomplex, kreisend um Themen wie Tod, Auferstehung und Wiedergeburt, rückt in den Vordergrund. Diese Übersiedlung in mehr sakrale und abstrakte Gefilde harmoniert nicht sonderlich mit dem zuvor etablierten hemdsärmeligen Vorgehen von Kirk und Co. und ihren wesentlich alltäglicheren Interaktionen.
„Star Trek III" hat letztlich seine im Titel bereits verkündete Grundprämisse zu wörtlich genommen bzw. zu alternativlos umgesetzt. In der gesamten Laufzeit geht es im Kern nur darum, Mr. Spock wieder zu beleben und damit zu einem voll einsatzfähigen Teil der Enterprise-Crew zu machen. Darüber hinaus passiert sehr wenig, was den Film einer zielorientierten und insbesondere effektiven Dramaturgie beraubt. Spock-Darsteller Leonard Nimoy inszeniert zwar mit viel Gespür für die Figuren, kann aber die spätestens ab der Hälfte offen zu Tage tretenden Drehbuchschwächen damit auch nicht mehr kompensieren. Das mit „Star Trek II - Der Zorn des Khan" erst unlängst so beherzt erkämpfte Kino-Format, zeigte schon wieder erste TV-Risse. Wenigstens muss sich „Die Suche nach Mr. Spock" aber den Übergangscharakter-Vorwurf gefallen lassen. Der dennoch mehr als ordentliche Erfolg an den Kinokassen - er blieb nur unwesentlich hinter dem Vorgänger zurück - zeigte, dass der mit Harve Bennett eingeschlagene, stärker an die TV-Serie angelehnte Kurs prinzipiell stimmte und Teil IV anvisiert werden konnte. Es hatte zwar einen ganzen Film gebraucht um den dramaturgischen Schlenker um Spocks Tod gewissermaßen auszutarieren, dafür konnte man nun aber wieder ohne Einschränkungen aus dem vollen Star Trek-Fundus schöpfen.
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1 Nimoy erklärte sich nur bereit im dritten Film mit zu wirken, wenn er auch Regie führen durfte. Natürlich kam das beinahe einer Erpressung gleich, da ein Star Trek-Film ohne Spock praktisch undenkbar war.
2 Curtis ersetzte Kirstie Alley, die - je nach Quelle - entweder fürchtete auf die Rolle festgelegt zu werden (unwahrscheinlich), oder bereits in dem frühen Stadium ihrer Karriere zu hohe Gagenforderungen stellte (wahrscheinlicher).