„Lost in Space"
Zu Beginn ist die Leinwand schwarz. Man hört nur ein immer lauter werdendes, dissonantes Geräusch. Plötzlich herrscht völlige Stille. Eine weiße Schrift erscheint auf dem tiefen Schwarz: „372 Meilen über der Erde gibt es nichts, was den Klang transportieren könnte. Kein Luftdruck. Kein Sauerstoff." Nach erneutem Schwarzbild folgt ein kleiner Nachtrag am unteren Bildrand: „Leben im Weltall ist unmöglich." Eine Exposition so simpel wie effektiv. Das ist grandios arrangiert und in seiner perfekten Einheit von Bild, Ton und Erzählung ein treffender Vorgeschmack auf die kommenden 90 Minuten.
„Gravity" - „Schwerkraft" - heißt der neue Film des mexikanischen Autorenfilmers Alfonso Cuarón. Mehr als vier Jahre Arbeit stecken in dem ehrgeizigen Projekt, vier Jahre in denen während des Drehs ganz neue Aufnahmetechniken entwickelt wurden, um totale Schwerelosigkeit so realistisch und plastisch wie möglich darzustellen. Ein Aufwand, der sich gelohnt hat, denn „Gravity" ist vor allem visuell das beeindruckendste Stück Kino seit gefühlt mehreren Jahrzehnten. Ein Film wie geschaffen für die übergroße Leinwand und ein State-of-the-Art Soundsystem. Ein Film der fulminant belegt, dass Kino auch heute noch ein eigenständiges Medium sein kann und seine diversen Heim-Ableger lediglich zur Zweitverwertung taugen.
Spätestens nach dem ersten Akt dürften sämtliche Zweifel an dieser These restlos ausgeräumt sein. In einer fantastischen, fast 20-minütigen Plansequenz entfaltet Cuarón ohne wahrnehmbare Schnitte ein atemberaubendes Weltraumpanorama, das als eigenständiger Kurzfilm sämtliche bisherigen Oscarpreisträger in den künstlerischen Embryonalstatus katapultieren würde.
Die Bilder eines 600 km über der Erde langsam ins Bild schwebenden Space Shuttles und der daran diverse Reparaturen vornehmenden Astronauten Dr. Ryan Stone und Matt Kowalski sind zugleich von anmutiger Schönheit und verblüffendem Realismus. Nie war Schwerelosigkeit mitfühlbarer und überzeugender auf Leinwand gebannt worden. Der nachträglich hinzugefügte 3D-Effekt macht die Illusion perfekt und ist hier endlich einmal eine sinnvolle Bereicherung.
Abgesehen von dem Funkkontakt der beiden Kosmonauten und sanften Countrymusik-Klängen aus Kowalskis Headset herrscht völlige Stille. Die Gespräche charakterisieren gleichzeitig die beiden Protagonisten. Hier die ob ihrer ersten Weltraummission extrem angespannte Medizintechnikerin Dr. Stone (Sandra Bullock). Dort der erfahrene, lässige Einsatzleiter Kowalski (George Clooney), der seine nervöse Partnerin mit unaufgeregtem Plauderton und sanften Countrymusik-Klängen zu beruhigen versucht.
Diese vertraut wirkende Mentor-Schüler Konstellation wird jäh durch die Meldung herannahenden Weltraumschrotts unterbrochen. Doch die Warnung kommt zu spät. Satellitentrümmer zerstören das Space Shuttle, und töten die übrige Crew. Stone und Kowalski bleiben lediglich 90 Minuten um die internationale Raumstation ISS mitsamt Rettungskapsel zu erreichen. Die Zeit drängt, denn in 90 Minuten werden die um die Erde kreisenden Trümmer mit der ISS kollidieren.
Nach diesem audiovisuellen Parforceritt ist man als Zuschauer völlig geplättet. Von der majestätischen Anmut der Bilder, von der absolut plastischen Tiefe und Weite des Raums, von der Wucht des plötzlich hereinbrechenden Chaos das ganz ohne Toneffekte auskommt. Die Spannung ist zum Zerreißen. Die völlige Hilflosigkeit und Mikrigkeit der beiden Überlebenden ist unmittelbar. Was folgt ist ein Plädoyer für Erfindungsreichtum, Durchhaltevermögen und Überlebenswillen. Cuarón gelingt das Kunststück die Spannungsschraube immer weiter anzuziehen, ohne konstruiert wirkende Konstellationen bemühen zu müssen. Eine bewusst kurze Laufzeit und die im Prinzip simple Handlungsprämisse sind dabei von Vorteil. Die durchaus vorhandene Komplexität liegt in der Situation an sich, im inneren Kampf den Dr. Stone ausficht und nicht im narrativen Gerüst.
„Die moderne Kino funktioniert allzu häufig wie ein Hörspiel", so die provokante Aussage Cuaróns. Man könne der Erzählung allein aufgrund der Dialoge problemlos folgen. Auch wenn diese Theorie etwas übertrieben scheint, so ist doch Cuaróns Absicht deutlich, ganz andere Maßstäbe zu setzten. Optik und Emotion bedingen sich gegenseitig und treiben gemeinsam die Narration voran.
Neben der meisterlichen Kameraarbeit von Emmanuel Lubezki sowie der innovative Tricktechnik, sind dabei aber auch die Darsteller gefragt. Eingemummt im Astronautenanzug und auch gestisch eingeschränkt durch die permanente Schwerelosigkeit, können die Darsteller lediglich durch die Modulationen ihrer Stimmen und ihre Gesichtsmimik ihren Figuren Leben und Gefühle einhauchen. Während George Clooney Souveränität, Abgeklärtheit und Gewitztheit Kowalskis vor allem stimmlich meistert, darf Sandra Bullock endlich einmal beweisen, dass sie auch jenseits romantischer Komödien gewinnbringend einsetzbar ist.
Dass die Metaphorik hinsichtlich Wiedergeburt etwas platt wirkt, ist nicht Bullocks Schuld und der einzige Schwachpunkt des ansonsten makellosen Films. Vielleicht liegt es auch an Cuaróns völlig überflüssiger Verbeugung vor „2001 - Odysse im Weltraum". Den erstens ist „Gravity" in jeder Hinsicht besser als Kubricks verquastes, wirres, stellenweise erschreckend ödes und lediglich visuell seinem Ruf gerecht werdendes „Meisterwerk". Und zweiten ist „Gravity" kein Science-Fiction Film. Er ist eine im Weltraum angesiedelte Parabel über die Unwägbarkeiten und den Wert des Lebens. Er ist zudem eine Liebeserklärung an die ureigenen Stärken des Mediums, an visuelle Überwältigung durch modernste Tricktechnik, aber auch an den Primat von Emotion und Empathie. Spannung, Menschlichkeit und Bildgewalt waren selten so homogen in einem Film vereint. Allein dafür lohnt der Kinobesuch. Wer weiß, wie viele Jahrzehnte es dauert, bis erneut ein solch großer Wurf gelingt.