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1993 „Cliffhanger" oder „Vom angezählten Auslaufmodell zum virilen Gipfelstürmer" (Sly Nr. 20)

„Back to the Roots" ist meist nicht die schlechteste Idee um wieder in die Spur zu kommen, auch wenn es hier eher „Back to the Rock(ie)s" heißen müsste, was ja eigentich auch viel cooler klingt. Und Coolness ist definitiv ein Faktor im ewigen Titanenkampf unserer Lieblings-Muckihelden um den globalen Actionthron. Und auf dem hatte es sich Anfang der 1990er Jahre definitiv Slys Dauerrivale Arnold so richtig gemütlich gemacht. Der Triple-Tiefschlag mit „Total Recall", „Kindergarten Cop" und „Terminator 2" war selbst für ein Punchingball-Stehaufmännchen wie Rocky nicht mehr wegzustecken, zumal er ohenhin schon ordentlich in den Seilen hing. Sein fünfter Ringkampf litt bereits unter akutem Zuschauermangel und ist man mal im Taumeln, dann sollte man tunlichst keine neuen Finten probieren, auch wenn, oder bessser gerade weil sie beim Konkurrenten so gut funktioniert hatten. Zwei Komödieneflops in Folge machten den ehemals stolzen italienischne Hengst jedenfalls endgültig zum müden Klepper und was sollte der schon gegen eine steirische Dampfwalze ausrichten?  

Genau, wer vom Gipfel so unsanft herunter gestoßen wurde, der muss eben wieder raufklettern. Notfalls auch die Wind umpeitschte senkrechte Steilwand hoch. Der schnellste Weg nach oben ist halt nicht zwingend der leichteste. Womit wir nun endlich bei „Cliffhanger" wären, jenem Kletterfex-Kracher, der Sly Stallone schließlich wieder in Schlagdistanz zum enteilten Haudrauf-Rivalen brachte. Von flugs herbei geeilten Berufsnörglern zunächst als „Die hard im Schnee" (haben wohl Die harder verpennt) belächelt und zugleich als unoriginelle Verzweiflungstat Stallones abgetan, zeigte sich sehr schnell, dass die Abgesänge auf die unvermeintliche Actionrente etwas verfrüht angestimmt worden waren.

Oberflächlich drängt sich der „Die Hard"-Vergleich natürlich nahezu auf. Hier muss sich ein zwar kerniger, aber dennoch erkennbar Normalsterblicher mit einem Trupp top ausgebildeter Berufsverbrecher herumschlagen, der ganz und gar ungehalten und entsprechend unzimperlich reagiert, wenn jemand das Gelingen ihres perfekt ausgearbeiteten Heist-Plans auch nur zart gefährdert. Hilfe bekommt unser Held wider willen nur sporadisch von noch weniger kampferprobten Zivilisten, so dass er er der fiesen Bande im Prinzip ganz allein gegenüber steht. Da braucht es eine gehörige Portion Erfindungsgeist, Chuzpe und ganz viel Durchhaltevermögen. Die Kombination von Grips und Muckis wurden und werden unserem guten Sly ja immer gerne abgesprochen, dabei waren die beiden Kampfsäue Rocky und Rambo all der herrlichen Brachialgewalt zum Trotz stets auch recht clever beim zurecht legen bzw. ausradieren ihrer Gegner. Den McClane nehmen wir ihm also voll und ganz ab, keine Widerrede!
Nicht vergessen darf man bei den „Die Hard"- Assoziationen natürlich auch unseren finnischen Actionspezie Renny. Der zeichnete immerhin für den mit Abstand krawummigsten Ableger der seligen „Stirb langsam"-Serie verantwortlich und hatte sich zudem bereits da - ganz seinem Herkunftsklischee entsprechend - ordentlich im Schnee ausgetobt. Ist Cliffhanger also einfach nur ein mäßig orginelles Plagiat von „Die harder"? Mintnichten!

Zunächst einmal zieht hier niemand die Terrorismus-Karte. Die Gefahr für Leib und Leben unbeteiligter Mitbürger beschränkt sich auf eine Handvoll und wird auch nicht aus ablenkungstaktischen Gründen suggeriert. Der Heist-Plan der Schurkenbande ist zwar spektakulär, aber nicht sonderlich pfiffig oder gar genial. Er wird zudem schon am Anfang enthüllt und dient lediglich als Anlass für das folgende Actioninferno. Neben den bösen Buben gibt es dazu einen noch fieseren Gegner, mit dem sich der gute Bruce nie auseinandersetzen mussste: die äußerst unwirtliche und zutiefst erbarmungslose Natur. Ein Gros seiner Faszination zieht „Ciffhanger" dann auch aus dem grandiosen Bergwelt-Setting, das nicht nur den gesamten Plot prägt, sondern dazu auch noch für optische Schauwerte und physische Stunts sorgt, die deutlich von der Norm im gängigen Knarren- und Bizeps-Genre abweichen.

Stallone selbst zeigte sich während der Dreharbeiten begeistert von den visuellen und stunttechnischen Möglichkeiten. Und er legte sich bereits im Vorfeld mächtig ins Zeug um einen möglichst überzeugenden Mountain Ranger abzugeben. Der Mix aus speziellem Krafttraining und einem Crashkurs im (Steilwand-)Klettern hatte sich jedenfalls voll bezahlt gemacht, denn der fast 50-jährige zeigte sich in bestechender körperlicher Verfassung und drehte einen Großteil der gefährlichen Stunts und Klettereinlagen selbst. Dass er dafür seine nicht unerhebliche Höhenangst unterdrücken musste, ist ein weiterer Beleg mit welcher Hingabe und Motivation er an das Projekt heran ging.
Neben den physischen Herausforderungen für Schauspieler und Stuntleute gab es vor allem auch logistische. Renny Harlin war das Wow-Potential der realen Gebirgs-Locations durchaus bewusst und er setzte alles daran, möglichst hoch, möglichst unberührt und möglichst panoramaartig zu drehen. Also mussten Personal und Equipment Tag für Tag per Helikopter an die entlegensten Orte transportiert werden, von den rasant wechselnden Wetterbedingungen ganz zu schweigen. Der Lohn ist ein visueller Jaw-Dropper, bei dem man mit an der Steilwand klebt, mit in den Abgrund starrt und sich relativ schutzlos den brutalen Elementen ausgesetzt fühlt.

Das alles ist toll, aufregend und abwechslungseich, aber nur wenig hilfreich, wenn die Kernkompetenz stottert. Genau, von unserem Sly erwarten wir vor allem Action, Action und als Nachklapp noch mal eine ordentliche Schippe Action. Vor allem nach einer Durststrecke von mindestens 5 Jahren („Rambo 3" war die letzte echte Action-Granate, wenn auch nur quantitativ) und war die darbende Fangemeinde vom Heißhunger nach deftiger Kost gepeingt. Um das allegorische Geschwafel abzukürzen: Cliffhanger lässt keine Wünsche offen und geht in die Vollen wie lange nicht mehr. Das beginnt direkt mit einer phänomenal gefilmten Drahtseilakt in schwindelerregender Höhe, bei der Sly alias Mountain Ranger Gabe Walker Kopf und Kragen riskieren muss um die Freundin seines Kumpels Hal (Michael Rooker) zu retten. Kurz darauf folgt eine James Bond-wüdige Stuntsequenz (die zu diesem Zeitpunkt teuerste der Filmgeschichte), bei der ein Geldkoffer per Seil von Flugzeug zu Flugzeug wechselt. Das Gros des Films ist dann schließlich vom erfrischenden Wechselspiel zwischen irrwitzigen Klettereinlagen und den stets unsanften Aufeinadertreffen zwischen Gabe und den in den Bergen gestrandeten Gangstern geprägt. Und hier lassen Harlin und Stallone es dermaßen krachen, spritzen und suppen, dass man sich flugs in die seligen 80er Jahre zurück versetzt fühlt, als Härte und Mainstreamkino noch kein Widerspruch waren. Harlin lebt hier nicht nur wieder (Stichwort Eiszapfen in „Die harder") seine Vorliebe für natürliche Bohruntensilien genüßlich aus, auch beim Einsatz gewöhnlicherer Ausrüstung wie Messer, Schusswaffen und Fäusten schlägt er eine für das Blockbusterkino erfrischend grimmige Gangart ein. Der Dank war ein gerade noch R-Rating (die ursprüngliche Fassung war noch derber gewesen) und selbstredend eine ab 18-Ohrfeige plus Indizierung der gewohnt zimperlichen FSK. Beides natürlich wie wir wissen absolute Gütesiegel für den echten Genrefreund.

Stallone war also endlich wieder auf Kurs und wurde mit dem besten Box office seit „Rocky IV" belohnt.  Er zeigte endlich wieder Muskeln (was durchaus wörtlich zu verstehen ist) und überzeugte auch in den wenigen dramatischen Passagen. Gabe Walker ist nach einer missglückten Rettungsaktion traumatisiert und möchte am liebsten seinem geliebten Bergdomizil samt Ranger-Profession den Rücken kehren. Nur auf drängendes Bitten seiner Freundin schultert er noch mal den Rucksack um Kollege Hal beizustehen, der bei widrigsten Bedingungen eine vermeintlich in Not geratene Bergsteigertruppe (in Wahrheit die havarierten Geldräuber) zu lokalisieren versucht. Die emotionalen Spannung zwischen den einstigen Freunden werden zwar nicht sonderlich ausgewalzt, aber durch Stallone und Rooker eindringlich auf den Punkt gebracht. Stallone wirft hier zum x-ten Mal seine enorme Leinwandpräsenz und die schon mit Rocky perfektionierte Melancholie in die Wagschale und macht den toughen Mountain Ranger praktisch im Vorbeigehen zu einer der geerdetsten und sympathischtsen Figuren seiner Karriere. Da fiebert man gerne mit und gönnt jedem Gegener den Exodus.
Dass dieses simple Schema so prächtig aufgeht, liegt aber auch stark an John Lithgow (der als Ersatz für den zunächst vorgesehenen Christopher Walken einsprang). Frei nach dem alten Filmmotto „Ein Held ist nur so gut wie sein Gegenspieler", liefert Lithgow eine Bad guy-Performance zum Zungeschnalzen. Als Ex-Regierungsbeamter und Neu-Bankräuberboss Eric Qualen gibt er eine Galavorstellung, bei der genreimmanent nur noch Alan Rickman als Terrorboss Gruber in „Die hard" mithalten kann. Arrogant und sadistisch bis unter die Haarspitzen, nimmt er mit einem Feuerwerk aus süffisanten Sprüchen („Töten sie ein paar Menschen und schon nennt man sie Mörder. Töten sie eine Million und sie kriegen einen Orden um den Hals. Eine merkwürdige Welt.",„Sie brauchen sich nicht anzuschnallen! Es wird leichter für sie, wenn sie nicht überleben!" „Sie würden mich liebend gern umbringen, nicht wahr Tucker? Ziehen Sie sich eine Nummer und stellen Sie sich hinten an.", „Ich fange an diesen Mister Walker nicht mehr zu mögen.", „Ich will ihrer Erinnerung etwas nachhelfen, falls nicht sind sie überflüssig und von Überflüssigem trennt man sich gewöhnlich leicht."), genußvollem Zynismus und eiskaltem Pragmatismus die „Fiesling des Jahres"-Skala praktisch im Handstreich.

Natürlich beißt er sich trotzdem die Zähne am mit Dackelblick Tumbheit vortäuschenden Walker aus. Hochmut kommt ja bekantlich vor dem Fall und zynische Oneliner kann auch Gabe: „Wenn Sie Mr. Qualen suchen, versuchen Sie's mal 4000 Fuß tiefer." Da will dann auch Kumpel Tucker nicht nachstehen und legt noch einen drauf: „Das ist der mit dem Hubschrauber um den Hals." Ja, das hat gesessen, wie so ziemlich jeder Punch in einer Actionsause der Extraklasse. Da hat einer den Gong zur letzten Runde definitiv als umtimative Kampfansage verstanden.
Kurz: Der schon angezählte Stallone hatte es mal wieder allen gezeigt. Von Publikum und Kritik in seltener Eintracht bereits als Auslaufmodell entsorgt, war er plötzlich zurück im illustren Ring der Actionstars. Und das ohne seine ikonischen Figuren Rocky oder Rambo reaktivieren zu müssen (den Punch hob er sich für sein drittes Comeback auf). Renny Harlin und die die Rocky Mountains doubelnden italienischen Dolomiten hatten daran einen gehörigen Anteil, aber letzlich waren es voller (Körper-)Einsatz und eine kluge Rückbesinnung auf ureigene Stärken, die unser Lieblings-Stehaufmänchen wieder in Schlagdistanz brachten. Die für viele 70er und 80er-Heroen so knifflige Jahrzenthürde war damit genommen, die 90er konnten kommen. Und mit dem bereits in den Startlöchern stehenden Science-Fiction-Knaller „Demolition Man", einem geplanten Thriller mit Sexbombe Sharon Stone sowie der rüden Comic-Adaption „Judge Dredd" hatte Sly gleich drei vielversprechende Eisen im lodernden Feuer. Das Action-Gipfelkreuz schien jedenfalls wieder zum Greifen nahe. Allerdings wie sang Dan Hill so schön in „First Blood"?: „It's a long road, and it's hard as hell ..."

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Bad Ass Rating: 10/10 (Stalaktiten-gepfählte Schergen, zum Fußball umfunktionierte Opfer, eiskalte Zivilisten- und Partnermorde sowie winterliches Hochgebirgsklettern im T-Shirt)

Muscle Posing Rating: 9/10 (Was bringt den frisch gestählten Körper besser zur Geltung als  exponiertes Steilwandklettern (und wenn´s dann doch mal eisig wird, dann reicht auch ein zeschlissenes Feinripp)?)

Ähnlichster Schwarzenegger Film: „Predator" (zwar näher am zweiten „Rambo", aber Muskelkraft gegen feindliche Natur sowie gewitzte Taktik gegen überlegenen Feind gibt´s auch hier geboten)

Sly mit „Rocky"-Punch: Check / Sly mit Selbstzweifel-Dackelblick: Check / Sly oben ohne: Check

Beste Oneliner: „Ich halte zwei Bergführer für Luxus. Einer reicht uns doch" (Qualen bei Ankunft von Gabe und Hal),  „Ich glaube aus dir könnte mal eine patente Ehefrau werden" (Qualen zu Freundin Kristel, die gerade eine Bombe für Gabe gebastelt hat), „Unsere Heizkosten sind diesen Monat gigantisch." (Gabe als er bündelweise $1000-Noten isn wärmende Feuer wirft)

Filmposter-Slogan: „Nur die Starken überleben" (ein im und um den Film ins Schwarze treffender Spruch), ansonsten prangt wie auf der US-Version in riesigen Lettern „Hang on" auf dem Plakat, was mehr graphisch wie inhaltlich überzeugt

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