Review

„Und täglich grüßt das Murmeltier" paart sich mit den „Starship Troopers". So heißt es oft, wenn es um den neuen Blockbuster mit Tom Cruise geht. Das muss man sich erstmal in Ruhe setzen lassen. Doch bevor wir uns putzige Nager in Fetzen gehackt mit leer gesaugten Köpfchen vorstellen, sollten wir vielleicht eher einen Film wie „Source Code" (2011) als Referenz bemühen, um nicht gänzlich auf den Holzweg zu geraten.
Jeden Tag aufs Neue jedenfalls stürmt der eigentlich fahnenflüchtige, in einer Zeitschleife gefangene Drückeberger Cage (Tom Cruise) nach bester Urgroßvätersitte den Strand der Normandie landeinwärts, nur um wieder und wieder von tintenfischartigen Außerirdischen samt seiner an die Seite gezwungenen Kameraden in den normannischen Boden gestampft zu werden. Doch der Tod steht Cage gut, denn so ein unendliches Déjà-vu ermöglicht es, über längere Zeiträume und ganz ohne Risiko aus dem Mehrwegleben etwas zu machen. Zum Beispiel dazuzulernen. Ungenutzte Fähigkeiten reanimieren. Das eigene Ich erkunden. Oder eben den schier unbesiegbaren Feind in Ruhe analysieren! Der hat sich nämlich nach seiner meteorhaften Landung über Zentraleuropa hinweg bis an die Pyrenäen und über die Ukraine ausgebreitet und wird, die Parallelen der Geschichte sind überdeutlich, von Westen und Osten gleichzeitig bekämpft. Nur ist der Aggressor diesmal leider noch ein bisschen weniger auf die Birne gefallen als einst und besitzt bereits detaillierte Informationen von der bevorstehenden Invasion. Der Sprung über den Ärmelkanal kann also nur schief gehen. Und tut es auch. Solch ein totales militärisches Fiasko samt eigenem Exodus mag niemand erleben. Schon dreimal nicht tagtäglich. Wenn auch selbstredend genug Zeit zum Jammern bliebe, so muss doch Cage wohl oder übel daran gehen, über sich hinauszuwachsen, um den Hintern aus diesem Schlammassel zu hieven - und ganz nebenbei die Welt zu retten, denn nur Cage verfügt über die Möglichkeit, den zeithüpfenden, in die Zukunft blickenden Kraken-Aliens einen unvorhersehbaren Streich zu spielen.

So auf Anhieb hört sich dieses Potpourri an augenscheinlich wild verlöteten Science-Fiction-Elementen zu zusammengeklaut an, als dass man sich hier viel erwarten möchte. Doch ist man als routinierter Filmfan durchaus darüber informiert, dass ein Tom Cruise über ein sicheres Händchen verfügt, was seine ausgesuchten Rollen anbetrifft und der Mann sicher keinen uninspirierten Ideenklau mit seinem cineastisch mächtigen Namen stützen würde. Und so kommt es, dass diese zunächst krude anmutende Mischung an bereits Gesehenem in einer Weise vermengt und aufbereitet wird, die nicht nur prächtig unterhält, sondern sogar aufzeigt, dass auch das Genrekino noch zu größeren (Helden-)Taten in der Lage ist, wenn auch das sprichwörtliche Rad nicht neu erfunden wird.

Regisseur Doug Liman („Jumper", 2008/„Mr. & Mrs. Smith" 2005), der sein bisheriges Schaffen nicht unbedingt um erinnerungswürdige Kinohighlights zu bereichern vermochte, gelingt es hier, einen kurzweiligen, humorvollen, in Ansätzen sogar politischen Film zu inszenieren, der, im Gegensatz zum Gros der Konkurrenz, nicht einzig von der Wucht seiner gelungenen Bilder lebt. Sei es Bill Paxton, der launig einen mit dem allwissenden Soldaten Cage überforderten Sergeant gibt. Sei es Cage selbst, der oft auf urkomische Weise (vorübergehend) das Zeitliche segnet. Oder seien es die vom Fatalismus der Situation geschwängerten Sticheleien, mit denen Cage und seine in die Misere eingeweihte Partnerin Rita (Emily Blunt) den befehlshabenden General und völlig ungläubigen Sturkopf Brigham (Brendan Gleeson) konfrontieren. „Edge of Tomorrow" erbt den Spaß des Murmeltiers. Dass er zugleich den Drive der „Starship Troopers" adoptiert, lässt Limans Genrebeitrag erst so richtig gelingen. Freilich hätte man gern ein wenig mehr von dem gesehen, was uns einst Ausnahmeregisseur Paul Verhoeven blutig servierte, doch steht bei einem Budget von 170 Millionen Dollar einiges auf dem Spiel. Ein Umstand, der die Teens und deren Taschengeld quasi automatisch mit ins Landungsboot holt. So schade das für den Kunstliebhaber ist, die insgesamt dennoch stimmige Geschichte um den Helden wider Willen, der unterhaltsam vom Feigling zum Vollblutsoldaten mutiert, rettet über die Schattenseiten hollywoodscher Gewinnmaximierung hinweg.

Ein kleines Kunststück vollbringen Doug Liman beziehungsweise das durchdachte Drehbuch damit, dass auch bei der x-ten Wiedereinspielung einer Szene nichts redundant oder langatmig wirkt. Jeder Dialog ist zielführend und erfährt, selbst wenn er dem Zuschauer wie damals beim Murmeltier bereits Wort für Wort bekannt ist, seine Berechtigung dadurch, dass er stets ja nur in vorgeblich bekannte Situationen eingebettet wird. Das Mark einer solchen natürlich dennoch voranschreitenden Story ist das behände Entlanghangeln des Protagonisten an den sich bietenden hypothetischen, dabei natürlich völlig realitätsfernen Möglichkeiten. Diese filmimmanente Illusion des Machbaren wird zwar in der Folge ein wenig arg ausgereizt, doch nimmt der Unterhaltungswert des Films dadurch deshalb keinen Schaden, weil Liman sehr darauf achtet, vorhandene Logiklöcher mit dem Charme seiner Darsteller, interessanten Ideen, einer gehörigen Prise Humor und ein kleinwenig unaufdringlichem Kabarett zu stopfen. So wird das alliierte Militär in seiner geistigen Behäbigkeit und manischen Selbstüberschätzung vom Unteroffizier (Paxton) bis zum Oberkommandierenden (Gleeson) unmissverständlich als hilflos und insgesamt mit der Situation völlig überfordert karikiert. Hier sind Parallelen zu Verhoevens Käfertötern nicht nur klar erkennbar, sie springen geradezu ins Gesicht.

Es kann also Entwarnung gegeben werden. Weder wird der Kinogänger mit erschossenen Murmelschweinen geschockt, noch entlädt sich ein hirnloses CGI-Gewitter über den Stränden Nordfrankreichs. Tom Cruise ist es ein weiteres Mal gelungen, auf der Höhe der Zeit zu sein und sich ein interessantes Drehbuch herauszupicken, das zwar unschwer erkennbar bei bereits Gesehenem klaut, doch in seiner Kombination aus ambitioniertem Wagemut und genreübergreifender Erzählkunst überraschend gut funktioniert. Und allein das ist schon fast wieder originell.

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