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„Die saubere Gesellschaft"

Die Grundidee ist gesellschaftspolitischer Sprengstoff. In einer Nacht des Jahres werden für 12 Stunden sämtliche Gesetze außer Kraft gesetzt und jegliche Art von Gewaltverbrechen ist offiziell sanktioniert. Diese als „The Purge" (Säuberung) propagierte Maßnahme - so die Theorie - soll die in großen Teilen der Bevölkerung angelegte Bereitschaft bzw. Lust zur Gewalt  für den Rest des Jahres drastisch drosseln, wenn nicht gänzlich unterdrücken.

Schon mit seinen Drehbüchern zu „Verhandlungssache" und dem John Carpenter-Remake „Assault on Precinct 13" bewies James DeMonaco sein Gespür für clever arrangierte Action-Thriller. Das Script für „The Purge" lies man ihn dann selbst inszenieren. ein Vertrauensvorschuss, der sich voll auszahlte. Der günstig produzierte Streifen ($ 3 Mio.) spülte trotz mäßiger Kritiken das dreißigfache seiner Produktionskosten in die Kassen. Das geschickte Marketing sorgte bereits im Vorfeld für kontroverse Diskussionen und heizte damit die Neugier auf den Film ordentlich an. Aufgrund des schmalen Budgets entpuppte sich der Film lediglich als vergleichsweise konventioneller Home-Invasion-Thriller mit begrenztem Personal und nutze die brisante dystopische Grundidee eher als Aufhänger.

Für die schon nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten unvermeidliche Fortsetzung durfte DeMonaco immerhin das dreifache Budget verpulvern, so dass er nun endlich die Möglichkeit hatte, das Szenario breiter anzulegen und dort zu inszenieren, wo man es eigentlich schon beim Vorgänger erwartet hatte: auf die Straßen amerikanischer Großstädte.
Diese räumliche Ausweitung des Settings eröffnete dann auch ganz andere Möglichkeiten hinsichtlich der Anzahl der Schauplätze, aber auch des handelnden Personals und damit unterschiedlicher Motivationen und Ausformungen der „Säuberung".

Deutlich wird dies anhand der 5 Protagonisten. Da ist das verängstigte Ehepaar Shane und Liz, deren Auto kurz vor Beginn der Säuberung mit Motorschaden mitten in Los Angeles den Geist aufgibt. Manipulation nicht ausgeschlossen. Dazu kommen das Mutter-Tochter-Gespann Eva und Cali, die sich unvermittelt als Freiwild auf der Straße wiederfinden, da ihr Haus von Nachbarn gestürmt worden war. Eher unfreiwillig nimmt sich der mit einem zu einer Art Batmobil hochgerüsteten Sportwagen umherfahrende Leo des versprengten Trupps an. Obwohl er die Truppe mehrfach vor dem sicheren Tod bewahrt, sind seine eigentlichen Absichten mindestens undurchsichtig.  

Frank Grillo als geheimnisvoller Schutzengel und/oder Vigilant Leo ist das Zentrum des Films, der genug Identifikationspotential, aber auch Undurchsichtigkeit bietet, um die Spannung permanent hoch und das kontroverse Thema durchgängig präsent zu halten. Dazu kommen eine Reihe sarkastischer Seitenhiebe auf die Schönen und Reichen sowie auf die spezifisch amerikanische Haltung zur Waffenproblematik, die zwar mitunter etwas plakativ und reißerisch daher kommen, aber im Kern durchaus den Finger in vorhandene Wunden legen.

„The Purge: Anarchy" macht damit das titelgebende Phänomen greifbarer und zwingt den Zuschauer auch direkter zur gedanklichen Auseinandersetzung mit der Thematik. Dass er dabei noch immer zu sehr auf Unterhaltung setzt und zuvorderst mit den Mechanismen des Actionfilms arbeitet, kann man kritisieren. Eine Steigerung zur eher alibihaften Verhandlung des ersten Teils ist dennoch deutlich erkennbar und lässt zudem Spielraum für ein weiteres Sequel, das aufgrund des erneut extrem gewinnträchtigen Einspiels (bis dato $ 110 Mio.) mit Sicherheit kommen wird.

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