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„The Art to thrill"

Die Kunst einen wirklich guten Thriller zu erschaffen ist seit den Tagen Alfred Hitchcocks etwas verloren gegangen. In der modernen (Film-)Welt in der alles auf den schnellen Reiz, den größtmöglichen Adrenalinkick oder den spektakulärsten Wow-Effekt ausgerichtet ist, bleibt kaum mehr Zeit einen bis ins kleinste Detail ausgefeilten Plot nach und nach zu entwickeln, auf dem Weg den ein oder anderen versteckten Hinweis zu platzieren und falsche Fährten zu streuen, um dann am Ende nach einer Reihe überraschender Wendungen eine Auflösung zu präsentieren, die sich nicht schon den halben Film über mit Pauken und Trompeten angekündigt hat und im besten Fall auch noch einem beherzten Schlag in die Magengrube gleichkommt. Hier muss, soll und will der Zuschauer mitdenken, miträtseln und dabei möglichst dauerhaft gefesselt, gepackt, erregt, mitgerissen - neudeutsch „thrilled" - dem Geschehen folgen.

Immer wieder wurde und wird Brian de Palma zum einzig relevanten Epigonen und Erbeb Hitchcocks ausgerufen, was angesichts zahlreicher - durchaus bewusster - stilistischer (Plansequenzen, Close-Shots) und thematischer Parallelen (Besseneheit, psychische Störungen, Voyeurismus) sowie expliziter struktureller und auch szenischer Zitate quasi auf der Hand liegt. Anders als sein erklärtermaßen großes Vorbild verheddert er sich allerdings immer wieder in Ungereimtheiten, Logiklöchern und dem Primat stilistischer Spielereien.
Als aktueller Großmeister des Spannungskinos taugt de Palma also nur bedingt, zumal er sich auch bereits im Spätherbst seiner Karriere befindet. Das ist aber auch nicht weiter tragisch, denn es gibt einen Mann, der sich im Windschatten der permanenten DePalma-Hitchcock-Vergleiche gewissermaßen klammheimlich dem im Prinzip verwaisten Thron genähert hat, von wo aus er spätestens mit seinem neuesten Werk „Gone Girl" als legitimer Suspense-Herrscher unangefochten residiert: David Fincher.

Bereits mit seinem zweiten Film, dem abgründigen Serienkiller-Thriller „Sieben" -  lieferte der ehemalige Videoclip-Regisseur ein beherztes Plädoyer für die Hitchcock-Nachfolge. Die clever arrangierte Handlung entwickelte schnell eine sogartige Spannung und konfrontierte den Zuschauer gnadenlos mit menschlichen Abgründen und messerscharfen Psychogrammen. Finchers Fähigkeit sein Publikum unvermittelt in einen Morast aus gestörten Persönlichkeiten, Mord, Perfidie und manipulativer Boshaftikeit zu stoßen, gepaart mit einer aggressiv-düsteren Bildsprache wurde mit Filmen wie "The Game", "Fight Club", "Panic Room", "Zodiac" und zuletzt "Verblendung" zu einem untrüglichen Markenzeichen.

So gesehen ist Gillian Flynns Roman „Gone Girl" der geradezu perfekte Fincher-Stoff. Die Geschichte um das scheinbare Traumpaar Nick und Amy Dunn ist ein brillanter, bitterböser Thriller, gespickt mit verblüffenden Wendungen und einem gnadenlosen Blick auf menschliche Untiefen. Der Leser wird dabei permanent aufs Glatteis geführt, so dass er sowohl auf die Figuren wie auch die Handlung bezogen immer mehr an Orientierung und Halt verliert. Dabei fängt alles zunächst relativ überschaubar an.

Am Morgen ihres 5. Hochzeitstages verschwindet Nick Dunns Frau Amy spurlos aus ihrem Haus in der Kleinstadt North Cartage, Missouri. Es gibt Spuren eines Kampfes und alles deutet auf eine Entführung hin. Eine groß angelegte Suchaktion wird eingeleitet bei der Amys Eltern gemeinsam mit Nick die Öffentlichkeit zur Mithilfe auffordern.
Ein klassisches Kidnapping-Drama scheint sich zu entfalten, bei dem der zunächst hilflos wirkende Ehemann vermutlich das Heft des Handelns an sich reißen und dabei mit den schwerfälligen Gesetzeshütern in Konflikt geraten wird, um seine schöne, schutzbedürftige Frau doch noch zu retten. Die Besetzung der Hauptrollen leistet dieser Erwartungshaltung zusätzlich Vorschub. Ben Affleck haftet nach wie vor sein Musterschwiegersohn-Image an und Rosamunde Pike besitzt eine an Grace Kelly erinnernde, elegante Anmut.

Fincher spielt geschickt mit diesen Erwartungen und übernimmt dabei auch den Kniff der Romanvorlage. Dort entfaltet sich die Handlung über weite Strecken durch Tagebucheinträge Amys, in denen sie die romantische Kennenlernphase und den darauf folgenden, glücklichen Ehealltag beschreibt. Parallel dazu lernt man Nick durch die Gegenwartshandlung besser kennen, in der sich zunächst schleichend, dann immer immer deutlicher ein ganz anderes Bild der Dunn-Ehe offenbart. Denn glücklich ist diese längst nicht mehr.
Schon die plötzliche Arbeitslosigkeit der beiden erfolgsverwöhnten Autoren führte zu einem ersten Riss. Als zu den finanziellen Nöten auch noch der Umzug vom schicken Manhattan in den von Amy gehassten Heimatstaat Nicks hinzukommt - seine Mutter war schwer erkrankt -, nimmt das Unheil seinen Lauf. Zum Zeitpunkt von Amys Verschwinden war ihre Ehe praktisch auf dem Gefrierpunkt angekommen. Im Verbund mit der Tatsache, dass beide inzwischen ausschließlich vom elterlichen Vermögen Amys leben, gerät zwangsläufig Nick in den Fokus der Ermittlungen ...

Wie schon bei der Stig Larson-Adaption „Verblendung" gelingt es Fincher auch in „Gone Girl" die komplexe, vielschichtige Vorlage genau an den richtigen Stellen zu verdichten und zu beschleunigen. Vor allem die Struktur der doppelperspektivischen Erzählung transportiert er bravourös in das filmische Umfeld, ohne dabei deren Stärken preiszugeben, oder die damit eng verbundenen Charakterstudien zu vernachlässigen. Auch die thematische Vielfalt des Romans adaptiert er praktisch mühelos. Denn „Gone Girl" ist nicht nur ein clever arrangierter, ungemein spannender Whodunit-Thriller, sondern auch das gnadenlose, geradezu analytische Psychogramm einer zerrütteten Ehe das zwischenzeitlich die Formen einer mit - wenn auch tiefschwarzem - Humor vorgetragenen Satire annimmt. Dazu kommt schließlich noch eine äußerst scharfsichtige und schonungslose Medienkritik, die den sensationsheischenden, manipulativen und zutiefst zynischen Charakter medialer „Aufklärungsarbeit" und Berichterstattung genussvoll entlarvt. In seiner leichtfüßigen Bissigkeit, die ganz ohne moralinsaure Besserwisserei auskommt und daher umso treffsicherer daherkommt, erinnern diese Szenen an die ebenfalls von Fincher betreute Polit-Serie „House of Cards".

Hier wie dort sorgt ein stark aufspielender Cast dafür, dass die intelligenten Dialoge und ambivalenten Figuren auch ihre volle Wirkung entfalten können. Neben den perfekt besetzten und grandios aufspielenden Affleck und Pike, sind es vor allem Kim Dickens als zunächst souveräner, dann aber immer mehr angeekelter und desillusionierter Detective Rhonda Boney sowie Carrie Coon als Nick Dunns nibelungentreue und gerade deshalb arg gebeutelte Schwester Margo, die zusätzlich hervorstechen. Am meisten Spaß machen aber die völlig gegen den Strich gebürsteten Tyler Perry und Neil Patrick Harris. Während Perry als narzisstischer, jovialer Staranwalt die mit Abstand schillerndste Vorstellung gibt, überrascht Neil Patrick Harris als Amys High-School-Verehrer mit einer fröstelnden Psyhopathennummer.

Der unumstrittene Star des Films ist aber definitiv David Fincher. Was uns wieder zurück zu Hitchcock bringt. Wie seinerzeit der „Master of Suspense" jongliert Fincher so virtuos wie lässig mit Publikumserwartungen, unterschiedlichen Erzählebenen und diversen thematischen Schichten. Gekonnt führt er den Betrachter immer wieder aufs Glatteis und serviert genau in den richtigen, weil gänzlich unerwarteten Momenten knallharte Plottwists und erzeugt damit eine sich immer weiter hoch schraubende Spannungskurve, aus der es kein Entrinnen gibt. Er beobachtet scharf, gnadenlos und treffend. Die elegant-düstere Optik ergänzt kongenial die stringente, rhythmische Inszenierung. Kein Leerlauf, kein Abschweifen stört den Erzählfluss. Und das bei über 150 Minuten Laufzeit.

„Gone Girl" war bereits als Roman ein Blockbuster. Vermutlich nicht gerade die bevorzugte Kost von hoffnungslosen Romantikern, frisch Verliebten oder gar Heiratswilligen. Als Denkanstoß, trotz seiner natürlich überspitzen Illusionsdemontage, aber vielleicht gerade für diese Klientel nicht uninteressant.
Der Film jedenfalls hat einen ähnlichen Siegeszug mehr als verdient. Alfred Hitchcock hätte da bestimmt nicht widersprochen, auch wenn Fincher den Vergleich letztlich gar nicht nötig hat. Schon  mehrfach hat er den Beweis für einen unverkennbaren, eigenen Stil geliefert. Gemeinsam ist den beiden in erster Linie die uneingeschränkte Meisterschaft im Spannungskino. Aktuell mal wieder zu bestaunen in „Gone Girl". Nicht nur, aber vor allem ein perfekter Thriller.

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