„Rohrkrepierer"
Regisseur David Ayer ist ein Mann fürs Grobe und Düstere. Sein bisheriges Oeuvre ist gespickt mit expliziten Gewaltdarstellungen und finster bzw. mindestens brüchig gezeichneten Figuren. Ob im Gangsterdrama „Harsh Times", oder im Cop-Thriller-Quartett „Training Day" (nur Skript), „Street Kings", „End of Watch" sowie „Sabotage", stets brach eine Welle teilweise roher Gewalt über die bereits von ihrem Job und/oder ihrer Lebenssituation gezeichneten Antihelden herein. Ayer interessierte sich dabei aber auch immer für die konkreten Auswirkungen auf die männliche Psyche, wenn auch hier manches zu grob und holzschnittartig wirkte.
Obwohl er mit „Herz aus Stahl" nun erstmals das bewährte und vertraute Genreumfeld wechselte, ist der Film über eine US-amerikanische Panzerbesatzung in der Endphase des Zweiten Weltkriegs klassischer Ayer-Stoff. Wieder einmal geht es um eine Gruppe hartgesottener Männer, die sich mit einer lebensfeindlichen, brutalen Umwelt konfrontiert sehen, was neben all den körperlichen Entbehrungen insbesondere auch ihr Gefühlsleben massiv beeinflusst.
Das ist in seiner Gesamtheit gewohnt kraftvoll, wuchtig und (v.a. in den Actionszenen) eindrucksvoll inszeniert. Die Protagonisten sind keine strahlenden Poster-Boys, sondern vom Krieg gezeichnete, psychisch teilweise arg deformierte Haudegen, die sich in zynisch-nihilistischen Parolen ergehen und für das Zivilleben unrettbar verloren scheinen.
In den Kampfszenen, egal ob Feuer- oder Panzergefechte, vermittelt Ayer ein in dieser Form selten gesehenes Gefühl für die verheerenden Auswirkungen moderner Waffen wie auch für die willkürliche Plötzlichkeit von Tod und Verstümmelung. Auch der von Langeweile, Trübsinn und der beunruhigenden Ungewissheit hinsichtlich auch nur kurz bevorstehender Ereignisse geprägte Alltag jenseits der Kampfhandlungen, wird überzeugend eingefangen.
Trotz all dieser positiven Aspekte ist „Fury" (so der treffendere Originaltitel) in vielerlei Hinsicht misslungen und bisweilen sogar ärgerlich. Ayer scheitert letztlich an der selbst auferlegten Bürde historischer Authentizität bzw. Glaubwürdigkeit. In keinem Interview zu dem Film wird er müde zu betonen, dass Veteranen der beteiligten Kriegsparteien als Berater fungierten und ihm eine realistische Darstellung der damaligen Situation attestierten. Dass sie das taten, verwundert allerdings sehr schnell erheblich.
Der Film spielt im April 1945, also nur wenige Tage vor Ende des Krieges in Europa. Trotzdem inszeniert Ayer bei den sich schon mindestens seit Monaten zu Recht in Siegesgewissheit befindlichen Amerikanern eine zutiefst apokalyptische und pessimistische Stimmung. Das mag es durchaus gegeben haben, wenn man allerdings wie hier keine Gegenbeispiele zeigt, bekommt das Ganze einen Gesamtheitscharakter, der völlig unglaubwürdig ist. Hätte Ayer selbiges aus deutscher Sicht erzählt, wäre er der historischen Wirklichkeit erheblich näher gekommen.
Ähnliches gilt für die zwar nicht im Bild gezeigten, aber dennoch angesprochenen Vergewaltigungsszenen. Auch hier wird der Eindruck erweckt die vom Krieg gezeichneten GIs wären schändend durch die eroberten deutschen Städte und Dörfer gezogen, was belegbar falsch ist und vielmehr ein Erkennungsmerkmal des aus dem Osten heranrückenden Verbündeten war.
In beiden Fällen werden die Amerikaner „zu negativ" dargestellt, um das Grundanliegen Ayers, nämlich die Zerstörung jedweder Menschlichkeit durch die Schrecken des Krieges, deutlich zu machen. In diesem Zusammenhang hätte Ayer einfach eine andere Kriegspartei (Russen, Deutsche), oder einen anderen Kriegsschauplatz (z.B. Vietnam) wählen müssen und schon wäre die Zustandsbeschreibung wesentlich schlüssiger ausgefallen.
Ähnlich verhält es sich mit den gezeigten Kampfhandlungen. Wieder steht Ayer ein deutliches Anliegen im Weg - diesmal seine Affinität zu brachialer Action -, zu dessen Gunsten er die geschichtliche Realität zurecht biegt.
So mutet nicht nur das leichtsinnige bis sorglose Verhalten beim Vormarsch der Amerikaner merkwürdig an, die auf ihren Panzern sitzend hervorragende Zielscheiben abgeben. Allerdings ermöglicht es Ayer, den Gegner eine Reihe brutaler Angriffe starten zu lassen, die in ihrer Explizität und Drastik zwar einen splattrigen Einschlag haben, aber schlussendlich natürlich nur marginalen Schaden anrichten. Die amerikanische Antwort ist dafür umso ultimativer und effektiver, so dass von den sich taktisch eigentlich im Vorteil befindlichen Angreifern nichts mehr übrig bleibt.
Vergleichbar unfähig stellt sich auch eine deutsche Tiger-Besatzung an. Im einzigen Panzergefecht des Films verlässt der gut getarnte und technisch deutlich überlegene deutsche Tiger ohne Not seine Stellung, nur um der Pitt-Truppe die Möglichkeit zu geben, ihn in ein Gefecht zu verwickeln. Prinzipiell hätte er die vier auf offenem Feld angreifenden US-Panzer problemlos hintereinander abschießen können.
All das könnte man vielleicht gerade noch verschmerzen, wenn Ayer seine Figurenzeichnung etwas weniger plakativ und exaltiert gestaltet (schon ein Problem bei Denzel Washington´s „Teufel"-Cop in „Training Day") und v.a. konsequent zu Ende gedacht hätte.
Star Brad Pitt hat als „Wardaddy" und Kommandant der 5-köpfigen Besatzung noch die dankbarste, weil am differenziertesten und nuanciertesten ausgearbeitete Rolle. Eine Vorlage, die er definitiv nutzt und damit den etwas episodenhaften Film auch über weite Strecken nachhaltig trägt. Das liegt aber auch an Logan Lerman, der als noch unverbrauchter und ungebrochener Rekrut Norman „Machine" Ellison gewissermaßen den Widerpart zu Pitt gibt, den er einerseits brechen will um ihn kriegstauglich zu machen, der ihn aber andererseits an sein zerstörtes, früheres Selbst erinnert.
Arg missgelungen sind dagegen die völlig überzeichneten Figuren Boyd „Bible" Swan (Shia LaBeouf) und Grady „Coon-Ass" Travis (Jonn Bernthal). Beide Darsteller ergehen sich dazu in enervierendem Overacting. Während LaBeouf mit durchgängig nassen Augen und weidwundem Blick wohl das Dilemma zwischen fanatischer Bibeltreue und notwendigem Töten vermitteln will, chargiert Bernthal als unflätiger Redneck permanent auf der Rasierklinge zur Karikatur. Michael Pena schließlich darf als Quoten-Latino (?) nicht einmal das. Sein Charakter wirkt so reißbretthaft wie belanglos und sollte wohl lediglich die Mannschaft vervollständigen.
Was die ohnehin schon nur teilweise gelungene Figurenentwicklung ihrer Stärken beraubt und auch den Film in seiner Gesamtheit schädigt, ist der vieles über den Haufen werfende Schlussakt. Entgegen dem bis dato erzeugten Bild, stilisiert Ayer die Truppe dann doch noch zu mythisch überhöhten Helden, die sich zudem völlig ohne Not einer zahlenmäßig deutlichen Übermacht von Waffen-SS Soldaten (100-200 Mann) stellen, weil sie ihre Heimat - den liegen gebliebenen Panzer - nicht verlassen wollen.
Aber nicht nur Motivation und Handlungsweise wirken wenige Tage vor Kriegsende völlig hanebüchen, auch das anschließende Gefecht kleistert den zuvor mühsam aufgetragenen realistischen Anstrich mit einer ganzen Wagenladung (blutroter) Farbeimer zu. So veranstaltet Ayer ein absurd comichaftes Moorhuhnschießen, bei dem sich die zuvor ehrfürchtig angekündigte Waffen-SS-Einheit dümmer anstellt, als zwangsverpflichtete Rekruten an ihrem ersten Grundausbildungs-Tag.
Das hier wieder einmal zelebrierte Bild vom an Heldenmut, Kampfkraft und Durchhaltevermögen haushoch überlegenen US-Soldaten passt so gar nicht zu den zuvor entwickelten Stimmungs- und Charakterbildern - geschweige denn, dass es irgendeinen Realitätsbezug hätte - und schießt dann auch Ayers ambitioniertes, differenziertes Grundkonzept in Stücke. So dürfen also Don „Wardaddy" Collier und seine 4 Mitstreiter in einem mehrstündigen (!) Feuergefecht ihren havarierten Panzer gegen einen Gegner behaupten, der trotz adäquater Bewaffnung und haushoher numerischer Überlegenheit ähnlich sinnfrei und selbstmördrrisch anrennt, wie weiland die Indianer gegen die Wagenburgen in zahllosen US-Western (miserable Trefferquote selbstredend inklusive).
Dass sich Ayer letztendlich auf dieses Niveau herablässt und alles auf dem Altar des glorifzierenden Spektakels opfert, katapultiert sein Werk zurück in die schnöde Masse vergleichbarer „Kriegs-Actioner" und hinterlässt einen so faden wie unbefriedigenden Beigeschmack.
Schade auch um die eine wirklich grandiose Szene des Films, in der Collier, motiviert durch den jungen Ellison, versucht die längst verloren gegangene Menschlichkeit zumindest für einen kurzen Augenblick noch einmal zu leben und zu spüren, bis das moralisch und seelisch völlig derangierte Rest-Trio seiner Besatzung wieder alles zunichte macht und die häßliche Fratze des Krieges zeigt. Hier wird deutlich, was „Fury" hätte sein können, wenn man den Film und seine Figuren aus historischer Sicht wirklich ernst genommen hätte. So aber überwiegt vor allem Ratlosigkeit und Ärger ob des verschenkten Potentials.