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„Der Metronom-Killer"

Vigilantismus ist eines der klassischen Grundmotive des Actionkinos. Häufig geht damit aber auch der Vorwurf des Faschistoiden sowie der Gewaltverherrlichung einher. Zudem befriedigt dieser Ansatz auf simplifizierende Weise die durchaus verbreitete Sehnsucht nach schnellen und effektiven Lösungen in einer Welt, in der die eigentlich zuständige Staatsmacht oftmals träge erscheint, eingebremst durch behördliche Schwerfälligkeit und vermeintlich zu laxe Gesetzstrukturen.
In der populären Kunst, ob Literatur („Der Graf von Monte Christo"), Comic („The Punisher") oder Film („Dirty Harry", „Death Wish" etc.), wird der außergesetzlich agierende Rächer meist durch die zwar plakative, aber sehr wirkungsmächtige Kombination perfider Gegner sowie eines ohnmächtigen und/oder korrumpierten Staatsapparats legitimiert.  

Im Kino waren zweifellos die 1980er Jahre so etwas wie die Blütezeit der kompromisslosen Vigilanten. Die finale Hochphase des kalten Krieges mit all den damit verbundenen Ängsten, Unsicherheiten und Unwägbarkeiten führte vielerorts nicht nur zu strammen Konservativismus, sondern bediente auch die Sehnsüchte nach einem starken Mann, der zupackend und effektiv für Ordnung sorgt. Die Actiongenre-Ikonen Stallone und Schwarzenegger gediehen in diesem gesellschaftspolitischen Klima prächtig und erwarben sich so ihren legendären Ruf. Die Folgejahrzehnte sahen dann einen schleichenden Niedergang der einstigen Goldader und schickten die wenigen noch verbliebenen Puristen immer häufiger auf die unerquickliche Suche zunehmend billiger produzierter Dutzendware in den hinteren Regalen muffiger Videotheken.

Dass die filmischen Vigilanten derzeit so überraschende wie fröhliche Wiederauferstehung feiern, verdanken sie ausgerechnet einem offensiv auf Familientauglichkeit gestriegelten Massenphänomen: dem schier unaufhaltsamen Siegeszug des Superhelden-Kinos. Ob Spiderman, Iron Man (mitsamt seinen „Avengers"-Buddies) oder vor allem Batman, ein gesunder Vigilantismus gehört praktisch zum Marschgepäck der Comic-Heroen.
Im Kielwasser deren Dauererfolgs sickert dann unweigerlich auch die praktizierte Selbstjustiz wieder ins Konsumentenbewusstsein und schafft Raum bzw. bereitet den Boden für kaltschnäuzigere Spielarten. So durften gestandene Charakterköpfe wie Liam Neeson („Taken"-Trilogie) oder Denzel Washington („Equalizer") den bösen Jungs auf erheblich schmerzhaftere Weise wie ihre becapten Vorreiter zeigen, dass sich Verbrechen nicht auszahlt. Wie weiland Arnold und Sly pflügten sie Berserker gleich durch eine vollends verkommene Unterwelt und türmten dabei beachtliche Leichenberge auf.

Auf diesem neuen Rächer-Brecher surft nun auch der etwas ins Karrieretrudeln geratene Keanu Reeves. Und wie. In nahtloser Anknüpfung an vergangene Actiongroßtaten als Terrorexperte („Speed") und Messias-Hacker („Matrix"), ballert und prügelt sich der inzwischen immerhin 50-jährige durch eine ganze Armee russischer Mafiosi als gebe es kein Morgen. Qualität und Quantität der blutigen Aufräumaktion dürften selbst Bodycount-Platzhirsch Rambo ein anerkennendes Schulterklopfen abnötigen.
Dieses brachiale Action-Inferno hört wie der Titelheld auf den knackigen Namen „John Wick". Knackig ist auch der schon fast provokativ simple Plot, der lediglich als Motor und Klammer für die ultimative und ja auch Namen gebende Genre-Komponente dient: Bewegung. Selten wurde diese Essenz so konsequent herausgearbeitet, umgesetzt und durchgezogen wie hier.

Nach der ruhigen Exposition, in der Protagonist (der sich im Ruhestand befindende Auftragskiller John Wick) und Motivation (der Sohn des New Yorker Russenmafia-Paten Viggo (Michael Nyqvist) stiehlt Wicks Auto und tötet seinen Hund) in groben Zügen umrissen werden, entfesseln die beiden Regisseure Chad Stahelski und David Leitch ein Spektakel furioso, welches in der konsequenten Ausrichtung und vor allem Dichte seiner kaltschnäuzigen Gewalttätigkeit auch im wenig zimperlichen Vigilanten-Kosmos nicht gerade alltäglich ist.
Was die drastische Brutalität hinsichtlich Wahrnehmung und psychologischer Wirkungsmächtigkeit allerdings wieder abschwächt bzw. in ihrer Konsumierbarkeit deutlich gefälliger gestaltet, ist der Stilisierungsprimat sowohl in der optischen, wie auch in der narrativen Anlage des Films. Die durchgängig technokratische Ausstattung der Interieurs und Garderoben, die auf dunkle Farben, klare Linien und zeitlosen Chic setzt und all dies in ein kalt schimmerndes, bläuliches Licht taucht, produziert eine kühle Eleganz, der etwas Unwirkliches und Artifizielles anhaftet. Im Verbund mit dem von der Außenwelt praktisch unberührten Paralleluniversum eines in sich hermetisch abgeschlossenen und für sich funktionierenden Gangster-Mikrokosmos, bekommt „John Wick" mehr den Charakter einer Graphic-Novel-Fabel à la „Sin City", als den zumindest noch in der Realität verorteten Anstrich von Selbstjustiz-Reißern wie „Death Wish".

Dazu trägt auch die Inszenierung der zahlreichen Shootouts bei, die beinahe Ballett-artig choreographiert sind und im Zusammenspiel mit der Beat-lastigen Musikuntermalung ungemein rhythmisch daher kommen. Man merkt den beiden Regisseuren ihren Stuntkoordinatoren-Hintergrund jedenfalls deutlich an, ihr Gespür für flüssige Bewegungsabläufe, die gleichzeitig präzise und wuchtig wirken.
Reeves stoisches Spiel sowie sein Faible für fernöstliche Kampfkunst gehen dabei eine fruchtbare Symbiose ein, die John Wick etwas Archaisches, Archetypisches verleiht. So arbeitet er sich einem tödlichen Metronom gleich Stück für Stück und Takt um Takt durch die sich zunehmend lichtenden Reihen mafiöser Fußsoldaten. Ausnahmslos jedem Gegner verpasst er einen auf Nummer sicher gehenden, letalen Fangschuss, der eine ryhthmische Einheit mit Score und Schnitt bildet.

Die behauptete Anlehnung an Sergio Leones Dollar-Trilogie, Kurosawas Samurai-Epen, oder Stilmittel des Film Noir mögen hinsichtlich des offen zur Schau getragenen B-Charakters des Films sowie bestenfalls rudimentär angerissener Metaebenen etwas kokettierend und anmaßend wirken, die Einflüsse sind dennoch unverkennbar. Vieles erinnert auch an John Boormans Gangster-Klassiker „Point Blank", in dem Lee Marvin ebenfalls aus vergleichsweise geringfügigen Motiven ein ganzes Gangstersyndikat systematisch auslöscht. Hier wie da begleitet man den wortkargen, mythisch angelegten Antihelden auf einem so präzise wie stoisch durchgezogenem Rachefeldzug, der in einer mit eigenen Regeln und Gesetzen ausgestatteten Parallelwelt stattfindet.

Was „John Wick" schließlich - und auch dabei ist er nahe bei „Point Blank" - aus der inzwischen doch recht ansehnlichen Menge aktueller Vigilanten-Reißer heraushebt, ist sein hoher Stilisierungsgrad als Gesamtkunstwerk. Optik, Ausstattung, Narration, Schauspiel, Musik und Actionchoreographie bilden eine perfekt aufeinander abgestimmte und miteinander harmonierende Einheit, die auch künstlerischen Ansprüchen genügen kann. Die nach einer betont harten Gangart dürstenden Actionpuristen dürften dennoch die Hauptzielgruppe bilden und sich endlich mal wieder so richtig ernst genommen fühlen, feuilletonistisches Naserümpfen inklusive. Jetzt liegt es in erster Linie an ihnen, ob es in Kürze heißen wird „John Wick will return" (oder ob der Rächer-Job wieder exklusiv den (Super-)Helden in Jumpsuit und Umhang vorbehalten bleibt). Im Sinne des „echten" Actionkinos kann man darauf nur hoffen.

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