„Auf in den Kampf, der Superhelden-Feind schläft nicht!"
Zack Snyder hat es nicht leicht. Zwar gilt er vielen als Visionär, allerdings lediglich als ein Visionär des Brutalen, Gewaltigen, Brachialen. Subtiles und Intelligentes gehört eher nicht zu seinen Vorzügen, so die mehrheitliche Meinung. Das Horror-Remake „Dawn of the Dead" (2004) und vor allem die Spartaner-Schlachtplatte „300" (2006) haben diesen Ruf zementiert, beides wuchtige Testosteron-Spektakel, die deutlich mehr auf den Solarplexus als auf das Cerebellum abzielen.
So gesehen war seine Version der lange Zeit für unverfilmbar geltenden Graphic Novel „Watchmen" (2009) eine dicke Überraschung, lies er doch auch dem philosophischen und gesellschaftskritischen Unterbau der Vorlage reichlich Raum und lieferte, abgesehen höchstens von Christophers Nolans „Dark Knight"-Trilogie, den mit Abstand erwachsensten Beitrag zum neuen Mainstream-Phänomen des Superheldenfilms. Seine Verpflichtung für die Neuausrichtung der Superman-Figur („Man of Steel", 2013), zumal unter Nolans Ägide, war da nur logisch. Obwohl die Kritikerzunft ob des bierernsten Überwältigungskinos und einer unrunden Erzählstruktur erneut die Nase rümpfte, war der Publikumszuspruch groß genug, um Snyder endgültig mit dem Großangriff auf die weit vorausgeeilte Konkurrenz von Marvel zu betrauen.
Und dazu fuhr man bei DC-Comics das ganz große Geschütz auf. Eine Mischung aus „Watchmen", „The Dark Knight" und den „Avengers" sollte es werden, also ein intelligenter, düsterer Ensemblefilm, der das unterhaltsame Spektakel ebenso zelebriert, wie die differenzierte charakterliche Auslotung popkultureller Ikonen. Was wie die Quadratur des Kreises klingt, war nichts weniger als das ultimative Stelldichein der global bekanntesten Comichelden: „Batman versus Superman".
Die in diesem Fall nicht gerade kleine Hardcore-Fangemeinde zerriss schon im Vorfeld jede noch so winzige Ankündigung in der Luft. Snyder und sein Superman Henry Cavill waren ja schon nach „Man of Steel" nicht unbedingt euphorisch gefeiert worden, zu hölzern, zu blutleer, zu verkrampft tiefsinnig sei ihre Kollaboration. Ein regelrechtes Wehklagen setzte aber ein, als die Besetzung des neuen dunklen Ritters durchsickerte. Ausgerechnet Schauspielbeau und Aura-Holzklotz Ben Affleck sollte das Erbe von Christian Bale antreten und sich das Fledermauskostüm überstreifen. Begriffe wie „Blasphemie" und „Sakrileg" waren der vorherrschenden Stimmung durchaus angemessen.
Bei all dem Ballyhoo um Snyder, Cavill und Affleck, ist es gar nicht so leicht, das fertige Werk unvoreingenommen, nüchtern und sachlich zu betrachten bzw. ihm eine faire Chance zu geben. Denn eines kann man den Beteiligten sicher nicht absprechen, ihr unbedingtes Engagement und ihre Begeisterung für die Sache. Und ja, das merkt man dem Film, bei all seinen durchaus auch vorhandenen Schwächen, zu jeder Sekunde an. Snyder hat eine ganz eigene Vision seines Superheldenkosmos, die er unbeirrt weiter verfolgt. Cavill hat schon in „Man of Steel" gezeigt, dass er Superman weg vom strahlenden Heilsbringer und klinisch reinem Posterboy, hin zum selbstkritischen Außenseiter mit Rollenfindungsambitionen zu entwickeln gedenkt. Und Affleck? Er hat erkannt, dass Bruce Wayne die erheblich interessantere Figur darstellt und unter der Fledermausmaske praktisch jeder agieren könnte. Auch sein Ansatz geht in eine neue, spannende Richtung und zeigt einen in die Jahre gekommenen, zunehmend zynisch und verbittert gewordenen Rächer, der seiner privaten wie beruflichen Leere mit Aggressivität beizukommen versucht.
Snyder lässt sich erstaunlich viel Zeit, um die charakterlichen Untiefen seiner Titelhelden auszuloten, eine Gelegenheit, die vor allem Affleck zu nutzen weiß. Entgegen aller Vorurteile und Befürchtungen ist er die düstere Seele des Films, ein bulliger, zwischen Selbsthass und Rache-Kodex gefangener Einzelgänger, dem seine schwindende körperliche wie emotionale Energie zunehmend zusetzt. Neuen Antrieb findet er ausgerechnet im Negativen, in seiner Abneigung gegenüber dem Retter-Kollegen Superman, den er für angeblich billigend in Kauf genommene Kollateralschäden verantwortlich macht. Der hibbelige Wissenschaftler Lex Luthor nutzt diese Antipathie um die beiden Helden samt ihrer ihm bekannten Alter Egos gegeneinander aufzuhetzen, um dann ungehindert seinen Allmachtsphantasien frönen zu können.
Des einen Freud ist des anderen Leid und so bleiben für Superman und Luthor nur wenig Gelegenheiten zur charakterlichen Profilierung. Ein vor dem Heroen-Clash eingeschobener Einzelfilm mit Affleck-Batman wäre sicherlich sinniger gewesen, aber ob der beinahe enteilten Konkurrenz hat man notgedrungen darauf verzichtet. So bleibt die äquivalente Zerrissenheit von Kent/Superman zu sehr an der Oberfläche und wird nur schlaglichtartig beleuchtet. Bei Jesse Eisenbergs Villain wird es noch problematischer. Motivation und psychologische Ansätze bleiben beinahe völlig im Dunkeln und lassen nur einen hyperaktiven, clownesken Wirrkopf übrig, dessen Bedrohlichkeit bloße Behauptung ist. Wenigstens muss man sich hier nicht vor den Marvel-Rivalen verstecken, bei denen belanglose Widersacher eine unschöne Tradition haben.
Ähnlich ergeht es einem Großteil des Nebenpersonals, von dem man nicht nur aufgrund der großen Namen gerne mehr gesehen hätte. Amy Adams darf als Louis Lane in erster Linie Supermans Retterqualitäten auf die Probe stellen, Jeremy Irons verkommt als Bruce Waynes treuer Butler Alfred zum Batcave-Hiwi und Laurence Fishburn ist als Daily Planet-Chefredakteur Perry White nicht viel mehr als ein unterbeschäftigtes Überleitungsvehikel. Einzig für die geheimnisvolle Diana Price alias Wonder Woman zeigt das Skript so etwas wie ernsthaftes Interesse, was von dem israelischen Ex-Modell Gal Gadot dankbar angenommen wird, obgleich auch ihr nur eine überschaubare Anzahl an Auftritten gegönnt ist.
Überhaupt haftet der gesamten Narration etwas Episodenhaftes, Sprunghaftes, fast schon Unruhiges an, was in auffälligen Gegensatz zur elegischen, bedeutungsschweren Inszenierung steht, was wiederum zu einem uneinheitlichen Gesamtbild führt. Den Drehbuchschwergewichten David S. Goyer (DC-Spezialist und Autor von Nolans „Dark Knight"-Trilogie) und Chris Terrio (Oscar für Afflecks „Argo") gelingt es nicht, den vollgestopften Plot kohärent und dramaturgisch steigernd zu entwickeln. Sie wollen zu viel gleichzeitig, wofür selbst die zweieinhalbstündige Lauflänge noch zu knapp bemessen ist. So droht dem uneingeweihten und Comic-unbeleckten Zuschauer in all dem dem Wirrwarr und Feuerwerk an popkulturellen Anspielungen, auftretenden Figuren und politischen Kommentaren schnell auch mal der Überblicksverlust.
Schade ist das nicht zuletzt angesichts Snyders wieder einmal betörender Bildsprache, die kunstvoll arrangierte Einstellungen in Hülle und Fülle bietet und dabei vom bewährten Bombastsound des Genre-Profis Hans Zimmer kongeniale Unterstützung erhält. Vor allem in den ruhigen Momenten gelingen ihm kraftvolle Bilder und schwelgerische Kamerafahrten, in denen die ausladenden Set-Pieces ausgiebig gewürdigt werden. Auch das Spiel mit der inzwischen etwas abgedroschen wirkenden, extremen Zeitlupe beherrscht er nach wie vor perfekt.
Im so unvermeidlichen wie ermüdenden Spektakel-Finale lässt Snyder dann natürlich doch die optischen Zügel los und serviert eine Neuauflage des „Man of Steel"-Endkampfes. Das brachiale Aufeinandertreffen von gleich vier Superhelden endet in dem inzwischen sattsam bekannten CGI-Overkill moderner Blockbuster und ist damit so austauschbar wie erschlagend. Auch hier drängt sich der Verdacht auf, es den Schlussfanfaren aus dem Hause Marvel gleich tun zu müssen, um im Spiel und damit konkurrenzfähig zu bleiben. Dass es auch anders geht, hat Christopher Nolan mit seinen Batman-Filmen bewiesen, an denen sich Snyder in Ton und Optik fast den gesamten Film hindurch orientiert. Um so unpassender kommt dann zwangsläufig die entfesselte Computer-Leistungsschau daher, zu der man aber schon angesichts des in Stellung zu bringenden Ensemblestücks „The Justice League" geradezu verdammt ist.
Angesichts der zahlreichen Anlässe für Kritik wäre es ein Leichtes, „Batman v Superman: Dawn of Justice" in Bausch und Bogen zu verdammen. Gemessen an seinen hochfliegenden Ambitionen und den Fähigkeiten der Protagonisten vor wie hinter der Kamera, kann man den Film durchaus als gescheitert werten.
Man kann sich aber auch an Zack Snyders durchdachter und erzählerisch arbeitender Bildsprache freuen, Ben Afflecks spannender Neujustierung des Batman-Charakters Beifall klatschen und zumindest die konsequente Fortsetzung des Versuchs honorieren, dem eindimensionalen Comichelden-Platzhirsch Superman so etwas wie Profil zu verleihen. Ob man zu der übermächtigen Marvel-Konkurrenz mit diesem etwas hektischen und unausgegorenen Gewaltakt zumindest wieder in Schlagdistanz gekommen ist, werden erst die kommenden Bemühungen zeigen. Der Wille jedenfalls ist deutlich erkennbar. In einem Umfeld von Helden mit nicht unerheblichem Missionseifer und noch größerer Tatkraft sicherlich ein Wesenszug mit dem sich arbeiten lässt.