Ein brutaler Raubmord an ihren Eltern beendet jäh die behütete Kindheit der beiden Schwestern Sophie und Jessica, die die Bluttat hilflos unter dem Sofa versteckt mitansehen müssen. Jahre später sind aus den Kindern junge Frauen geworden, durch die schreckliche Erinnerung geprägt, doch mit völlig unterschiedlichen Lebenseinstellungen und -erwartungen: während die jüngere Sophie (Frida-Lovisa Hamann) als vielversprechende Pianistin eine Karriere als Musikerin anstrebt und die furchtbaren Geschehnisse von einst überwunden hat, ist ihre ältere Schwester Jessica (Friederike Becht) zeitlebens von Rachegedanken getrieben - sie werde die Jüngere immer beschützen, hatte sie einst geschworen.
20 Jahre haben die seinerzeit gefassten Täter, ein Mann und eine Frau, hinter Gittern verbacht, doch nun werden sie entlassen. Jessica ist wie elektrisiert von dieser Tatsache und kann es nicht fassen, daß Sophie diese Tatsache eher gleichgültig auffasst, hat sie doch gerade ein wichtiges Vorspiel. Im lautstarken Streit laufen die beiden Frauen vor ein Auto und werden schwer verletzt, die ältere Jessica stirbt kurz darauf. Doch ihr Tod bewirkt bei der überlebenden Sophie eine erstaunliche Wandlung - es scheint, als wäre der Geist der älteren Schwester in sie gefahren...
Eine wenig erfreuliche Ausgangslage also, in die Regisseur Oliver Kienle den Zuschauer mitnimmt, denn die Wandlung der eher friedfertigen Sophie vollzieht sich ganz allmählich und geschieht nicht unbedingt immer mit deren Einverständnis. Die Vierhändige, so der vielsagende Titel, fokussiert sich daher auch ganz auf den Jekyll-Hyde-Charakter der Hauptdarstellerin. Und Frida-Lovisa Hamann trägt durch ihre ausdrucksstarke Performance auch maßgeblich dazu bei, daß das nicht unbedingt neue Filmthema vom Geist eines/einer Verstorbenen, der mehr oder weniger heftig in einen Lebenden fährt, bis zum Ende einigermaßen interessant bleibt - einmal abgesehen von der die ganze Zeit über ungeklärten Frage nach dem Motiv der einstigen Täter und vor allem deren heutigen Ansichten und Absichten nach der Entlassung.
Der Film nimmt sich viel Zeit für Sophies Gefühlswelt (die Kamera verharrt auch manchmal ganz ruhig auf scheinbar unwichtigen Gegenständen oder läßt das Bild verschwimmen), läßt aus ihrer Perspektive Dinge geschehen und vermittelt so einen direkten Draht zur Hauptdarstellerin, deren Verhaltensweisen dennoch oftmals nicht nachvollziehbar scheinen. Als kleine Hilfestellung für das Publikum trägt die Überlebende zeitweilig ein auffälliges Tattoo im Nacken, genau jenes, das ihre Schwester (und nur ihre Schwester) dauerhaft an jener Stelle hatte oder wechselt unvermittelt die Haarfarbe vom helleren Brünett hin zu Jessicas Dunkelbraun - doch wenn sie ganz unerwartet z.B. den netten Krankenhauspfleger, mit dem sie sich angefreundet hat, aus dem Auto schmeißt und im Restaurant verprügelt oder in einem Kindergarten randaliert, ohne sich später daran zu erinnern, weiss man auch ohne diese bildlichen Metamorphosen genau, daß hier der Geist der Verstorbenen die Überhand gewonnen hat.
Immer mehr und immer öfter überträgt sich die Paranoia der älteren Schwester auf Sophie, der übertriebene Beschützerinstinkt und die generelle Ablehnung und Abwehr aller äußeren Einflüsse machen der musisch begabten jungen Frau schwer zu schaffen. Die Realität verschwimmt, wenn man mal die eine, mal die andere Schwester dabei beobachtet, wie sie Kleindealer ausraubt, den entlassenen Mörder der Eltern zuhause besucht oder die jüngere Schwester ans Bett kettet, in der Angst, daß diese draußen(?) nicht sicher sei. Sophie selbst lehnt diese Anwandlungen, gegen die sie sich nicht wehren kann, zunehmend ab, sie will ihre Schwester endlich los werden und ihr eigenes Leben leben, frei von der Vergangenheit. Doch wie soll dies vonstatten gehen, wenn der Geist der Schwester jede Hilfe sabotiert?
Auch wenn die angeknackste Sophie keinen typischen Sympathieträger darstellt (ihre manische Schwester schon gar nicht), speziell das dramatische Ende mit seinen wenig plausiblen Thrillerelementen unter Einbindung des entlassenen Mörders nicht sonderlich realistisch wirkt und der als Schlußpointe gedachte Plot Twist ziemlich daneben ist, bleibt das Drama Die Vierhändige insgesamt doch ein annehmbarer Streifen - 6 Punkte.