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Staffel 1

Malmö in der Gegenwart: der junge Polizist Kurt Wallander (Adam Pålsson) hat sich in einem tristen Wohnblock eines Problemviertels gut eingelebt, als er Zeuge eines grausamen Mordes wird. Angelockt durch ein absichtlich gelegtes, harmloses Feuer finden sich eines Abends die Bewohner im Hof ein, wo ein junger Bursche an einen Zaun des kleinen Fußballplatzes gebunden ist. Die meist fußballspielenden afrikanischstämmigen Kids des Blocks halten den mit einer schwedischen Fahne im Gesicht bemalten, geknebelten Burschen für wenig gefährlich, filmen und knipsen ihn sogar, bis Wallander mittels Dienstausweis dem Spuk ein Ende bereiten will. Da tritt ein Kapuzenmann aus der Menge und reißt dem zappelnden Burschen das Tape vom Mund, woraufhin eine Handgranate in dessen Mund sichtbar wird - Sekunden später ist er tot.
Während Wallander danach Mühe hat, sein bisher gutes Standing bei den Nachbarn zu bewahren, denen er nunmehr als Polizist gegenübertreten muß, ergeben die Ermittlungen zunächst keinerlei heiße Spur - der Mord war gut vorbereitet und führt auch zu einer Protestkundgebung rechter Gruppierungen. Im Zuge dessen wird sein bester Freund und Kollege Reza Al-Rahman (Yasen Zates Atour) brutal verprügelt, ausgerechnet als Wallander ihm Rückendeckung geben sollte. Doch der junge Polizist hatte  einen triftigen Grund, sich von der Truppe zu entfernen, war doch der ominöse Kapuzenmann plötzlich wieder aufgetaucht. Nach einem kurzen Verfolgungssprint jedoch wird Wallander von jenem selbst niedergeschlagen, kann sich aber noch ein entscheidendes Detail merken...

Wenn sich ein Global Player der Filmbranche - in diesem Fall Netflix - entscheidet, eine gut eingeführte Kriminalreihe mit einem Prequel Young Wallander zu beglücken, ist zunächst einmal Vorsicht angebracht. Und in diesem Fall scheint sie zunächst auch durchaus geboten, denn der schlaksige junge Mann mit der erstaunlich heiseren Stimme hat trotz der Namensgleichheit so gut wie gar nichts mit Henning Mankells bekanntem Kriminalkommissar zu tun: weder physisch / optisch noch in seiner Ermittlungsarbeit und den zugrundeliegenden Handlungen und Gedankengängen lassen sich beim jungen Wallander auch nur irgendwelche Wesenszüge der eigenbrötlerischen, sperrigen Romanfigur erkennen. Im Gegenteil, die Netflix-Kreation ist ein weltoffener, junger Bursche, der sich schnell in die Flüchtlingshelferin Mona (Ellise Chappell) verliebt und dabei gewisse, allerdings nur anfängliche Anpassungsschwierigkeiten an seine neuen Dienststelle offenbart. Die älteren und routinierteren Kollegen Frida Rask (Leanne Best) und vor allem Abteilungsleiter Hemberg (Richard Dillane) jedoch haben viel Geduld mit dem "Neuen", der eine gute Spürnase zu haben scheint, oft aber nur von Zufällen profitiert.

Tatsächlich erweist sich Wallanders Liaison mit der jungen Flüchtlingshelferin als richtige Spur, denn die arbeitet für einen der beiden Söhne der milliardenschweren schwedischen Unternehmer-Dynastie Munck. Jener Gustav Munck (Alan Emrys), der als Philantrop auftritt, spendet nämlich beträchtliche Summen zur Unterbringung und Versorgung von Flüchtlingen, und der gesuchte Kapuzenmann ist zweifelsfrei ein Flüchtling, wie sich das Ermittlungsteam bald eingestehen müssen. Doch warum handelte er so, und steckt nicht vielleicht etwas ganz anderes dahinter?

Denkt man sich das verkaufsfördernde Brimborium um das angebliche Prequel zu den erfolgreich verfilmten schwedischen Romanen einmal weg, bleibt Young Wallander immerhin ein halbwegs spannender Krimi mit einem gewissen Nordic Noir-Flair um einen jungen Ermittler, der seine Hauptrolle innerhalb eines Ensembles nur sehr zurückhaltend ausspielt. Auch der etwas merkwürdige Umstand, daß die in Schweden spielende Serie zum Großteil in Litauen gedreht wurde und außer dem Hauptdarsteller fast nur britische Darsteller auftreten, tut dem kaum durch Logiklöcher unterbrochenen Erzählfluss keinerlei Abbruch. Manche Handlungsumstände sind freilich etwas zu glatt, zu hochglanzpoliert und damit zu klischeehaft geraten, dennoch vermag man dem Geschehen, das dankenswerterweise auf die (bei Netflix nicht unübliche) Unsitte eines Mega-Cliffhangers ganz zum Schluß verzichtet, jederzeit folgen. Die 6 Teile zu je 50 Minuten bieten zwar nichts grundsätzlich Neues, bewegen sich aber durchwegs unterhaltsam im Mittelfeld skandinavischer Thriller: 6 Punkte.

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