Holt den Hammer raus - die Marvel-Rampensau ist wieder in der Stadt
Wer Gags über eine eifersüchtige Streitaxt, einen Gott der Knödel, oder zwei laut blökende Riesenziegen so richtig dämlich findet, der muss jetzt ganz stark sein. Nicht so stark wie der in Phantom Kommando-Gedächtnisform erstrahlende Astralkörper von Chris Hemsworth, sondern so stark wie ein Guns ´n´Roses-Fan, der zur Strafe zwei Wochen lang Marc Foster in Dauerschleife ertragen muss. Um es kurz zu machen, er wird den neuesten Marvel-Streich so richtig hassen. Nein, Thor: Love and Thunder ist nichts für feinsinnige Humor-Gemüter und noch weniger etwas für Freunde der Heroismus-Gänseheaut. Hier gibt es volle Kanne auf die Gaga-Zwölf als gäbe es kein MCU-Morgen, und das im Sekundentakt.
Im Nachhinein muss man ekstatisch - oder entsetzt - feststellen, dass sich das Dreamteam Chris Hemsworth und Taika Waititi mit Thor Ragnarok erst mal warm gekalauert hatte. Jedenfalls wirkt die knallbunte Neujustierung des blonden Donnergottes im direkten Vergleich fast schon konservativ. Zugegeben, Trailer und vor allem Filmposter kündigten ummissverständlich an, wo die Reise diesmal hingehen würde, jedenfalls waren Thors Glamrock-Pose und der dröhnende Guns ´n ´Roses-Score absolut ernst gemeint, soviel wird schon in den ersten Filmminuten klar.
Dort wird ein selig grinsender Thor aus dem Postkartenkitsch-Idyll einer sonnen durchflutenden Waldlichtung gerissen, um einen dusseligen König von ein paar lästigen Feinden zu befreien. Also wirft der blonde Hühne die Meditationskutte ab, schmeisst sich in die knallrote Lederweste und wirft sich in die Gegnerschar wie ein Rockstar beim Stagediving. Die sich bis dato redlich abmühenden Kollegenfreunde der Guardians of the Galaxy werden dabei von ihrem selbstverliebten Frontman flugs zu Statisten degradiert und dienen im Anschluss lediglich noch für ein paar nett gemeinte Veräppelungen.
Die ganze Szene könnte so eins zu eins aus einem x-beliebigen Hardrock-Video der 80er Jahre stammen, jedenfalls wartet man ständig auf die Fanfaren von Europe´s Final Countdown oder Van Halen´s Jump. Dass man damit goldrichtig lag wird spätestens dann klar, wenn Axl Rose Welcome to the Jungle anjault. Und in diesem kunterbunten Videoclip-Stil geht es dann auch munter weiter. Im Prinzip ist der vierte Thor-Film nichts weiter als eine wilde Mischung verrückter, heroischer, witziger und emotionaler Momente aus dem wilden Abenteurerleben des letzten verbliebenen Avengers. Diese teils absurde Comedy-Show wird nicht jedermanns Sache sein, zumal sie vor Selbstironie und Albernheiten nur so trieft. Andererseits ist es nach dem wirren und substanzlosen Dr. Strange und dem ganzen verschwurbelten Multiverse-Blödsinn der letzten Filme mal ungemein erfrischend und befreiend, ein Marvel-Abenteuer zu sehen, das sich nicht eine Sekunde lang ernst nimmt und dem Franchise fröhlich feixend die Narrenkappe überstülpt.
Einen Plot gibt es dennoch und der wird vielen Kritikern zusätzlich Munition geben, denn die Rückkehr der krebskranken Jane Foster (Natalie Portman) als Mighty Thor sowie die Motivation des von seinen Göttern verratenen und verhöhnten Gorr (Christian Bale) wollen so gar nicht zum blödeligen Gesamttenor passen. Tatsächlich wirken die damit verbundenen tragischen Szenen ein wenig gegen den Strich, aber da ihr eigentliches Thema die alle Hindernisse überwindende Liebe ist, fügen sie sich dennoch erstaunlich geschmeidig in den ohnehin unsteten rockigen Rahmen. Dabei hilft es sicherlich, dass man mit Portman und Bale zwei Mimen aufbieten kann, die auch aus lediglich angerissenen Tiefen einiges hervor kramen können, was trotz des Kalauer-Dauerfeuers in Erinnerung bleibt. Das gilt insbesondere für Bale, der seit Thanos der erste Marvel-Schurke ist, den man nicht schon während des Abspanns vergessen hat.
Natürlich ist Thor 4 letzten Endes zuvorderst eine Hemsworth-Show und der Australier ist ein begnadeter Showman. Sein Charme ist mindestens ebenso ausgeprägt wie seine Muskelberge und seine unbedingte Bereitschaft sich auch für den allergrößten Blödsinn herzugeben, macht ihn nur noch sympathischer. Binnen knapp zwei Stunden wird er von Göttervater Zeus (Russel Crowe ebenfalls in einer Grenzen auslotenden Selbstparodie) völlig entblättert, von seinem Hammer verschmäht, von seiner Streitaxt angezickt, von seinen Haustieren angeblökt und von seiner Ex-Freundin in der Schlacht vor Schlimmerem bewahrt. Da muss man schon ein umjubelter Rockstar sein, um seinen Coolness-Faktor noch einigermaßen konservieren zu können. Aber keine Sorge, in dieser Hinsicht kann absolute Entwarnung gegeben werden. Zumindest für die der Anarchie nicht gänzlich abgeneigten Marvel-Jünger. Hemsworth und sein Alter Ego Thor sind ultimative Rampensäue und wer nicht mit ihnen abrocken will, ist selbst schuld. Welcome to the Jungle in Paradise City.