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„Django joins Rambo“ oder im Norden was Neues


„Sisu“, so heißt es zu Beginn, sei ein Begriff aus dem Finnischen der sich nicht eins zu eins übersetzen ließe. Er beschreibt eine Haltung, eine enorme Willensstärke, die sich dann zeigt, wenn es am nötigsten ist“. Das klingt ein wenig nebulös, auch ein wenig geheimnisvoll und trifft damit vortrefflich den mythischen Kern des Films. Denn obgleich die übliche Rezipientenschar gleich wieder reflexartig die Schubladen aufrissen und wie wild mit „Exploitation“ oder „John Wick“ etikettierte, ist der dritte Langfilm des Finnen Jamari Helander ein ganz und gar eigenständiges und vor allem eigenwilliges Werk. Dass in seiner DNA eine Melange unverkennbarer Vorbilder und Vorlieben verankert ist, bedeutet dabei keinen Widerspruch.

Der auf den ersten Blick offensichtlichste Bezugspunkt ist Quentin Tarantino. Die Aufteilung in Kapitel - jeweils angekündigt durch grellgelbe Letter im Groschenheft-Design - sowie der sofort spürbare lakonische und an B-Filme der späten 60er-frühen 70er Jahre. erinnernde Vibe lassen kaum einen anderen ersten Gedanke zu. Aber das ist nur die Oberflächenpolitur. Unter dem Tarantinoesquen-Grindhouselack verbergen sich sicher ähnliche Prägungen wie beim vermeintlichen US-Vorbild, aber das macht „Sisu“ noch lange nicht zu einer Hommage, geschweige denn zu einem Plagiat.

Der Protagonist Aatami Korpi (Jorma Tommila) ist ein wortkarger Einzelgänger, der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs durch sein verwüstetes Land zieht und dabei unvermittelt auf eine Goldader stößt. Mit den oft sehr geschwätzigen und fehlerbehafteten Figuren Tarantinos hat der ehemalige Elitesoldat so gar nichts gemein. Gezeichnet vom jahrelangen Krieg gegen Sowjetrussland erinnert er in seiner körperlichen wie seelischen Versteinerung an einen ganz anderen Filmcharakter. Und wie dieser wird er bei Bedrohung dass tief in sich eingeschlossene wilde Tier entfesseln und wie ein archaische Urgewalt über seine Gegner kommen. Die Rede ist natürlich von John Rambo, dessen Ruf als filmgewordene Mordmaschine schon immer viel zu kurz griff. Unter der Rüstung des martialischen Einzelkämpfers steckt ein traumatisierter Kriegsveteran, der die erfahrenen Grausamkeiten in Gegengewalt kanalisiert, sofern er oder ihm Nahestehende bedroht werden. Abseits davon führt er ein friedliches, beinahe spirituelles  Einsiedlerleben.

Bei Korpi manifestiert sich diese Bedrohung durch eine versprengte, sich auf dem Rückzug befindenden Waffen-SS-Einheit. Als diese durch Zufall Korpis Goldfund bemerkt, setzt sie alles daran ihm diesen abzujagen. Angesichts des verlorenen Krieges und einer drohenden Verurteilung als Kriegsverbrecher haben die Mannen um SS-Obersturmführer Bruno Helldorf (Aksel Hennie) rein gar nichts zu verlieren und alles zu gewinnen. Nur gilt dasselbe für Aatami Korpi und wie bei seinem US-Pendant Rambo ist der Kampf einer gegen alle seine ganz persönliche Spezialität. Und so nimmt eine unvermeidliche Gewalteskalation ihren Lauf, auf beiden Seiten geprägt von unerbittlicher Härte und gnadenloser Kompromisslosigkeit. 
Der FSK-18-Stempel ist angesichts der deftigen Splattereinlagen mehr als berechtigt, nicht aber das „Exploitation“-Signum. Helander weidet sich nicht an den drastischen Grausamkeiten oder setzt dabei offenkundig auf die Belustigung eines speziellen Publikums, vielmehr manifestieren die blutigen Actionszenen den „Sisu“-Charakter der Hauptfigur, die unter anderem auch für den Verrohungs-Charakter des Krieges steht. Wie heißt es bei Rambo so lapidar wie zynisch: „Willst du den Krieg überleben, musst du selbst zum Krieg werden“. Dieser Spruch könnte auch auf dem zerlumpten Hemd Korpis prangen. Und wie im fünften und bislang letzten Rambo-Film „Last Blood“ gleicht der Held am Ende nicht mehr einem Menschen, sondern mehr einer mythischen Sagengestalt, die den inneren Krieg wie eine biblische Plage oder einen apokalyptischen Flaschengeist entfesselt.

Neben Rambo gibt es aber noch eine weitere Allegorie, die sich teilweise mit ersterer überschneidet und auch wieder bei einigen Tarantino-Werken eine Rolle spielt: Der klassische Westernheld. Also ein Mann ohne groß thematisierte Vergangenheit, der plötzlich in einer Gegend oder Stadt auftaucht, dort ein für die Ansässigen drängendes Problem löst und dann am Ende wieder gegen Sonnenuntergang in der Ferne entschwindet. Der Italo-Western, vor allem in den Filmen von Sergio-Corbucci (v.a. „Django“) und Sergio Leone (v.a. in der „Dollar-Trilogie“) hat diese chiffrenartige Figur noch zusätzlich mystifiziert indem er sie mit einem brutalen Zynismus und einem oftmals egoistisch geprägten Ehrenkodex ausstaffierte, der in der braveren und biedereren US-Variante keinen Platz hatte. In „Sisu“ ist es dieser gebrochene Anti-Held, der Aatami Korpi als offenkundiges Vorbild dient, wenn er wie einst Django auf einen schmutzigen Rachetrip geht oder wie „Der Mann ohne Namen“ sich mit anderen Gesetzlosen um einen Goldschatz schießt.

„Sisu“ verhandelt aber nicht nur viele Vorbilder, sondern auch viele Themen. Vordergründig lediglich ein ultrabrutaler Actionfilm, als der er auch ausschließlich konsumiert werden kann, verhandelt Helander aber auch „Anti-Unterhaltungsthemen“ wie Verlust, Gier, Verrohung. Kriegsverbrechen, sexuelle Gewalt und nicht zuletzt Vergebung. Es steckt damit deutlich mehr drin als uns die feuilletonistische Verpackung aus „John Wick meets Tarantino“ weismachen will. Zumal dieses Labeling in die Irre führt. Und wenn man schon die heutige Click-und Motto-Generation von der Couch holen will, dann bitte auch richtig. Andererseits ob die viel mit dem Slogan „Django joins Rambo“ anfangen könnte? Immerhin ließe es sich leichter dechiffrieren als „Sisu“.

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