Es lief schon mal besser für Sadik (Nejat Isler), der sich mit kleineren Aufträgen als Privatdetektiv mehr schlecht als recht durchs Leben schlägt: früher war der Endvierziger ein angesehener Anwalt, doch die Zeiten sind längst vorbei. Immerhin ruft ihn gerade seine frühere Kollegin Maide an und verschafft ihm einen kleinen Fall: er soll nach dem verschwundenen Sohn ihrer Babysitterin suchen. Außerdem ist gerade ein junges Mädchen zum Putzen in Sadiks heruntergekommener Istanbuler Wohnung: die minderjährige Prostituierte Fatma - die hatte dabei seine an der Wand gerahmte Anwaltszulassung entdeckt und bittet ihn um einen Brief an ihre Vermieterin, die ihr das Leben schwer macht. Sadik, der wenig Emotionen zeigt, verspricht ihr, sich darum zu kümmern.
Erste Nachforschungen bei der Babysitterin bringen Sadik nicht weiter, da sie von ihrem verschwundenen Twen Tevfik nur das beste zu erzählen weiß - doch dessen jüngere Schwester Pinar macht gewisse Andeutungen: Tevfik habe in einem Schönheitssalon gearbeitet und an gewissen exklusiven Parties, sogenannten Check-up-Parties, teilgenommen. Mehr will die sehr selbstbewußt auftretende 16-Jährige im Minirock aber nicht preisgeben. Sadik findet schnell heraus, daß Pinar ein Verhältnis mit Maides Ehemann hat. Was deren verschwundenen Bruder betrifft, so scheint dieser alles andere als ein braver Bursche zu sein: nach diversen Erkundigungen an dessen Arbeitsplatz wird der Privatschnüffler nämlich auf offener Straße von einigen finsteren Männern gekidnapt und zu deren Boss gebracht. Der furchteinflößend mit Narbe quer über dem Gesicht auftretende Boss, eine große Nummer in Sachen Drogen, Menschenhandel und Prostitution, sucht, wie sich herausstellt, allerdings selbst nach Tevfik, und Sadik gelingt es, eine Art Abkommen mit dem Gangster zu schließen, indem er diesem Infos zukommen läßt, sobald er etwas herausgefunden hat. Doch es wird noch eine Weile dauern, bis Sadik Tevfik auf die Spur kommt...
Der nach einer Romantrilogie entstandene Streifen 10 Tage eines guten Mannes stellt den Auftakt zu der dreiteiligen türkischen Netflix-Produktion rund um den Privatdetektiv Sadik dar - ein durchwegs ungewöhnlicher Film, der sich weniger mit dem vorliegenden Fall und dessen teilweise stark überzeichneten Figuren beschäftigt als vielmehr mit seinem Hauptdarsteller, der mit einer Mischung aus Nonchalance und Melancholie durchs Leben wandelt und gerade durch seine vorgebliche Teilnahmslosigkeit höchst gefährlichen Situationen entgeht.
Doch wer ist dieser titelgebende gute Mann eigentlich oder besser, wie wurde er zu dem, der er jetzt ist? Relativ spät erfährt man, daß Sadiks frühere Frau Rezzan, selbst Anwältin, ihren Mann dazu überreden konnte, in einem nicht näher beschriebenen Fall die Schuld auf sich zu nehmen und statt ihrer eine Gefängnisstrafe abzusitzen, was dieser aufgrund ihrer behaupteten Schwangerschaft seinerzeit auch tat - nur um dann zu erleben, daß Rezzan sich als Belohnung kurz darauf von ihm scheiden ließ und einen reichen Geschäftsmann heiratete. Doch Sadik ist nicht verbittert, und als Rezzan ihn um ein neuerliches geschäftliches Treffen mit ihrem jetzigen Gatten ersucht, willigt er ohne zu zögern ein.
Denn in seinen Tagträumen (einer romantischen Bootsfahrt inmitten blühender Felder auf einer einsamen Insel) ist es anfangs trotz all der Vorkommnisse immer noch Rezzan, die ihn dort begleitet - doch dies ändert sich im Laufe des Films: denn zunehmend himmelt ihn Fatma an, die minderjährige Prostituierte, die sich erstaunlicherweise zu dem wortkargen, ausgebrannt wirkenden Endvierziger hingezogen fühlt. Der Philip Marlowe-Fan, der etliche Male mit rhetorischen Fragen auf sein Idol Bezug nimmt (sei es mittels Filmplakat über der zerschlissenen Tapete oder per Standbild am TV) gibt der Versuchung dann auch irgendwann nach - und nebenbei klärt er den krimitechnisch allerdings wenig anspruchsvollen Fall um den verschwundenen Tevfik.
Fazit: 10 Tage eines guten Mannes vermag weniger durch den höchst konventionellen Fall an sich und noch viel weniger durch die kaum wirklichkeitsnahen Darsteller (einen überzogen fiesen Drogenboss, der gerne Leute mit einem speziellen Schraubenschlüsel foltert, überdrehte Twens, die sich maßlos überschätzen und Gott spielen wollen oder minderjährige Sexarbeiterinnen, die sich in ältere Männer verlieben) Interesse zu wecken als vielmehr durch die erstaunlich antriebslose Hauptfigur, der es allerdings gelingt, daß sich am Ende alles zum Guten wendet.
Den 2. Teil der Trilogie hat Netflix schon für den Herbst 2023 angekündigt, doch wird auch diese Fortsetzung um den sperrigen Privatschnüffler wohl eher nur einem Nischenpublikum gefallen: 5 Punkte.