Herangewachsene Filmfans werden beim Gedanken an einen Kampfsportfilm unter der Regie von John G. Avildsen mit einem ergreifenden, eine gänsehauterregende Fanfare beinhaltenden, Soundtrack von Bill Conti sofort das Rocky Thema auf den Lippen haben. Für uns Jungs aus den Achtzigern war dieses in unserer Jugend noch gänzlich unbekannt. Auf der Schwelle ins für uns jahrzentprägende Actionterrain, welches bald mit der aus anderen Filmen und Reihen zusammenhangslos zusammengesetzten Karate Tiger Reihe, American Fighter mit den kultigen verschiedenfarbigen Ninjas, von Eltern wegen Unwissenheit akzeptiertem Terminator oder wegen Hörensagen verbotenem und daher heimlich angesehenem Rambo seine Blüte entfalten würde, stand ein Jugendactionfilm, die Metamorphose des unbeliebten, neuen Losers in der Stadt zum großen Kämpfer, eine Quelle großartiger Filmzitate, eine der erfolgreichsten Nachwuchswerbungen für örtliche Kampfsportschulen, der Grund, warum sich eine ganze Generation auf nahezu allen Schulhöfen dieser Welt mit der Nachahmung des Kranichs lächerlich machten: Karate Kid!
Den damaligen Kultwert kann der betroffene Jahrgang keinesfalls absprechen, vieles, was seine Zeit hatte, wirkt retrospektiv betrachtet jedoch unfreiwillig komisch oder gar schlecht. Wer damals brav jede Woche sein Yps - Heft gekauft hat, dürfte ungefähr nachvollziehen können, was ich meine. Nun verkauft Karate Kid keine billigen Comics mit der Beilage absolut nutzloser, aber durch die Beschreibung den kindlichen Besitzdrang reizender Gegenstände. Die Geschichte um den, sagen wir mal Durchschnittstypen Daniel Larusso (Ralph Macchio), der aufgrund seines relativ jungen Teenageralters an der Backe seiner Mutter klebt und daher durch deren Umzug von New Jersey nach Kalifornien einen kompletten Neustart ohne Freunde durchmachen muß, gewinnt sicherlich nicht den goldenen Blumenkohl in der Sparte bahnbrechende Innovationen. Diese Position des kindlichen Antihelden ist Kern eines großen Segments in der Jugendliteratur und findet sich auch in vielen Jugendfilmen und Teenkomödien wieder.
Was den Charme von Karate Kid ausmacht, ist die Verknüpfung mit dem Appell an die innere Stärke in Form einer asiatischen Kampfsportart, was dem Zeitgeist wesentlich besser entspricht und den Jungen zugleich mehr anspricht als rein sportlich ausgelegte Herausforderungen wie schlimmstenfalls das Tanzen. Hatten vorherigen Generationen von Kampfsportfans zumeist die spirituelle Seite wenig zur Kenntnis genommen, stellt Karate Kid diese Schlägermentalität zugleich auf die böse Seite in Form von Daniel terrorisierenden Rüpeln. Würde das klassische Rachethema ihn nun zur Kampfmaschine aufbauen, um die Gegenseite in einem Fausbombardement im Takt einer Stalinorgel niederzumähen, vertritt der Hausmeister Mr. Miyagi (Noriyuki "Pat" Morita) eine sehr defensive Einstellung. Diese beinhaltet jedoch neben dem Vermeiden von Kämpfen auch, daß man sich zu helfen wissen muß und so lehrt er Daniel auf unterhaltsam unkonventionelle Weise ("Auftragen - polieren") die Kunst der Selbstverteidigung und wirkt auf die Klärung der Zwistigkeiten als sportliche Auseinandersetzung im Ring ein.
Diese moralische Komponente macht Karate Kid für den nach hirnloser Hau - drauf - Action Suchenden natürlich gänzlich uninteressant. Ich wage jedoch zu behaupten, daß der Film uns sozialethisch tatsächlich so gefestigt hat, daß wir mit der gezeigten Gewalt in anderen Werken distanzierter umgehen konnten, obwohl diese für unser Alter nach deutscher FSK nicht geeignet gewesen wären. Dazu muß die Saat jedoch auf fruchtbaren Boden fallen, vielleicht erinnert man sich ja noch an Schulkameraden, die Karate Kid schon damals für lächerlich befanden - ein Indiz für den vorhandenen pädagogischen Wert, sollte man meinen.
Doch Karate Kid ist kein Rundumschlag mit der Moralkeule, er ist aufgrund der Rezeptur des Trainings für eine zu bewältigende Aufgabe sicherlich vorhersehbar, jedoch liebvoll inszeniert. Die schrullige Art Miyagis und seine Methoden sorgen für Lacher, dank des erwähnt guten Soundtracks kann der Film selbst heute noch emotional mitreißen und so erwischt man sich auch deutlich nach dem Überschreiten der Pubertät wenn nicht beim Mitfieber spätestens beim glücklichen Lächeln, wenn Daniel San seinen Widersacher auf die Matte schickt. Und wer sich nicht traut Karate Kid den Kumpels für den Videoabend vorzuschlagen, der kann sich ja vielleicht mit dem eigenen Nachwuchs gemeinsam (bald) wieder jung fühlen und dafür sorgen, daß dieser Schatz nicht in Vergessenheit gerät.