Review

Mit „Murder“ betrat Hitchcock 1930 von ihm wenig berittenes Gebiet, nämlich das des „Whodunits“, einer Krimiform, bei der es auf die Enttarnung des Täters ankommt und weniger auf den sonst üblichen Suspense von Menschen in einer Not- oder Extremsituation.
Hitchcock mochte diese Krimiform nicht, sie hatte ihm zu wenig Emotionen und sein stetes Bemühen, die Festgefahrenheit des Untergenres durch Anderes aufzuwerten, merkt man dem fertigen Film an.

Dennoch bleibt „Murder“, basierend auf einem Bühnenstück, leider viel Stückwerk und hat längst nicht so viele interessante visuelle Einfälle zu bieten, auch wenn der Film nicht gerade eine Enttäuschung ist.

Das größte Problem aus heutiger Sicht ist sicherlich, daß er mit einem gewissen Klassenbewußtsein arbeitet, daß in Großbritannien gang und gebe ist und war, bei uns aber selten verstanden wird.
Sir John, ein gefeierter und geadelter Theaterstar wird hier nämlich zum Privatermittler, nachdem er in der Geschworenenjury eines Mordprozesses unter dem Druck der übrigen Anwesenden für „schuldig“ gestimmt hatte und ihm erst später Ungereimtheiten auffallen.

Der Zuschauer folgt, ungewöhnlich für Hitchcock, der sonst eher mit filmischen Mitteln, dem Visuellen arbeitete, von nun an hie und da seinem inneren Monolog, mit dem er sich an die Aufklärung macht.
Während er immer beherrscht, gebildet und relativ würdevoll gibt, engagiert er Gegenposition ein Pärchen aus der Theatertruppe von Opfer und Täterin, den Inspizienten und seine Frau, die eher dem robusten Arbeiterstand der Künstlerschaft entstammen und nicht mit Bediensteten aufwarten können, sondern sich eher Sorgen um die Tochter und die Miete machen müssen.
Sie sind das erklärende Bindeglied in den Abgrund der Normalsterblichen, mit denen Sir John Menier sich baldigst auseinandersetzen muß, um an Hinweise zu kommen, was zu einer sehr komischen Szene führt, in der er nach einer Nacht in einer bescheidenen Pension das Frühstück von der schwatzhaften Vermieterin samt fünf Kindern serviert bekommt, die das Zimmer auf den Kopf stellen.

Auch die Szenen im Gericht und im Geschworenenzimmer (mit denen Hitchcock übrigens frappierend genau Die-12-Geschworenen vorwegnimmt, allerdings mit umgekehrtem Ausgang) entbehren nicht eines gewissen Reizes, ansonsten erheben sich bei den Charakteren nur jede Menge Fragezeichen. Die vermeintliche Täterin ergibt sich sinnfrei in ihr Schicksal, der Täter läßt sich später von einem fingierten Theaterstück über den Tatablauf tatsächlich zu einem Quasi-Geständnis verführen.
Das alles ist wenig logisch und nicht immer nachzuvollziehen, wobei gewieften Krimifans der Fall, bzw. seine Konstruktion schon in der ersten, der Tatsequenz offenliegt.
Weder ist der Fall sonderlich kompliziert, noch seine Auflösung wirklich interessant, vielmehr zieht Herbert Marshall als Sir John den Film mit seinem manierierten Gehabe unnötig für den Zuschauer in die Länge.

Interessant an der Story ist noch, daß sie im Wesentlichen eine (damals noch kaschierende) Homosexuellengeschichte ist, bei der der Täter während der Arbeit Frauenkleidung trägt und auch sonst sehr pomadig-schwuchtelig dargestellt ist, wobei das Thema aber nie laut benannt wird, stattdessen gibt es nur Verschleierungen in Richtung Herkunft und Einstellung. Die eigentliche Aussage ist aber mehr als offensichtlich.
Insgesamt ist „Murder“ ein streckenweise interessant inszenierter, aber sonst eher zäher und unspannender Hitchcock, der jedoch im Trapezfinale noch durch seine aufregende Kameraarbeit punkten kann. (5/10)

Details
Ähnliche Filme