Obwohl die schäbige Bruchbude am Orchideenweg 22 und ihre verschrobenen Nörglernachbarn schon von weitem keinen vertrauenerweckenden Eindruck machen, sowie das Gerücht umgeht, es würde im Hause spuken, zögert Jungschriftsteller Leo zum Entsetzen seiner Freundin keine Minute, genau dort einzuziehen, um seinen überfälligen Zweitling zu Papier zu bringen. Schon bald passieren merkwürdige Dinge in seiner Wohnung und er stößt auf ein wohlgehütetes Geheimnis von dem Vormieter, dass ihm keine Ruhe lässt und er anfängt es zu recherchieren...
"Happy End" ist der Debutfilm vom damals 24 Jahre alten Student Daniel Stieglitz der diesen Film mit gerade einmal nur 10000 Euro produziert hat. Das reicht in Hollywood für die Maniküre von Denzel Washington an einem Drehtag. Tja, und hier ist es so: Nach den 100 Minuten ist man angenehm gegruselt und unterhalten worden und denkt einfach nur noch: "Wow!"
Trotzdem werde ich "Happy-End" nicht wie einen Amateur-Splatter bewerten - sondern stelle ihn auf eine Ebene mit den 100 Mio.$ teuren Blockbuster aus Hollywood. Und da kann er ohne Probleme mithalten.
Die ersten 30 Minuten beginnt der Film gemütlich, angereichert mit humorvollen Momenten. Das sind auch so die schwächsten Minuten. Nicht das sie langweilig abgedreht sind, fast alle Charaktere werden vorgestellt - aber der Humor wirkt manchmal zu aufgezwungen und manche Dialoge zu aufgesetzt, als hätte jetzt unbedingt ein Satz gesprochen werden müssen. Danach verstreut Jung-Regisseur (von dem wir in Zukunft mit Sicherheit noch viel erwarten können) wichtige Puzzle-Teile der Story,baut kontinuierlich Spannung auf, hier und da vereinzelt nette Schockeffekte und damit wird man in den Bann gezogen (gerade aufgrund der sehr durchdachten Story) bishin zur Auflösung des Rätsels - und die hat es meiner Meinung nach wirklich in sich!
Der Horror in "Happy End" hat Ähnlichkeiten mit dem Stil von "The Ring", "Schatten der Wahrheit" und Konsorten. Bei solch einem Budget gibt es keine CGI-Effekte zu bestaunen, was den Film aber auch ein, zwei Spuren subtiler als eben genannte Vorbilder macht, und das ist gut so.
Gebremst wird der Drive fast nur in Szenen, in denen die Freundin (Katharina Schwarz) des Hauptdarstellers auftritt - nicht das sie schlecht spielt. Aber ihre Figur trägt nichts zur Handlung bei. Eigentlich hätte man sie ganz aus der Story streichen können, um Leerlauf zu vermeiden.
Ansonsten könnte man "Happy End" nur noch die etwas miese Bild-Qualität anhängen, welche aber erheblich über Amateur-Niveau liegt - und nicht wirklich störend ist. Selbst für den Mainstream-Kinogänger.
Für Semi-Professionelle spielen die Darsteller super, Katharina Schiedermeier als alte Oma spielt ihre Rolle (mit dem typischen "Oma-Nachkriegs-Akzent") bezaubernd, Erwin Leder als Alkoholiger-Vater wirkt wahrhaft abstoßend (So was ekliges an Typ findet man selten in Filmen) und Herr Boos (J.E.Rausch) als Nachbar mit Dreck am Stecken angsteinflösend.
Nur Hauptdarsteller Mattias Scherwenkes als Leo hat manchmal minimale Schwächen., was aber sehr an seinen undankbar häufig vorkommenden Solo-Parts liegt. Ansonsten spielt auch er seine Rolle überzeugend. Kein Thema.
Besonders herausstechend ist der Score. Manche Lieder wirken beruhigend, manche verstören den Zuschauer ungemein wie ich es selten erlebt habe.
Atmospährisch gelungen sind auch die Locations, das alte heruntergekommene Mehrfamilienhaus weiß zu gefallen, dazu gibt es immer wieder dunkle Flure und Schattenspiele.
FAZIT:
"Happy End" ist mit seinen 10000 Euro und als Debut ein wahres Meisterwerk im subtilen Horror-Bereich und ein Schlag in die Fresse für Hollywood. Natürlich ist dieser Film nicht das NonPlusUltra aufgrund einiger kleinerer Schwächen, aber solide gedreht ohne große Längen und einer super durchdachten Story. Als Debut-Film für einen 24 Jahre alten Studenten "Zehn-Komma-Null", da gibt´s nichts dran zu rütteln. Auf "Hollywood-Basis" oder Videotheken-Ramsch gibt´s derbere Schnitzer in allen möglichen Bereichen. "Happy End" ist der "Hammer".
9/10