1985 „Rocky IV" oder „Kalter Krieg, heißer Ring und Killer Sound" (Sly Nr. 11)
„If I can change and you can change - everybody can change!"
Das ist doch mal eine universelle Weihnachtsbotschaft mit Schmackes. Klar, simple as hell, aber ohne viel Geschwafel auf den Punkt gebracht. Quasi ein Oneliner des Herzens. Wie übrigens der gesamte Film, also simpel, mit Schmackes, mit Herz und auf den Punkt. Der Connaisseur hat es sicher längst erkannt, die Rede ist natürlich von Rocky IV, ein Film der seinerzeit von der Kritik gnadenlos zerissen und vom Publikum innig geliebt wurde. Ein Film, der unseren Helden auf dem Höhepunkt seines Schaffens zeigt, also monetär, populär und ganz besonders auch muskulär. Allein die fantastisch montierten und vertonten Trainingssequenzen könnte sich noch heute jedes Fitnesstudio als Werbedauerschleife als LCD-Wand einrahmen. Aber wir wollen im Überschwang der Gefühle nicht vorgreifen.
Sly Stallone stand anno 1985 im Zenit seiner Karriere. Die zweite Rambo-Mission mag sich etwas vom gesellschfaftskritischen Ton des Vorgängers entfernt haben, aber was war das für ein Actioninferno. Kollege Arnold musste sich kräftig ins Zeug legen, um das nach allen Regeln der (Kriegs-)Kunst niedergewalzte Terrain wieder zurück zu gewinnen. Das links gerichtete Fueilleton rümpfte angewiedert die Nase, während US-Präsident Reagan im weißen Haus andächtig eine Sondervorführung genoß. Die Zuschauermassen schienen sich auch nicht sonderlich an den angeprangerten antikommunistischen und reaktionären Tendenzen zu stören und machten „First Blood: Part II" zu Slys bis dato größtem Hit. Ob all dies Stallone motivierte beim vierten Ringkampf seines Alter Egos auf ähnliche Trümpfe zu setzen ist nicht erwiesen, aber würde definitiv Sinn machen.
Und die Parallelen sind nicht von der Hand zu weisen. Der Plot ist betont simpel, der Fokus auf körperbetonter Aktion evident und das Tempo mit Vollgas noch zurückhaltend beschrieben. Auch die Genese des Helden läuft praktisch deckungsgleich ab. So übt er sich zunächst seinem eigentlichen Naturell entsprechend in Zurückhaltung, aber wehe man reizt ihn durch Verrat (Rambo), oder gar den Tod des besten Freundes (Rocky), dann sieht er dunkelrot. Passenderweise sind die Gegner in beiden Fällen Kommunisten. Und sie sind richtig böse, wenn auch Rocky IV am Ende die Versöhnungskarte spielt, aber natürlich erst nachdem die Überlegenheit des Westens eindrucksvoll demonstriert worden war.
Liest man all das könnte man meinen, dass der Film heute nicht mehr genießbar ist und voer allem niemand mehr vom Serien-Bingewatching weg holt. Tja, so kann man sich täuschen. „Rocky IV" hat sich nicht nur zum bekanntesten, sondern sogar zum bliebtesten Teil der Boxer-Saga gemausert. Und das hat gute Gründe. Während Teil 1 zwar als Klassiker und ernsthaftes Drama gilt, laden sein betont behäbiges Tempo und das angestaubte 70er-Jahre-Setting nicht unbedingt zum launigen Filmabend ein. Teil 2 kämpft mit den denselben Problemen, allerdings minus dem Klassiker-Status. „Rocky III" fährt den Actionanteil schon mal hoch, hat aber nicht die konzentrierte Wucht des Nachfolgers. Teil 5 ist dann der einzige Tiefpunkt der Reihe und wird auch von echten Fans mehr geduldet. Das späte Finale „Rocky Balboa" taugt gerade wegen seiner Qualität als als wehmütiges, wieder die Brücke zum Original schlagendes Finale auch nicht wirklich zur Heavy Rotation.
Rocky IV dagegen muss sich mit keinem dieser Hindernisse herum schlagen. Er ist kein Klassiker der Filmgeschichte, aber ein klasse Actionfilm. Er ist kein Drama, aber dramatisch sehr geschickt zugespitzt. Sein Setting wirkt nicht angestaubt, sondern hat Popart-Charme. Und sein Tempo gleicht einem Highspeed-Rennen. Machen wirs kurz, wir haben hier einen Partyknaller vor uns. Die simple Grundhandlung ist dabei kein Manko, sondern sorgt im Gegenteil dafür, dass die genannte Stärken so richtig zelebriert werden. Ganz einfach, weil sie es müssen.
Stallone selbts war für Buch und Regie verantwortlich und als versierter Filmemacher, der er damals bereits war, konnte ihm nicht entgangen sein, wie wenig Substanz in der eigentlichen Geschichte steckte bzw. wie sehr klischeehafte Handlung und Figurenzeichnung auffallen würden, wenn man sie nicht mit lautestem Getöse übertünchte. Die Geschichte von einer im bürokratisch-diktatorischen Russland künstlich hochgezüchteten Killermaschine mit dem Zweck dem Westen seine Dekadenz und Schwäche schmerzlichst vor Augen zu führen hat zweifellos Comicbook-Charakter. Demgegenüber steht der integre, sympathische US-Profi mit dem großen Kämpferherz. Ein Mann, der die Ehre seines im Rig getöteten Freundes Apollo, seine eigene und zuletzt die seines Heimatlandes mit dem letzten Blutstropfen zu verteidigen entschlossen ist. Der Titanenkampf zwischen Drago und Rocky wird zum ultimativen System-Clash stilisiert und das mit allen Regeln der Manipulationskunst.
Jetzt ist es natürlich so, dass Doping und ultimative Systemkontrolle im sowjetischen Sport sicherlich kein böswilliges Ammenmärchen sind. Heute weiß man das noch sicherer als 1985. Auch dass der Sport dort weit mehr als im Westen immer auch als politische Komponente gesehen und dementsprechend instrumentalisiert wurde, ist bestimmt keine perfide Unterstellung. „Rocky IV" ist in dieser Hinsicht also weitaus näher an der Realität als so manche Kritiker seinerzeit sehen wollten, oder zuzugeben bereit waren.
Allerdings setzt Stallone hier auf enorme Zuspitzung (Drago ist nicht nur Marionette, sondern auch gefühlloser Killer) und Vereinfachung (alle Sowjets sind böse und kalt, alle Amerikaner sind gutherzig und mitfühlend), womit der Propaganda-Vorwurf eher schwer zu entkräften ist. Rocky werden z.B. Austragungsort und Datum diktiert, was vor allem bei dem von Christen in aller Welt als Hochfest von Familie, Liebe und Frieden gefeierten Weihnachten noch einen ganz besonderen Tiefschlag bereit hält. Hier muss also ein aufrechter Amerikaner am Weihanchtstag seine Familie verlassen, um im unwirtlichen Russland einem Killer-Boxer und einer zutiefst feindseligen Zuschauermenge gegenüber zu treten. Wer noch irgendwelche Zweifel hat, wem er denn seine Sympathien schenken soll, der sitzt aber mal ganz sicher im falschen Film.
Dass diese monumentale Plakativität letzlich höchstens noch den stört, der tiefe pro-sowjetische Gefühle hegt, ist eine isnzenatorische Meisterleistung. „Rocky IV" wir ja auch gern mal als Musikvideo in Spielfilmlänge bepöbelt, aber hey, genau das ist der entscheidende Dosenöffner. Die auf den Punkt ausgewählten Pop-/Rock-Songs treiben den Plot nicht nur voran, sie emotionalisieren ihn geradezu, so dass man fortwährend mitgerissen wird. Rockys Ankunft in Russland zum stampfenden Rockrhytmus von „Burning Heart" (Survivor hatten ja bereits mit „Eye of the Tiger" die Rocky-Feuerteufe bravourös bestanden) ist dabei der absolute Höhepunkt und ein Referenzbeispiel für die potentille Kraft und Effektivität von Popsongs in Spielfilmen. Genial auch die in voller Länge wummernde Rock-Hymne „No easy way out", zu der Rocky nachts in seinem Sportwagen durch menschenleere Tunnel rast und sich dabei nicht nur an gemeinsame Erlenisse mit dem eben verstorbenen Apollo erinnert, sondern auch den Entschluss fasst, den vermeintlich unbesiegbaren Drago heraus zu fordern. Ein ernsthaftes Drama hätte für eine ähnlich glaubwürdige und vor allem empathische Darstellung von Rockys Innenleben mindestens das Dreifache an Zeit aufwenden müssen. Nicht zu vergessen schließlich James Browns „Living in America" das wunderbar das Las Vegas-Spektakel des Fights Creed vs. Drago auf den Punkt bringt und bei dem immer noch viele überrrascht sind, dass es aus diesem Film stammt (und auch eigens dafür geschrieben wurde).
Was Rocky IV aber vor allem anderen ausmacht, das ist seine fulminante Action-Inszenierung. Wer diesen Film gesehen hat, wird bei jedem realen Schwergewichtskampf in Windeseile wegdösen. Fünf Monate dauerte der Dreh der finalen Ringschlacht zwischen Drago und Rocky und jeder einzelne Tag hat sich gelohnt. Es gibt sicher viele gute Boxerfilme, aber keiner erreicht in den Kampfszenen die Härte, Brachialität und besonders den Mitfieber-Faktor von Rocky IV. Stallone und Dolph Lundgren geben hier erkennbar alles. Der ein oder andere Schlag hat wohl auch richtig gesessen, jedenfalls musste Stallone kurzfristig im Krankenhaus vorbei schauen. Beide sind nicht einfach nur extrem auftrainiert, sondern liefern eben auch boxtechnisch eine grandiose Vorstellung. Dass jeder normale Boxer nach ein zwei der ausgeteilten Schläge bereits auf den Brettern liegen würde, geschenkt. Dass ein realer Rocky nach den gnadenlosen Prügeln der ersten Runden nicht mehr zurück kommen würde, keine Frage. Das ist lupenreines Theater, aber dermaßen spektakulär aufgeführt und versiert montiert, dass man ein ums andere Mal aufspringen und applaudieren möchte (und in der entsprechenden Runde auch tut).
Vor dem eigentlichen Kampf muss natürlich trainiert werden und das ist eine Schau für sich. Wiederum kongenial untermalt von treibenden Synth- und Rock-Sounds schneidet Stallone die jeweiligen Trainingseinheiten der beiden Kontrahanen parallel. Während Drago sich in einem Hochleistungszentrum an den neuesten Hitech-Geräten und unter strengster wissenschfatlicher Aufsicht in Höchstform bringt, wählt Rocky die verschneite Einöde des russische Hinterlands und schaufelt wie ein Wilder Schnee, schleppt zentnerschwere Steine und arbeitet sich bis zum letzten Schweißtropfen an rostigem Eisen ab. Das dient natürlich auch der sich durch den ganzen Film ziehenden zwei Fronten-Thematik, feiert aber in erster Linie die sportlichen Höchstleistungen der beiden Muskelpakete ab und frönt ungeniert dem Körperkult. Wer danach nicht Lust auf zumindest ein paar Klimmzüge oder Liegestütze bekommt, der muss Sport hassen.
Dass am Ende dann das Publikum zu Rocky überwechselt und den eigenen Athleten ausbuht, ist dann selbst für „Rocky IV"-Verhältnisse ein wenig over the top. Selbst das Gorbatschow-Lookalike mitsamt seiner Politbüro-Prominenz wird von Stallone zum Beifall-Klatschen verdonnert. Aber wir wollen mal nicht so sein, schließlich ist Weihnachten! Und wer möchte dem sympathischsten Underdog mit dem größten Kämpferherz mindestens der Boxfilmgeschichte schon widersprechen, wenn er lauthals in die übervolle Arena schmettert: „Wenn ich mich ändern kann, dann könnt ihr euch auch ändern - dann muss sich auch die ganze Welt ändern können!"
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Bad Ass Rating: 10/10 (Drago tötet Apollo im Ring; Rocky stemmt alles, was ihm in die Quere kommt, egal ob Mensch, Stein oder Eisen und zeigt eine der irrsten Bauchmuskelübungen der Filmgeschichte; der finale Boxkampf ist die bis heute spektakulärste und am besten choreographierte Ringprügelei)
Muscle Posing Rating: 10/10 (das Training der beiden Kontrahanten feiert den Körperkult hemmungslos und zeigt vor allem Stallone in einer muskulären Höchstform, die selbst Verächtern Respekt einflößt; da wollen auch Carl Weathers und Dolph Lundgren nicht kleckern und pumpen sich ebenfalls olympiareif auf)
Originaltitel: "Rocky IV" (der deutsche Zusatz „Der Kampf des Jahrhunderts" trifft die Essenz des Films ausnahmsweise mal voll auf den Punkt)
Ähnlichster Schwarzenegger Film: „Pumping Iron" (Klar, ist nur ein Dokumentafilm, aber Arnold-Intimus und Bodybuilding-Ikone Franco Columbo hat Sly für Rocky IV auftrainiert. Abgesehen davon, wenn Rocky IV keine Werbung für Kraftsport und Körperkult ist, dann gibt es keine.)
Sly mit Rocky-Punch: Dreifach-Check / Sly mit Selbstzweifel-Dackelblick: Check / Sly oben ohne: Dreifach-Check (hier erfährt jeder einzelne Muskel seine ausgiebige Würdigung)
Beste Oneliner (kommen bei Rocky traditionell von den beiden Großmäulern Paulie und Apollo): „Keine Schmerzen! Keine Schmerzen! Du kennst keine Schmerzen!" (Trainer Duke motiviert Rocky), „Ich seh ihn drei Mal vor mir" (Rocky zu Paulie beim Endkampf) - „Nimm den ihn der Mitte" (der lapidare Kommentar des Schwagers), „Was für eine deprimierende Gegend ... gibt´s hier wenigstens Kabelfernsehen?" (Paulie nach der Ankunft in der verschneiten russischen Einöde)
Filmposter-Slogan: „Er steht vor seiner größten Herausforderung, dem Kampf seines Lebens." (mal eine quasi wörtliche Übersetzung des Originals: „He´s facing the ultimate challence. And fighting for his life").