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“Im Western was Neues”

Leigh Brackett (1915-1978) ist eine heute wenig bekannte Autorin von Science-Fiction-Romanen und -Kurzgeschichten. Ihr Popularitäts- und Schaffenshöhepunkt liegt in den 1940er und 50er Jahren. Regielegende Howard Hawks - selbst in mehreren Genres zu Hause1 - war nicht zuletzt von der Bandbreite Bracketts fasziniert. In ihren Science-Fiction Geschichten fanden sich auch Motive aus so unterschiedlichen Bereichen wie Krimi, Fantasy, Western oder Komödie. Es ist kein Zufall, dass der junge George Lucas ebenfalls zu den großen Bewunderern Bracketts zählte und sie unbedingt für die Fortsetzung seiner Science-Fiction-Genremixtur Star Wars verpflichten wollte.2
Bracketts Hard-boiled-Roman No good from a Corpse (1944) bewegte Hawks schließlich dazu, sie für das Drehbuch von Raymond Chandlers The Big Sleep zu verpflichten. Der Rest ist - wie man so schön sagt - (Film-)Geschichte. Die Leinwandversion des etwas wirren ersten Marlowe-Romans avancierte nicht zuletzt dank Bracketts gepfefferter Dialoge zum Kassenschlager, machte nebenbei Bogart/Bacall zum „heißesten“ Gespann Hollywoods und gilt bis heute als absoluter Klassiker des Film Noir.

15 Jahre später gelang dem Erfolgsduo das gleiche Kunststück in einem völlig anderen Genre. Der Edelwestern Rio Bravo (1959) ist nach wie vor einer der beliebtesten und bekanntesten Vertreter seiner Gattung. Wie schon in The Big Sleep waren neben den groß aufspielenden Stars (John Wayne und Dean Martin) auch hier die Dialoge das eigentliche Highlight des Films. Die Wortgefechte zwischen Wayne, Martin, Angie Dickinson sowie die trocken flapsigen Sprüche Ricky Nelsons erinnern an beste Screwball-Zeiten und besitzen auch fast 50 Jahre später noch allerhöchsten Unterhaltungswert.
Vor diesem Hintergrund scheint es nur allzu verständlich, dass Hawks sieben Jahre später bei seinem Plan, die für Rio Bravo nicht verwendeten Storyelemente und Wendungen für einen weiteren Western - El Dorado - zu verwerten, erneut auf die bewährte Drehbuchautorin zurückgriff. 1959 habe man eine bestimmte Richtung eingeschlagen, so Hawks, dabei allerdings verschiedene Handlungsvarianten entworfen und soweit entwickelt, dass sie ein „Quasi-Remake“ rechtfertigten. Aber ist El Dorado wirklich eine lediglich leicht modifizierte Neuauflage des Klassikers von 1959?

Tatsächlich erinnert auf den ersten Blick so einiges an Rio Bravo. Hier wie dort müssen sich zwei alternde Haudegen (John Wayne und Dean Martin in Rio Bravo sowie erneut John Wayne und Robert Mitchum in El Dorado) in einem verschlafenen Nest gegen einen skrupellosen Rinderbaron behaupten. Dieser hat eine ganze Bande Schläger und Revolverhelden angeheuert, um seine Ziele durchzusetzen. Einer der beiden Helden ist Sheriff und verfügt lediglich über einen Deputy im Rentenalter.
Genreikone John Wayne gibt in beiden Filmen den geradlinigeren und tonangebenden Heroen. Sein „alter“ Freund ist jeweils hoffnungslos dem Alkohol verfallen und belastet damit die Seite der Underdogs mit einem nicht unerheblichen zusätzlichen Handicap. Das vor allem numerisch hoffnungslos unterlegene Heldenquartett wird sowohl in Rio Bravo (Ricky Nelson) wie auch in El Dorado (James Caan) durch einen jungen Heißsporn komplettiert, der durch seine unbekümmerte Art und manch draufgängerische Aktion letztlich entscheidend zum Sieg der „Guten“ beiträgt. Lustigerweise tragen beide den Namen klassischer „Western-Flüsse“ (Colorado und Mississippi). Zu guter letzt erlebt das Publikum beide Male John Waynes unbeholfene und damit höchst unterhaltsame Versuche, beim anderen Geschlecht zu landen.

Wer jetzt meint „Ich kenne Rio Bravo, also brauche ich mir El Dorado gar nicht mehr anzusehen“, der irrt gewaltig. Unter der Oberfläche El Dorados lauert ein ganz anderer Film als das „Vorbild“ von 1959. Das beginnt bereits mit Waynes Charakter. Der alternde Revolverheld Cole Thornton hat nur wenig vom aufrechten und stets souveränen (Ausnahme: Frauen) Sheriff John T. Chance. Nicht nur, dass er seine besten Zeiten bereits hinter sich hat, zu allem Überfluss wird er auch noch zu Beginn des Films von einer Frau angeschossen. Doch damit nicht genug. Thornton ist zu beschäftigt, die Kugel in der Nähe der Wirbelsäule entfernen zu lassen, was im Verlauf des Films wiederholt zu einer halbseitigen Lähmung führt - natürlich stets in den denkbar unpassendsten Momenten. Der klassische Westernheld jedenfalls sieht anders aus.
Auch der jugendliche Sidekick erfährt eine „sanfte“ Neuorientierung. Das fängt schon beim Namen an. Cole Thornton ist zunächst fassungslos, als er Mississippis echten Namen erfährt - „Alan Bourdillon Traherne“ - und beglückwünscht ihn aufrichtig zur Wahl seines „Künstlernamens“. Sein Äquivalent in Rio Bravo muss sich dagegen nicht mit einer solchen Peinlichkeit herumschlagen. Aber das ist noch nicht das „Schlimmste“. Während Nelsons Colorado trotz seiner jungen Jahre ein wahrer Meisterschütze ist, benutzt Mississippi ein Wurfmesser, da er es fertig bringt, einen mannshohen Kaktus selbst aus kürzester Entfernung meterweit zu verfehlen. Der frustrierte Cole Thornton verpasst ihm daraufhin eine monströse Doppelläufige Schrotpistole mit dem weisen Ratschlag: „Halte sie einfach vor dich, irgendetwas wirst du schon treffen.“ Das funktioniert dann so „gut“, dass er seinem Mentor im finalen Shootout (ungewollt) einen Beinschuss verpasst.
Sowohl Held wie auch Eleve sind also, wenn nicht Karikaturen, so doch zumindest ironisch verbrämte Gegenentwürfe ihrer klassischen Rio Bravo-Vorbilder.

Mit El Dorado karikiert und persifliert Howard Hawks Motive und Mythen des klassischen Westerns, allerdings ohne sie vollständig zu demontieren. Dass sich eine Gruppe Aufrechter trotz unterlegener Ressourcen erfolgreich gegen Willkür, Skrupellosigkeit und Niedertracht behauptet, ist ohne Frage klassischer Westernstoff. Dabei rückt Hawks aber ein gutes Stück von den reißbrettartigen Mustern genretypischer Figurenzeichnung sowie vertrauter Handlungsschemata ab.
So sind seine vier Helden sämtlich gehandicapt, sei es durch Alkoholismus (Sheriff Harrah), fortgeschrittenes Alter (Deputy Harris), die Unfähigkeit zu schießen (Mississippi) oder körperliche Gebrechen (Cole Thornton). Folgerichtig kann der gefährlichste Gegner (Revolverheld Nelse McLeod) nur mit List und Tücke besiegt werden. Der finale Sieg ist keineswegs Heldenmut oder überlegenen, waffentechnischen Fertigkeiten geschuldet, sondern beruht primär auf einer gehörigen Portion Glück gepaart mit nüchterner Selbsterkenntnis und Altersweisheit. So stellt der sterbende McLeod am Ende fest: „Sie haben mir nicht die geringste Chance gelassen“. Woraufhin Cole antwortet: „Nein, allerdings nicht. Sie sind zu schnell, um Ihnen eine Chance zu lassen.“

Entgegen dem gängigen Klischee vom schweigsamen Westernhelden sind vor allem die beiden Protagonisten extrem geschwätzig. Wie ein alterndes Ehepaar zanken sie sich unaufhörlich und bombardieren einander mit mehr oder weniger gut gemeinten Ratschlägen und süffisanten Bemerkungen. Drehbuchautorin Leigh Brackett sind dabei ein paar fulminante Wortgefechte gelungen, die den komödiantischen Grundton des Films entscheidend prägen. Hawks temporeiche und spritzige Inszenierung rundet die besagten Szenen gekonnt ab. Sein Gespür und Timing für Dialogwitz und Rededuelle kommt dabei nicht von ungefähr, zeichnet er doch auch für den Screwball-Klassiker Leoparden küsst man nicht (1938) verantwortlich.
Überhaupt wird für einen Western enorm viel geredet und diskutiert. In einem Genre in dem vornehmlich zuerst geschossen und erst dann (manchmal) noch gesprochen wird, ist dies durchaus bemerkenswert. Zwar gab es auch bereits in Rio Bravo die ein oder andere humorige Dialogsequenz, die dann allerdings unterhaltsam-witzig und nicht etwa selbstironisch daherkam. Der Mythos des klassischen Western blieb unangetastet.

Indem Hawks die Hauptrolle mit der Westernlegende John Wayne besetzt - der in unzähligen Genrebeiträgen die klassischen Mythen entscheidend mit geprägt und etabliert hat -, schließt sich der Kreis. Der geniale Einfall barg allerdings auch ein großes Risiko, da Hawks wohl kaum eine Demontage im Sinn gehabt haben dürfte. Die mögliche Sorge jedenfalls ist unbegründet. Gerade in El Dorado beweist der als Schauspieler oft unterschätzte und verkannte John Wayne seine Ausnahmestellung und sein untrügliches Gespür für sein Genre. Obwohl er sein eigenes Image gewissermaßen persifliert, schafft er das Kunststück, es nicht auf dem Altar der Lächerlichkeit zu opfern. Auch wenn es abgedroschen und platt klingen mag, aber El Dorado ist nicht zuletzt auch großes Kino eines großen Leinwandstars.

Trotz des beschriebenen kritischen Untertons und einer unverkennbaren „Aushöhlung“ des Western-Mythos verkommt El Dorado aber keinesfalls zu einer albernen Nummernrevue oder bös-bissigen Genreparodie. Stets spürt man Hawks Liebe zum Genre, wenn auch gepaart mit deutlicher Wehmut. Wenn die alternden Helden Wayne und Mitchum nach dem wenig ruhmreichen Showdown am Ende des Films auf Krücken durch die Stadt humpeln, dämmert auch dem letzten Zuschauer, dass die klassischen (Western-)Zeiten langsam aber sicher vorbei sind.

(9/ 10 Punkten)

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1 Hawks drehte nicht nur Western-Klassiker (u.a. Red River 1948, Rio Bravo 1959 und eben El Dorado 1966), sondern drückte auch Genres wie dem Gangsterfilm (Scarface 1932, Tote schlafen fest 1946), der Komödie (Leoparden küsst man nicht 1938, Blondinen bevorzugt 1953) und dem Science-Fiction-Film (Das Ding aus einer anderen Welt 1951) seinen Stempel auf.

2 Brackett schrieb 1978 am ersten Drehbuchentwurf für Das Imperium schlägt zurück.

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