2007 - das Jahr Vier nach dem letzten epischen „HERR DER RINGE"-Meisterwerk.
Bis auf Tim Burton's fantastische Beiträge „THE BIG FISH" und „CHARLIE UND DIE SCHOKOLADENFABRIK" wurde das Fantasy-Herz nicht gerade mit qualitativ hochwertigen Werken verwöhnt. Aber diese Zeit der Leere hat mit Guillermo del Toro's aktuellem Projekt ein Ende gefunden!
Monate lang habe ich mich auf diesen Film gefreut, den Trailer Dutzende Male vorab begutachtet und mir immer wieder die bevorstehenden magischen Momente von „PAN'S LABYRINTH" vor Augen geführt. Kürzlich bei der Oscar-Verleihung noch mit drei Statuen ausgezeichnet, waren die Erwartungen an den Streifen dementsprechend groß und voller Sehnsucht enterte ich gestern das heimische Lichtspielhaus, um endlich in den Genuss dieses hochgelobten Fantasy-Spektakels zu kommen.
Da prinzipiell jedes Wort über den Inhalt des Films bereits gesagt wurde und andererseits dadurch auch viel von der Faszination der Geschichte vorweggenommen wird, möchte ich mich an dieser Stelle kurz fassen. Während man aufgrund der Trailer einen reinen Fantasy-Film erwartet, erweist sich der Streifen inhaltlich alsbald vielmehr als eindringliches Kriegs-Drama. Vor dem Hintergrund des blutigen Konfliktes zwischen Partisanen und dem faschistischen Franco-Regime reist die elfjährige Ofélia mit ihrer schwangeren Mutter zum neuen Stiefvater, Capitan Vidal, der mit sadistischen Methoden die republikanischen Rebellen bekämpft. Die nüchternen familiären Umstände und schwierigen Verhältnisse im Land lassen das Mädchen in eine unterirdische Fantasiewelt flüchten, in der sie den unheimlichsten Fabelwesen begegnet...
Entgegen der ursprünglichen Annahme spielt die Fantasy-Komponente eine untergeordnete Rolle, was jedoch den eigentlichen Clou des Streifens ausmacht. "PAN'S LABYRINTH" kommt ohne jeglichen Humor aus und ist durchgehend düster gehalten. Die Kulissen - zumindest in der realen Welt vor dem Hintergrund eines beängstigenden Kriegs-Szenarios - wirken einfach und trostlos und erzeugen gerade deshalb einen unglaublichen Realismus. Ängste und Leiden der Menschen sind allgegenwärtig. Die Brutalität des Krieges wird schonungslos zelebriert, ohne jedoch plakativ zu wirken - gerade diese Szenen sind jedoch in ihrer Darstellung sehr explizit und aus diesem Grund wahrlich nichts für schwache Gemüter, denn del Toro schaut nicht weg, wenn es um Folter und Tod geht!
Dem gegenüber bilden die märchenhaften Kulissen aus der Welt der Elfen und Faune einen krassen Gegensatz. Guillermo del Toro versteht es wie kaum ein anderer, fantastische, geradezu surreale Welten zu entwerfen und auf die Leinwand zu bringen. Dieser Gegensatz aus nüchterner Gewalt und sinnlicher Fantasie ist die treibende Kraft eines Films, dessen Intensität von Minute zu Minute wächst.
Das Ergebnis ist eine Art „ALICE IM WUNDERLAND" für Erwachsene in Zeiten von Kriegsverbrechen, Elend und Hungersnot. Ein Märchen für das reife Publikum, das mit phänomenaler Ausstattung, seien es Kostüme, Bauten oder die unglaubliche Detailverliebtheit bei der Gestaltung der Fabelwesen des Labyrinthes, begeistert. Trick-Techniker und Designer haben hier wahrhafte Glanzleistungen abgeliefert, die zusätzlich von sensationellen CGI-Effekten unterstützt werden, welche als solche aber nicht erkenntlich sind, was auch für deren Qualität spricht.
„PAN'S LABYRINTH" mit Plagiats-Vorwürfen irgendwo zwischen „LEGENDE", „DER ZAUBERER VON OZ" oder auch „DIE CHRONIKEN VON NARNIA" anzusetzen, würde dem Film jedoch in keinster Weise gerecht: Zu innovativ arbeitet der Regisseur mit den fantastischen Elementen, entwirft im Gegensatz zu oben genannten Werken eine beängstigende Atmosphäre in einer düsteren Epoche ohne jegliche Zuversicht und Hoffnung auf Erlösung. Humor ist hier fehl am Platz und im Gegensatz zur üblichen Hollywood-Konkurrenz wird hierauf auch glücklicherweise gänzlich verzichtet.
Ein wesentlicher Grundstein dieses funktionierenden Gesamtkonzeptes bildet auch das engagierte Schauspieler-Ensemble, welches solide sämtliche Charaktere verkörpert und ihnen Gesichter und Menschlichkeit verleiht. Allen voran der Leistung von Sergi Lopez gebührt höchstes Lob: Seine Verkörperung des unbarmherzigen und kompromisslosen Capitan Vidal ist eine der herausragenden Darsteller-Leistungen der letzten Jahre.
Ich bin wirklich niemand, der mal eben schnell (und vielleicht auch voreilig) zur Höchstnote greift und es gibt auch wirklich nur einige wenige auserlesene Filme, die diese Auszeichnung meiner Meinung nach verdienen. Aber umso länger ich über Guillermo del Toro's Werk nachdenke, desto perfekter ist das Ergebnis. Ich kann beileibe keine Schwachstellen ausmachen und finde keinen Ansatz der negativen Kritik - Nein, vielmehr jagt mir jeder neuerliche Gedanke an dieses Kino-Erlebnis einen weiteren Schauer durch den Körper, während ich vergnügt und überwältigt zugleich das musikalische Leitmotiv des Films vor mich hin summe; wenn das kein Zeichen ist!?!
Mit einer der besten Geschichten der letzten Jahre, durch die meisterhafte Inszenierung eines begnadeten Regisseurs und einem der ergreifendsten Film-Enden der Kino-Geschichte ist „PAN'S LABYRINTH" - neben dem unbestrittenen Fest für Augen und Ohren - auch inhaltlich ein filmisches Gesamtkunstwerk, das zugleich begeistert und schockiert.
Wenn nach Einsetzen des Abspanns minutenlanges, betroffenes Schweigen den Kinosaal durchfährt, in dem sich nicht ein einziger Besucher von seinem Sitz losreißen kann (!!!), wurden wir gerade Zeuge eines der wahrhaft großen Kino-Momente der letzten Jahre!