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Es gibt Filme für die würde ich töten, um sie nur einmal im Kino sehen zu dürfen. „Danger Diabolik“ gehört in diese Kategorie.
Mario Bava („Der Würger mit der Maske“, „Im Blutrausch des Satans“) gilt gemein hin als Koryphäe des klassischen Italo-Horrorfilms und zwar vollkommen zurecht. Der Mann verfügte über ein unvergleichliches Phantasie-Spektrum, das ihn in einer eigenen Liga spielen ließ. Seine besseren Werke sind meist pures Sehvergnügen, auf das sich auch gern Zuschauer einlassen, die den Horrorfilm nicht zu ihrer Heimat zählen.
Untypisch mutet seine filmische Adaption des gleichnamigen, italienischen Erfolgs-Comics der Geschwister Giussani an, die er im Auftrag von Dino DeLaurentiis („Year of the Dragon“, „Hannibal“) drehte. Italiens findige Produzenten waren auch zu dieser Zeit bereits in der Lage sich an angesagte Kino-Trends anzupassen und so kann „Danger Diabolik“ als ein irrwitziger Gegenentwurf zu James Bond identifiziert werden, der es sich auf der falschen Seite des Gesetzes so richtig gut gehen lässt.
Ausgestattet mit seinem persönlichen Rekordbudget von 3 Millionen Dollar, wusste Bava zunächst gar nicht so recht was er mit dem ganzen Geld anstellen sollte, war er es doch gewohnt viel sparsamer zu arbeiten. Daraus resultierte ja unter anderem auch sein unverwechselbarer Stil, der begrenzten Budgets zugrunde lag. Bava drehte seine Filme gern so, dass sie viel teurer aussahen, als sie letzten Endes waren.
Deshalb verbrauchte er als sehr ökonomisch arbeitender Regisseur auch nur einen Bruchteil der großzügigen Summe und schuf trotzdem einen der sehenswertesten, italienischen Filme dieser Zeit. Ich möchte als lediglich bedingter Horror-Fan sogar behaupten, einen besseren Film hat Bava nie inszeniert.

Denn sein „Danger Diabolik“ atmet die Sixties förmlich. Wer gern in Nostalgie schwelgt, einen Faible für diese Epoche besitzt und gern mal wissen will, auf welchen Vorlagen Austin Powers und Co fußen, der ist hier goldrichtig. Ich möchte mich am liebsten sofort hinein beamen und vier Wochen Urlaub machen.
Bavas Phantasie kennt mal wieder keine Grenzen und er inszeniert seiner Zeit deutlich voraus. Sein poppiger Look schreit nur so vor Stil. Jede Einstellung muss in möglichst abwechslungsreichen Kameraperspektiven farbenfroh und grell ausschauen. Bunte Farblampen, verzerrt reflektierende Spiegel, sorgfältige Miniaturen und eine exquisite Ausstattung sorgen für das richtige Flair.
Die mit den psychedelischen Farbkompositionen abgestimmte Beleuchtung trägt wie gewohnt die Handschrift dieses überaus kreativen und visionären Filmemachers, der wie kaum ein anderer mit einfachsten Mitteln ein Maximum an Flair und Atmosphäre zaubert. Fast 40 Jahre später wirkt das Ambiente mit seinen schrillen Farbgebungen und den eigentümlichen Designvorstellungen der nahen Zukunft gleich noch einmal so urig auf den Filmliebhaber. Seine tricktechnischen Leistungen sind außerdem eine Nummer für sich.
Ennio Morricone lässt sich da als Komponist auch gar nicht lumpen und untermalt die Bilder mit einem swingenden 60s-Score, der sich an das Geschehen kittet, als wäre der Film mit seinen Tönen im Hinterkopf schon inszeniert worden. Klasse und Stil wohin man sieht und man kann sich gar nicht satt sehen. Mittendrin minutenlang ein Club mit kiffenden Individuen, Morricones Musik und Bavas psychedelischen Bildern. Eine Schande, dass der Film nach seiner Kinoauswertung in Deutschland nie veröffentlicht oder ausgestrahlt wurde.

Titelfigur Diabolik ist eine durch und durch anarchistisch angelegter Verbrecher. Ein Hedonist, der seine Streifzüge aus der puren Lust heraus plant und natürlich den Mammon liebt. Sein Unterschlupf erinnert an eine stilvolle, bunte Sixties-Lounge inklusive aller erdenklicher High-Tech-Bequemlichkeiten. Naja, eher eine Liebesgrotte...
Als eine Quersumme aus James Bond und Batman sieht er seine Diebstähle als eine Kunstform an, die es zu perfektionieren gilt. In seinem schwarzen Anzug narrt er mit seinen technischen Gimmicks die überforderte Polizei, allen voran Inspector Ginko (Michel Piccoli, „Die Audienz, „Das große Fressen“), der es sich auf den Leib geschrieben hat, den raffinierten Superverbrecher und seine wunderschöne Komplizin Eva Kant (in knappsten Minis: Marisa Mell, „Nackt über Leichen“, „Hilfe, ich bin eine männliche Jungfrau“) dingfest zu machen. Aber wie soll man jemanden fangen, der das Verbrechen perfektioniert?

„Danger Diabolik“ lebt von seinem Style und weniger von seiner Story, die im Grunde nicht mehr als ein ständiges, in Kapitel unterteiltes Katz- und Mausspiel zwischen Diabolik und Ginko darstellt. Zwar mischt sich auch noch der Unterweltboss Ralph Valmont (ausgerechnet „Thunderball“ – Bösewicht Adolfo Celi) ein, weil die Cops auf der Suche nach Diabolik ihn empfindlich in seinen Geschäften einschränken, worauf er ihnen seine Unterstützung anbietet, grundsätzlich landet Diabolik hier aber einen Coup nach dem anderen und ist den Gesetzeshütern immer einen Schritt voraus. Verfolgungsjagden mit dem Auto, riskante Klettereinlagen mit Saugnäpfen oder der Diebstahl eines 20 Tonnen schweren Goldbarrens per U-Boot gehören zu den Highlights. Notfalls stellt sich Diabolik eben tot, um den schwedischen Gardinen zu entgehen und stellt keck die Regierung erneut bloß, indem er eine Pressekonferenz, auf der die Wiedereinführung der Todesstrafe verkündet wird, mit Lachgas attackiert oder alle Finanzministerien sprengt. Durch den Verlust aller Unterlagen droht der Staat pleite zu gehen. Als hätte sein Image nicht schon stark genug unter den ständigen Attacken Diaboliks gelitten.

Die altmodische Inszenierung der Action (u.a. Rückprojektionen bei den Verfolgungsjagden), eine wahnsinnig originelle Kameraarbeit und die einfallsreichen Tricks (u.a. der Spiegel auf der Straße) treiben den Fans vor lauter, wehmütiger Anflüge von Nostalgie die Tränen in die Augen. Diaboliks unterirdisches Hauptquartier im futuristischen Design, das Batman vor Neid erblassen lassen würde, mit den originellen Duschen, dem Drehbett und natürlich den schicken Autos ist auch so ein Fall für sich.

Natürlich bleibt der Film von Anfang bis Ende schonungslos naiv und völlig überzogen, aber genau diese bewusst unwirkliche Art macht „Danger Diabolik“ so über alle Maßen charmant.
Ständig ist etwas los, obwohl die Handlung gar nicht so viel Abwechslung anbietet. Bava inszeniert eben mit hohem Tempo.
Diabolik klettert an glatten Felswänden hoch, lässt Züge entgleisen, rast Polizeiwagen in seinen Sportwagen davon, lässt es sich gut gehen, springt mit dem Fallschirm aus Falltüren in Flugzeugen in die nächtliche Tiefe, liefert sich Schusswechsel mit der Polizei und nimmt sich trotzdem seiner Aufgabe immer ganz sportlich elegant an. Er kann aber auch anders, wenn es die Situation notfalls erfordert und das tut sie öfter, so dass doch einige Gegner auf der Strecke bleiben.
Die von Mario Bava versprühte Lust an der Unterhaltung saugt man als Zuschauer förmlich auf und sympathisiert dabei eher mit dem bösen Diabolik als mit der Polizei. Man mag dem Verbrecher gar nichts Böses wünschen, soviel Spaß macht es seinem Treiben beizuwohnen, denn Eyecandy gibt es ohne Unterlass. Sein Augenzwinkern zum Schluss ist kein Abschied, sondern eine Nachricht ans Publikum: Nehmt es bloß nicht zu ernst. Ich hoffe ihr hattet den selben Spaß wie ich.
Schade, dass das Sequel nie realisiert wurde. Mario Bava verlor nach seiner ersten Großproduktion schnell wieder die Lust daran und kehrte zu überschaubareren Projekten zurück.


Fazit:
„Danger Diabolik“ ist ein zumindest hierzulande leider vergessenes Relikt, das man einfach lieb haben muss. Style over Substance wird von Mario Bava nicht nur sorgfältig gepflegt sondern launig zelebriert. Seine lustvolle Comic-Adaption überzeugt als erstklassig inszeniertes, Popart-Abenteuer, das tief verwurzelt in den Sechziger seine Schauwerte mit unwahrscheinlich viel Flair aus dieser Dekade bezieht. Bava übertrifft sich dabei selbst, inszeniert mit Drive, Phantasie und Stil und verliebt sich über beide Ohren in seine unglaublichen Sets. Die Tricktechnik und die Setbauten zeugen von seiner Genialität, wobei man auch die Darsteller nicht vergessen darf, die ihre Figuren herrlich überzogen spielen und damit dem Film erst den rechten Drive verleihen. Morricones Score untermalt den Film mit einem kribbelnden, swingenden Sound der Sechziger, der eigentlich in jede gut bestückte Soundtrack-Sammlung gehören müsste. Ich konnte mich für meinen Fall gar nicht satt sehen und habe ihn gleich noch einmal angeschaut.

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