4. August 2017

Beitrag

von PierrotLeFou

Vor 25 Jahren: Eastwoods legendärer Spätwestern

Unforgiven (1992)

Westernrollen hatten Eastwood ab 1964 weltweit berühmt gemacht. In Leones Dollar-Trilogie schrieb Eastwood als harter, schweigsamer Bursche Filmgeschichte: Sein Gesicht wurde schlagartig zur Ikone des Genres, sein Name besaß schnell einen mythischen Klang. In US-Western wie Ted Posts "Hang 'em High" (1968) oder Don Siegels humorvollen "Two Mules for Sister Sara" (1970) spielte er mit diesem Image eher, als dass er es festigte. Festigen konnte er es hingegen mit seiner Paraderolle des reichlich reaktionären Inspektors Harry Callahan in der unter Siegels Regie gestarteten Dirty Harry-Reihe. Das Image der chauvinistischen Figur, die auf political correctness scheißt, als Mann der Tat nur Verachtung für Bürohengste und Eierköpfe übrig hat, färbte recht schnell auch auf Eastwood selbst ab. Vor allem deshalb, weil er auch als Regisseur seit seinem Regiedebüt "Play Misty for Me" (1971) immer wieder den reaktionären Lösungen jede Menge Platz einräumte - und stets die harten Männern der Tat als charismatische Protagonisten zeichnete, derweil er - wie Dirty Harry - den Männern der Theorie wenig zutraut; das bleibt nicht bloß bis "American Sniper" (2014) so, sondern selbst in einem so harmlosen Werk wie "Sully" (2016) spielt er genüsslich den erfolgreichen Piloten gegen die Flugsicherheitsbehörde aus. Zu seinen frühen Regiearbeiten zählen immer wieder auch Western: "High Plains Drifter" (1973), das Meisterstück in Eastwoods Frühwerk, "The Outlaw Josey Wales" (1976) und - als der US-Western längst totgesagt worden war - "Pale Rider" (1985)... Hier - und in mehreren Actionfilmen und Thrillern - arbeitet er unermüdlich weiter am jungen Mythos Clint Eastwood; in gelegentlichen humoristischen oder melodramatischen Beiträgen legt er sein Raubein-Image ein wenig ab, nicht ohne Souveränität & Charisma der jeweiligen Rolle zu wahren.
In "Sudden Impact" (1983) führte er dann erstmals selbst Regie bei einem Film der Dirty Harry-Reihe: Und im Gegensatz zu Ted Posts erstem Sequel "Magnum Force" (1973) fällt Eastwoods kritische Beschäftigung mit reaktionären Lösungen deutlich ambitionierter aus. Diese kritische Hinterfragung baute er fortan immer wieder aus: zuletzt äußerst populär in "Gran Torino" (2008); aber auch dort bleibt die Bewunderung für charismatisch gezeichnete Figuren, die sich jeder Etikette, jeder political correctness verweigern. (Zudem wird in "Gran Torino" Eastwoods Selbstopfer, bei welchem er in Jesus-Pose stirbt, nicht völlig selbstlos ausgeführt, sondern auch über die Verbitterung und die tödliche Erkrankung der Figur begründet.)
Der am 3. August 1992 uraufgeführte "Unforgiven" ist sicher einer der wichtigsten Filme in Eastwoods Filmografie, vielleicht sogar der wichtigste: Sein letzter, Don Siegel und Sergio Leone gewidmeter Western ist - wie so viele große Spätwestern ab den 60er Jahren - eine Abrechnung mit allen Westernmythen und zudem Eastwoods gelungenste Distanzierung von der reaktinären Lösung, der er seine Karriere verdankt. Zwar besitzt auch dieser Film seine chauvinistischen Attitüden und ein halbwegs gebildeter Schreiberling wird als erbärmlicher Feigling gezeichnet, der sich in Großaufnahme auch einmal vor Angst einpinkeln darf; und Eastwood tritt auch hier im Finale als Rächer ausgesprochen cool & charismatisch inszeniert zu einem Donnerhall auf, wird auch hier von einem jugendlichen Bewunderer als unerreichbarer, unnachahmlicher Typ beschrieben und agiert gegen Ende als unnahbarer Racheengel vor einer amerikanischen Flagge in leichter Aufsicht. Aber "Unforgiven" liefert nicht bloß starke Einzelszenen - wie z.B. die absurde Waffenpause in der Schießerei, welche zur Versorgung eines Angeschossenen eingelegt wird, oder die Auspeitschung des Farbigen, welche über das Motiv der Sklaverei die konkrete Handlung auf die amerikanische Geschichte/Gesellschaft selbst ausweitet -, sondern auch über weite Strecken eine sehr eindringliche Verurteilung der Gewalt, was vor allem auch Drehbuchautor David Webb Peoples zuzuschreiben ist. Dass Gewalt hier dennoch eine teils notwendige Lösung darstellt, ist freilich nicht die Schwachstelle des Films, zumal nur die Schurken nicht an ihr zu zerbrechen scheinen: problematisch bleiben hingegen die Coolness, mit welcher Eastwoods Figur im Finale 'aufräumt', und die Bewunderung, welche Nebenfiguren, Dialoge und Inszenierung der Figur dafür entgegenkommen lassen. Eastwoods Inszenierung löst die Möglichkeiten des Buches nicht gänzlich ein, weil sie der Faszination der kritisierten Gewalt letztlich doch erliegt. Großen Italo- und Spätwestern wie Sollimas "Faccia a faccia" (1967), Corbuccis "Il grande Silenzio" (1968), Altmans "McCabe & Mrs. Miller" (1971), Peckinpahs "Pat Garrett & Billy the Kid" (1973) oder Ciminos "Heaven's Gate" (1980) ist Eastwoods Entmythisierung des Genres daher trotz seiner großen Qualitäten - wie der namhaften Besetzung mit Clint Eastwood, Gene Hackman, Morgan Freeman und Richard Harris - und der neun Oscar-Nominierungen keinesfalls überlegen, da sie letztlich nicht weniger oder sogar weit mehr am Mythos hängen bleibt.
Etwas enthusiastischer äußert sich Blade Runner in seinem lesenswerten Review...

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