The Red Shoes (1948)
Seit mittlerweile über sechs Jahren werden hier in der Anniversary-Ecke die Filme des britischen Drehbuch-Regie-Gespanns Michael Powell und Emeric Pressburger gewürdigt: angefangen bei „49th Parallel“ (1941), „The Life and Death of Colonel Blimp“ (1943) über „A Canterbury Tale“ (1944), „A Matter of Life and Death“ (1946) und „Black Narcissus“ (1947). Den unbestrittenen Gipfel bildet jedoch ihr Drama „The Red Shoes“, das am 22. Juli 1948 in London uraufgeführt wurde. Die perfekte Verbindung aus psychologisch dichter Figurenzeichnung, dramatischer Zuspitzung, künstlerischer Gestaltung, klassischer Musik und packendem Schauspiel schafft ein Filmerlebnis, das auch nach 75 Jahren erstaunt, mitreißt und fasziniert. Auch Filmemacher der Gegenwart erweisen diesem Meilenstein ihren Respekt, zuletzt etwa Darren Aronofsky mit seinem Powell & Pressburger-inspirierten „Black Swan“ (2010).
Lose basierend auf einem Märchen von Hans Christian Andersen, wird die Geschichte einer Ballerina aus gutem Hause (Moira Shearer) erzählt, die in der Ballett-Compagnie eines illustren Impresarios (Anton Walbrook mit unvergleichlichem Charisma) zum Star wird, jedoch durch die Liebesbeziehung zu einem jungen Komponisten (Marius Goring) ihre Karriere in Gefahr bringt. Es entfaltet sich eine überwältigende Vielschichtigkeit von Sinnebenen, Motiven und Konflikten, die kunstvoll ineinander verwoben sind: es geht um die ganz großen Themen wie den Widerspruch zwischen Kunst und Leben, um Liebe und Eifersucht, um die Entscheidung zwischen beruflichen Erfolg und privatem Glück, um Macht und Loyalität – das alles eingebettet einen mystisch-märchenhaften Rahmen, in dem die Grenzen zwischen Realität und Fantasie mitunter aufgehoben sind. Illustre Schauplätze (fantastische Bühnenbilder von Hein Heckroth oder die malerische Küste Monacos) sowie Kameramann Jack Cardiffs prägnante Farbdramaturgie mittels Technicolor verleihen dem Backstage-Drama ein unwirkliches Flair. Den Mittelpunkt von „The Red Shoes“ bildet eine ausgedehnte, nur von Musik begleitete Ballettszene, wodurch das künstlerische Ideal des Gesamtkunstwerkes erreicht wird, wie es im 19. Jahrhundert etwa von Richard Wagner für die Oper formuliert wurde: unterschiedliche Künste wie Musik, Dichtung, Tanz und Bühnenbild erreichen eine vollkommene, transzendentale Symbiose.
Auch wenn Powell & Pressburger das Gesamtkunstwerk-Konzept noch einmal aufgreifen sollten (z.B. mit „The Tales of Hoffman“, 1951), konnten sie damit jedoch nicht den Bogen in die Nachkriegs-Gegenwart schlagen wie in „The Red Shoes“, in dem es auch um die Selbstbestimmung der modernen Frau geht. Der Filmklassiker ist aktuell nur aus dem Ausland zu beziehen, da die deutschen DVD- und Blu-ray-Ausgaben vergriffen sind. Das Premiumpaket bietet die amerikanische Criterion-Collection mit einer 4K-UHD (Fassungseintrag), die die satten Farben in Dolby Vision zur Geltung kommen läßt. Die umfassende OFDb-Kritik von PierrotLeFou bietet eine Fülle von Analysen sowie Hintergrundinformationen und vergibt für „The Red Shoes“ die Höchstwertung.
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