28. September 2018

Beitrag

von PierrotLeFou

Vor 50 Jahren: Mittelstück von Bergmans Fårö-Trilogie

Skammen (1968)

Ein halbes Jahr nach "Vargtimmen" (1968) schob Ingmar Bergman den am 29. September 1968 uraufgeführten "Skammen" nach, der mit dem Vorgänger und "En passion" (1969) die sogenannte Fårö-Trilogie bilden sollte. Schon im Vorgänger bildete die Insel den idealen Ort für ein Drama der Isoliertheit – und ein solches stellt (auf gänzlich andere Weise) auch "Skammen" dar, der sich derartig zum Antikriegsfilm verhält wie "Vargtimmen" zum Horrorfilm. Liv Ullmann und Max von Sydow, zwei der bedeutendsten Bergman-Schauspieler, geben hier nach "Vargtimmen" erneut ein Paar – bei welchem wie so oft in Bergmans Filmen eine Bereitschaft zur Selbstzerfleischung lauert. In der zunächst vordergründig liebevollen Beziehung blitzen schon früh immer wieder Momente durch, in denen sich Verständnislosigkeit, Vorwürfe und Abneigung ausbreiten. Als ein recht abstrakt im Hintergrund bleibender Krieg die Idylle auf Fårö unterbricht, kitzelt die Krisensituation aus beiden Figuren Reaktionen heraus, denen die Scham auf dem Fuße folgt. Das betrifft von Sydows Figur etwas stärker, wird er doch als übermäßig sensibel und leicht feige gezeichnet, um im Laufe der Handlung besonders große Schuld auf sich zu laden. Aber auch vor der Frau machen Selbstverrat und Selbsterniedrigung unter den besonderen Umständen nicht Halt. Dieser abstrakte, existentiellere Blick auf die Krise des Krieges hat wenig mit der zeitgenössischen Haltung gemeinsam: er protestiert nicht engagiert gegen konkrete, aktuelle Ereignisse, wie es in diesem Jahre weltweit unter Einfluss des Vietnamkriegs geschah; und erzählt nicht von – scheiternden oder erfolgreichen – Missionen, deren meist unschuldigen Protagonisten mehr und mehr ihre Unschuld verlieren. Erzählungen wie Wolfdietrich Schnurres "Auf der Flucht" (1966) (oder Wolfgang Borcherts versöhnlicheres "Das Brot" (1946)) ähnelt dieses Werk über Fehltritte und Scham mehr als der Kriegsfilmkultur der Nachkriegszeit. Am nächsten stand ihm seinerzeit vielleicht noch Miklós Jancsós "Szegénylegények" (1965), der neben einer systematischen Zermürbung inhaftierter Widerstandskämpfer auch deren Bereitschaft zum Verrat der Leidensgenossen behandelt. Auch bei Bergman brechen unter dem (mal kafkaesk, mal absurd getönten) Druck die unedelsten Seiten der Hauptfiguren hervor: die Frau verkauft sich ohne größeren Widerstand, der Mann entwickelt sich von einer feige-egoistischen zur mörderischen Figur. Und beide Figuren halten sich gegenseitig ihre immer größer werdenden Verfehlungen vor.
Und in einer Szene dringt auch die mit "Persona" (1966) ins Zentrum gerückte Selbstreflexion des Films in den Mittelpunkt: Truppen drehen einen Propagada-Interviewfilm über die befreite Bevölkerung, zu welchem man diese erst einmal nötigen muss. In dieser kleinen Szene mag Bergmans Kriegsfilm, der für keine der streitenden Seiten Partei ergreift, doch ein bisschen Aktualität in sich zu wahren, kippte doch gerade erst das Bild, das die (filmischen) Medien von Vietnam gezeichnet hatten.
In der umfangreichen Ingmar Bergman Edition von Arthaus/Kinowelt liegt auch dieses Werk seit rund 12 Jahren auf DVD vor: Fassungseintrag von jtip

Details
Ähnliche Filme